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Formel 1 Alles spricht für Alonso - fast alles

17.10.2006 ·  Michael Schumacher hat nur noch eine kleine Chance auf den Titel: Nur eine Panne kann Renault und seinen Rivalen Alonso stoppen. Doch in der Formel-1-Geschichte fühlte sich schon mancher Pilot als Weltmeister - und stand am Ende als Verlierer da.

Von Hermann Renner
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Auf dem Papier spricht alles gegen Michael Schumacher. Fernando Alonso, sein Gegner im Kampf um den WM-Titel, braucht nur noch einen Punkt. Ein Blick in die WM-Tabelle zeigt, daß dem 25jährigen Spanier diese Aufgabe ziemlich leicht fallen müßte. In 15 von 17 Rennen kam er ins Ziel, und das jedesmal komfortabel in den Punkterängen. Alonso ist ein Meister im Erfüllen des Mindestsolls. Im vergangenen Jahr mußte der Renault-Pilot beim Grand Prix von Brasilien Dritter werden, um seinen ersten Titel in der Formel 1 zu holen. Alonso wurde Dritter.

Die psychologischen Spielchen von Ferrari taugen ebenfalls nicht dazu, Renault und Alonso aus der Bahn zu werfen. Die sind viel zu abgekocht, um darauf hereinzufallen. Michael Schumacher kann bei Testfahrten in Jerez noch so viele Bestzeiten fahren. Selbst wenn er am kommenden Sonntag in São Paulo (siehe auch: FAZ.NET-Liveticker) mit einer Minute Vorsprung gewinnt, bekommt er nur zehn Punkte. Er müßte schon auf eine ganze Riege von Mitstreitern zählen, die Alonso auf Platz neun verdrängen. Doch der einzige, der die Nummer eins von Renault schlagen kann, ist Schumachers Teamkollege Felipe Massa. Und vielleicht noch Kimi Räikkönen, sollte sein McLaren-Mercedes in Hochform sein. Das war er bislang aber nur viermal in dieser Saison.

Den Blaugelben reicht auch ein schlechter Tag

Die Tragik für Ferrari ist, daß weder Honda, Toyota noch BMW in der Lage sind, die Renault-Boliden ernsthaft in Gefahr zu bringen. Bei den Blaugelben reicht auch ein schlechter Tag aus, um das Mittelfeld hinter sich zu lassen. Es müssen also schon außergewöhnliche Umstände eintreten, die Alonso in Schwierigkeiten bringen.

Ein Defekt zum Beispiel, wie der Motorplatzer von Monza. Die Statistik jedoch sagt, daß Renault sein Soll an Ausfällen bereits erfüllt hat. Die Autos aus dem Rennstall von Flavio Briatore zählen neben Ferrari zu den zuverlässigsten im Feld. Die Ankunftsquote beträgt 94,5 Prozent. Das Motorenproblem ist gelöst. In China und Japan liefen die Renault-Achtzylinder wieder wie die Uhrwerke. Alonso bekommt in Brasilien wie Schumacher ein frisches Triebwerk. Das muß nur noch dieses eine Rennen halten und kann deshalb höher belastet werden. Man hätte sogar eine Ausbaustufe in der Hinterhand, deren Einsatz für den Fall geplant war, daß der Unterschied nur wenige Punkte beträgt. Chefingenieur Pat Symonds erklärt: "Wir werden beim letzten Rennen nur Risiken eingehen, die wir kalkulieren können."

Es lauert Kollisionsgefahr

Ein Unfall ist ein weiterer Risikofaktor für Alonso. Die Saison 2006 aber zeigt, daß der Spanier aus Eigenverschulden kein einziges Mal von der Strecke geflogen ist. Kam er mal wie in Hockenheim oder Schanghai vom rechten Weg ab, brachte er seinen Renault R26 immer heil auf die Piste zurück. In Interlagos lauert jedoch Kollisionsgefahr. Die Startgerade ist wie ein enger Tunnel, eingerahmt von hohen Betonwänden. Der Start führt leicht bergauf, was schon oft für Chaos auf den ersten Metern gesorgt hat. Alonso wird deshalb im Training die Flucht nach vorne antreten. Er braucht einen Platz in den ersten zwei Startreihen, um auf der sicheren Seite zu sein. Ein unfaires Manöver von Ferrari ist nicht zu erwarten. Die Welt schaut via Fernsehen zu. Der Internationale Automobil-Verband hat Ferrari und Renault gedroht, daß die Einflußnahme der Nummer-zwei-Piloten drakonisch bestraft wird.

Schumacher könnte auch noch auf die Mithilfe des Wetters hoffen. Das kann in São Paulo im Oktober äußerst launisch sein. Die Regengefahr schwebt eigentlich ständig über der Strecke. Mal entladen sich die Wolken, mal nicht. Das dumme aus Sicht von Ferrari ist nur, daß Alonso auf nasser Fahrbahn mit seinen Michelin-Reifen wesentlich besser ausgerüstet ist. Da müßte schon ein Mechaniker wie in Ungarn die Radmutter verkantet aufsetzen oder sie gleich ganz verlieren wie in China. Alonso weigerte sich deshalb nach seinem Sieg in Japan, sich als Weltmeister feiern zu lassen: "Der Grand Prix von Brasilien wird das längste Rennen meines Lebens."

Clarks Dramen

Der Titelverteidiger würde am liebsten weghören, wenn man ihm die gescheiterten Beinahe-Weltmeister der Vergangenheit vor Augen führt. Jim Clark erlebte das Drama der späten Enttäuschung gleich zweimal. 1962 löste sich beim Grand Prix in Südafrika 20 Runden vor Schluß an seinem Lotus Climax eine Schraube am Gehäuse des Zündverteilers. Der Schotte lag komfortabel in Führung, hielt den WM-Pokal quasi schon in einer Hand. Graham Hill profitierte. Zwei Jahre später suchte sich das Schicksal abermals Jim Clark aus. Diesmal war es eine poröse Gummileitung im Ölsystem, die dem Lotus-Piloten eine Runde vor dem Ende des Rennens den Titel raubte. John Surtees sagte danke.

Prosts Pech

Im Jahr 1983 sah sich Alain Prost bereits als Weltmeister, als es ins Finale nach Kyalami ging. Sein Rennstall Renault war sich seiner Mission so sicher, daß der Konzern eine Schar von französischen Journalisten nach Südafrika einfliegen ließ. Ein Turboschaden beendete den Traum. Renault mußte sich noch bis ins Jahr 2005 gedulden, bis es endlich soweit war. Alain Prost steckte nur ein Jahr nach der Niederlage die nächste Schlappe ein. Sein Gegner und McLaren-Teamkollege Niki Lauda hätte einen zweiten Platz gebraucht, um seinen Punktevorsprung über die Saison zu retten. Doch Lauda lag bis 18 Runden vor Schluß aussichtslos zurück auf Rang drei. Dann rollte der zweitplazierte Nigel Mansell mit Bremsdefekt aus. Lauda wurde mit einem halben Punkt vor Prost Weltmeister - dem knappsten Abstand der Formel-1-Geschichte.

Mansells Reifenplatzer

1986 war die Geschichte höchst kompliziert. Nigel Mansell, Nelson Piquet und Alain Prost fuhren mit Titelhoffnungen zum Abschlußrennen nach Adelaide. Wegen der damals noch gültigen Streichpunktregel war das Hochrechnen der Titelchancen ein Rechenexempel für Fortgeschrittene. Mansell hatte die besten Aussichten, Prost die schlechtesten. 19 Runden vor Schluß platzte Mansell bei einem Tempo von 320 Kilometern pro Stunde ein Hinterreifen. Er lag auf Platz zwei und hätte das Rennen im Schongang nur noch nach Hause fahren müssen.

Schumachers Konter

Auch Michael Schumacher kennt das Gefühl, Opfer zu sein. 1997 lag er in Jerez in Führung, was zu seinem ersten WM-Titel im Ferrari gereicht hätte. Dann setzte sein Gegner Jacques Villeneuve alles auf eine Karte und startete einen Überraschungsangriff. Schumacher warf die Türe im letzten Augenblick zu. Sein halbherziger Konter, der verdächtig nach Absicht aussah, wurde zum Eigentor. Rennen weg, WM-Titel weg.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.10.2006, Nr. 41 / Seite 24
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