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Formel 1 Auf dem heißen Stuhl

12.10.2008 ·  Seit dieser Saison ist Stefano Domenicali Rennleiter der Scuderia Ferrari. Seit dieser Saison erlebt der Rennstall Pannen, die bei den Italienern von der Ära Todt-Schumacher ausgemerzt schienen. Doch trotz technischer und menschlicher Probleme ist Domenicalis Arbeitsplatz noch sicher.

Von Hermann Renner, Fuji
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Stefano Domenicali hat sich ein schwieriges Jahr für seine erste Saison als Rennleiter von Ferrari ausgesucht. Sein Vorgänger Jean Todt hinterließ ihm einen WM-Titel, der verteidigt werden muss. Sein Präsident Luca di Montezemolo hat vor der Saison erklärt, dass er sich in den nächsten zehn Jahren mindestens genauso viele Titel wünsche wie in den vergangenen zehn. Also sechs Fahrer-Weltmeisterschaften und sieben Konstrukteurstitel.

„Ich spüre die große Verantwortung“, sagt der 43 Jahre alte Betriebswirt aus der Rennstadt Imola, „und ich bewältige sie auf meine Art.“ Domenicali ist kein unnahbarer General wie Jean Todt. Er ist der ranghöchste Soldat. Typ Kumpel, der seine Aktentasche noch selbst trägt, statt sie tragen zu lassen. Einer aus den eigenen Reihen, der sich von unten hochgedient hat. „Ich musste nicht erst die Stärken und Schwächen des Teams lernen, weil ich seit 18 Jahren ein Teil dieser Mannschaft bin.“

Domenicali ist viel offener als Todt

Todt tat sich schwer, Niederlagen zu akzeptieren. Sie passten nicht in sein Weltbild. Domenicali ist ein Sportsmann. „Man muss mit Niederlagen leben können. Solange man aus seinen Fehlern lernt.“ Domenicali kam ohne einen Rucksack von Animositäten gegenüber seinen Kollegen in sein Amt. Er pflegt den Kontakt zu anderen Teams viel offener, als es sein Vorgänger praktiziert hat. Gerade wenn es um Reglementfragen geht, kocht Ferrari nicht mehr sein eigenes Süppchen.

„Du musst auch andere Meinungen akzeptieren“, zeigt sich Domenicali konsensfähig. Eines hat der frühere Teammanager schnell gelernt. „In meiner Position kannst du heute ein Held und morgen ein Versager sein.“ Nachsatz: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so brutal sein kann.“

Ferrari steht sich in dieser Saison selbst im Weg

Der Weg zum ersten Zwischenziel war steiniger, als es sich der neue Chef der Gestione Sportiva selbst bei blühender Phantasie ausmalen konnte. Ferrari stand sich in diesem Jahr oft selbst im Weg. Vier Motorschäden in einer Saison hat man lange nicht mehr erlebt. Der letzte Motorplatzer von Ferrari liegt zwei Jahre zurück. Michael Schumachers Hoffnungen, seinen achten Titel zu gewinnen, lösten sich 2006 in Suzuka in Rauch auf. Vielleicht wird Felipe Massa am Ende der Saison jene Pleuelstange verfluchen, die ihm in Budapest 13 Kilometer vor dem Ziel den sicheren Sieg raubte.

Auch am Kommandostand und in der Boxengasse machte Ferrari nicht immer eine souveräne Figur. In Monte Carlo kassierte Kimi Räikkönen eine Durchfahrtstrafe, weil die Mechaniker vor dem Start noch am Auto gearbeitet hatten, als es längst verboten war. In Montreal streikte bei Felipe Massa die Tankanlage. In Silverstone warf die falsche Reifenwahl beide Fahrer aussichtslos zurück. In Valencia fuhr Räikkönen nach dem Tankstopp los, obwohl die Ampel noch auf Rot stand. In Singapur drückte der Chefmechaniker die Ampel auf Grün, obwohl der Tankstopp von Felipe Massa noch nicht beendet war.

„McLaren-Mercedes hat für seine Fehler weniger bezahlt“

Das sind viele Pannen für ein Team, das einmal das Wort Perfektion neu definiert hatte. Die Frage liegt auf der Hand: Macht sich in diesem Jahr zum ersten Mal der Verlust des alten Dreamteams mit Michael Schumacher, Paolo Martinelli, Rory Byrne, Ross Brawn und Jean Todt bemerkbar? Domenicali verneint: „Es gab auch früher schlechte Boxenstopps. Die ausführenden Personen sind die gleichen geblieben. Es gibt keinen Grund, warum sie heute schlechter arbeiten sollten.“

Im Vergleich zu McLaren-Mercedes stehe man in der Fehlerstatistik gar nicht so schlecht da, rechnet Domenicali vor: „McLaren hat für seine Fehler und Defekte nur weniger bezahlt als wir. Denken Sie nur an die falsche Strategie in Hockenheim. Hamilton hat trotzdem noch gewonnen. Oder den 15. Startplatz in Monza. Hamilton hat trotzdem noch zwei WM-Punkte herausgeholt.“

Der Lollipop kehrt zurück

Das Krisenmanagement hat Domenicali von seinem Vorgänger übernommen. Ruhig bleiben, analysieren, es besser machen. „Ich mache dem Mann, der in Singapur die Ampel bedient hat, keine Vorwürfe. Ich nehme ihn in Schutz.“ Um den Druck von seiner Boxenmannschaft zu nehmen, löst der gute alte Lollipop die Ampelanlage bis zum Saisonende ab.

Das soll nicht heißen, dass man der sensorgesteuerten Ampel generell misstraut. Durch sie kann man pro Stopp bis zu einer halben Sekunde Zeit gewinnen, wenn alles nach Plan verläuft. Der antiquierte Lollipop gibt dem Tankwart und den Reifenwechslern mehr Sicherheit. „Wenn etwas schiefgeht, ist es einfacher, die Aktion abzubrechen, als mit der Ampel. Kommt dort das grüne Licht, fährst du los und schaust nicht mehr hoch, ob nicht doch einer in letzter Sekunde wieder auf Rot gedrückt hat“, erklärt Massa.

„Der Präsident will stolz sein“

Domenicali vergleicht seinen neuen Job mit dem des Trainers der italienischen Fußballnationalmannschaft. „Wir sitzen beide auf einem heißen Stuhl. Marcello Lippi hat aber etwas mehr Erfahrung damit als ich.“ Andererseits sei der Posten des Ferrari-Rennleiters ein vergleichsweise sicherer Arbeitsplatz. „Als Fußballtrainer kannst du wegen einer Niederlage entlassen werden.“ Luca di Montezemolo stelle zwar nach Pleiten wie zuletzt in Singapur auch unangenehme Fragen, aber er drohe nicht gleich mit der Kündigung. Dass er Siege einfordert, müsse man verstehen. „Der Präsident will stolz auf uns sein.“

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