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Formel 1 auf dem Nürburgring Winkelhocks Traum wird wahr

20.07.2007 ·  Ein bekannter Name, ein fröhlicher Typ, ein beachtlicher Rennfahrer, auch wenn er im freien Training Letzter wurde: Markus Winkelhock steigt auf dem Nürburgring in die Formel 1 ein: „Es ist wichtig für mich, dass mein Renndebüt auf dieser Strecke stattfindet.“

Von Anno Hecker, Nürburgring
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Nur nicht die Tür zuschlagen. Es könnte etwas von der Wand fallen. Vielleicht klappt auch das ganze Motorhome des Rennstalls Spyker zusammen, sobald der Technik-Chef Mike Gascoyne - Spitzname Pit-Bull - mal richtig brüllt. Bislang wackeln samstagsnachmittags vor den Formel-1-Rennen beim niederländischen Team die Wände aber nur vor Lachen; wenn Gascoyne mit britischer Ironie beim Tabellenletzten der Formel 1 wieder Episoden aus dem Leben eines umtriebigen Formel-1-Ingenieurs zum Besten gibt. (Siehe: Ergebnisse Formel 1).

Etwa hundert Meter weiter oben im Fahrerlager spricht Ron Dennis samstags in der angeblich 16 Millionen Euro teuren Spiegelburg von McLaren-Mercedes mitunter gleichzeitig sein Wort zum Sonntag. So hört es sich auch an. Heiterkeit in Spykers Bastelbude, Besinnlichkeit beim Branchenführer im McLaren-Dom. Reichtum allein macht auch nicht immer Spaß.

Wo er schon immer hinwollte

Etwas mehr Geld hätte Christijan Albers bei Laune gehalten. Aber weil die Sponsoren des Spyker-Piloten nach Angaben des Teams den Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen, musste der Niederländer nach dem vergangenen Rennen in England aussteigen. Was Markus Winkelhock wie ein Sechser im Lotto erscheint: „Ein Traum wird wahr.“ Denn nun darf der glückliche Schwabe, künftig wohl angeschoben mit einer Mitgift von 250.000 Euro, am Sonntag beim Großen Preis von Europa erstmals auf dem Nürburgring kreisen.

Und zwar in der Heimat, dort, wo sein bekannter Vater Manfred Winkelhock vor dem tödlichen Unfall 1985 bei einem Sportwagenrennen in Kanada sein letztes Formel-1-Rennen absolvierte. Mit 27 Jahren ist der Junior gelandet, wo er schon immer hinwollte. Aber der tragische Crash verzögerte seine Entwicklung. Erst 1998 stieg der Neffe der beiden Berufspiloten Thomas und Joachim Winkelhock in den Rennsport ein. Nun steht der Familie ein großer wie emotionaler Moment bevor: „Es ist wichtig für mich, dass mein Renndebüt auf dieser Strecke stattfindet“, sagt Winkelhock junior. „Sosehr ich mich für Markus freue, so groß ist meine Angst“, sagt die leidgeprüfte Mutter.

Letzter Platz im ersten Training

Beide denken an die Gefahren. Nur nicht an die gleichen. Die Mutter wohl an die Crashs und fürchterlichen Überschläge der vergangenen Wochen. Der Sohn mit dem Ehering des Vaters an einer Halskette an Chance und Risiko seines vielleicht nur einmaligen Einsatzes. Der vergleichsweise mittellose Testpilot dient Spyker als attraktive Lösung für das einzige Formel-1-Rennen in Deutschland 2007. Ein bekannter Name, ein fröhlicher Typ, ein beachtlicher Rennfahrer garantieren Schlagzeilen auf dem deutschen Markt vor und während des Grand Prix.

Für großes Interesse am Team hat Winkelhock beim Heimspiel in der Eifel schon gesorgt. Große Illusionen über seine Chancen am Wochenende macht er sich dagegen nicht, die 0,8 Zehntelsekunden Rückstand auf Sutil und der letzte Platz störten ihn nicht wirklich. „Ich hatte in diesem Jahr nur einmal zweieinhalb Stunden im Auto gesessen. Da wäre es unrealistisch, schneller sein zu wollen als mein Teamkollege“, sagte Winkelhock.

„Adrian ist wirklich sehr schnell“

Wenn die Formel-1-Reise Winkelhocks auch zum Grand Prix nach Ungarn und weiter bis in ein Stammcockpit führen soll, dann hat der fünfte deutsche Pilot an diesem Wochenende seinen Teamkollegen, Landsmann und „Freund“ Adrian Sutil zu schlagen oder ihm wenigstens auf die Pelle zu rücken. „Adrian ist wirklich sehr schnell“, sagt Winkelhock, „wesentlich schneller, als das viele vor der Saison voraussagen konnten.“

So schnell, dass der geschasste Albers erst den Anschluss und dann die Nerven verlor. In Frankreich riss der Niederländer bei der voreiligen Abfahrt von der Box nicht nur den Tankwart um, sondern nahm gleich den Einfüllzapfen samt Schlauch mit auf die Piste.

Standby-Profis müssen flexibel sein

Für Winkelhock wird es auf den feinen Unterschied ankommen, auf die Details, die der mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein gesegnete Sutil ihm voraus hat: neun Rennen und allerlei Trainingstouren im Spyker F8-VII, die Finessen bei der Abstimmung des Boliden, das Gefühl für die Einstellung des Differentials und der Traktionskontrolle.

Trotz seines Testfahrerstatus brachte es Winkelhock in dieser Saison nur auf gut 200 Kilometer im Spyker, aber dafür auf drei Tourenwagen-Rennen, zuletzt am Sonntag in Mugello. Der Sprung vom rund 400 PS starken Audi in die PS-Schleuder der Königsklasse (750) will ihm nichts ausmachen: „Die Umstellung macht es nicht leichter. Aber ich weiß genau, wie sich das Auto verhält. Und ich kann meinen Fahrstil schnell neuen Autos oder Situationen anpassen.“

Vettel geht wohl zu Toro Rosso

Flexibilität ist das Stichwort für die Standby-Profis der Branche. Heute Tourenwagen, morgen Formel 1 und übermorgen? Winkelhock weiß es nicht, Spyker sagt nichts. Man sucht - nach Geld. Der Rennstall ist so klamm, dass er seit Monaten einen Streit mit den Teams Toro Rosso und Super Aguri führt. Die sollen laut Spyker keine vollständig selbstgebauten Autos, wie es Vorschrift ist, fahren, sondern Kopien der Vorjahresmodelle von Red Bull und Honda.

Trotz der Dementis gibt es einen Kompromiss-Vorschlag: Alle drei wollen sich die TV-Gelder für den neunten und zehnten Rang in der Konstrukteurswertung teilen. Damit käme Spyker, als vermutlich Elfter und Letzter ohne Anspruch, doch noch in den Genuss der Ausschüttung. Vor diesem Hintergrund könnte Winkelhocks Aufstieg ins deutsche Fahrerlager nur für eine Runde reichen. Die Deutschen aber werden trotzdem Zuwachs bekommen. BMW-Testfahrer Sebastian Vettel wird als kommender Pilot (2008) Toro Rosso zugeschrieben. Bei Williams ist Timo Glock ein Kandidat für das Cockpit des Österreichers Alexander Wurz.

Quelle: F.A.Z., 20.07.2007, Nr. 166 / Seite 32
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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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