19.12.2009 · Die Enttäuschung über den Verlust von Michael Schumacher ist groß bei Ferrari. Präsident Luca di Montezemolo erwartet seinen Lieblingsfahrer in der neuen Saison als Gegner auf der Strecke. Das Wort Mercedes nimmt er aber noch nicht in den Mund.
Von Hermann Renner, MaranelloDer Stachel sitzt tief. Da liegt hinter Ferrari eine Saison im Mittelmaß mit nur einem Grand Prix-Sieg, was Präsident Luca di Montezemolo angesichts der Erfolgsbilanz der letzten zwölf Jahre einen Skandal nennt. Und jetzt auch noch das: Michael Schumacher verlässt den italienischen Traditionsrennstall. Jener Mann also, der mit Ferrari fünf WM-Titel und 72 Formel-1-Rennen gewonnen hat. Jener Mann, der bis ans Lebensende ein Ferrari-Mann bleiben wollte, den sie in Maranello wie einen Sohn adoptiert haben, will plötzlich für den Konkurrenten Mercedes fahren. Am Mittwoch dieser Woche hat Montezemolo mit Schumacher telefoniert. „Michael hat mir gesagt, dass es eine sehr gute Möglichkeit für ihn gibt, wieder zu fahren, und dass er diese unbedingt wahrnehmen will.“ Montezemolo kommt zu dem Schluss: „Das war nicht mein Michael, das war ein anderer.“
Man sieht es dem ranghöchsten Ferrari-Mann an, wie sehr er mit der Vorstellung zu kämpfen hat, dass fünfzehn gemeinsame Jahre einfach so vergessen sind. Dass sein Schumacher die Seite wechselt. „Das ist nicht der richtige Michael, der jetzt eine zweite Karriere starten will“, presst der 62 Jahre alte Italiener hervor. „Der richtige ist immer noch bei uns. Das muss sein Zwillingsbruder sein, einer der genauso aussieht wie Michael, das gleiche Gesicht hat und vermutlich genauso schnell ist.“
Das Wort Mercedes nimmt Montezemolo nur selten in den Mund. Getreu dem Duktus des Hauses, dass Ferrari keine Konkurrenz auf dem Markt hat. Soll Schumachers Zwillingsbruder doch fahren, wo er will. „Als Fan der Formel 1 finde ich es gut, dass er sich so entschlossen hat. Als Chef von Ferrari bin ich traurig. Wir müssen akzeptieren, dass es noch einen anderen Michael gibt.“ Und den werden die Tifosi im nächsten Jahr zum Staatsfeind Nummer eins erklären. Auf der Internetpräsenz von Ferrari sind schon böse Kommentare eingegangen, und der Frust der roten Fangemeinde gipfelt in einem Wort: Verräter.
Schumacher als Verräter
Eigentlich ist Luca di Montezemolo ein guter Schauspieler. Doch die Anspielung auf einen Doppelgänger des siebenmaligen Weltmeisters zieht sich durch das gesamte Gespräch. Es ist ein Dokument der Verbitterung darüber, dass es einer tatsächlich wagt, Ferrari für ein anderes Team zu verlassen. „Michael hat viel für uns getan, wir aber auch viel für ihn.“ Die Ehe zwischen Ferrari und Schumacher war mehr als nur ein einfaches Arbeitsverhältnis. „Es war eine Freundschaft“, betont Montezemolo und wird im Rückblick beinahe sentimental. Ihm seien in seiner Karriere nur zwei Mal die Tränen gekommen, erzählt der Präsident. „Das erste Mal, als Niki Lauda 1975 in Monza Weltmeister wurde. Es war unser erster Titel seit elf Jahren und der erste mit mir als Rennleiter. Und dann, als Michael bei unserem Saisonabschluss nach dem Finale 2006 zum letzten Mal aus einem Ferrari stieg.“
Schon im Sommer spürte Montezemolo bei seinem früheren Starpiloten eine Veränderung. Schumacher war mit seinem Rentnerdasein nicht mehr zufrieden. „Ich habe ihm den Vorschlag gemacht, den verletzten Felipe Massa zu ersetzen. Michael musste nur fünf Minuten überlegen, um Ja zu sagen. Mir kam es vor, als hätte er auf diese Einladung geradezu gewartet.“ Als nach 19 Tagen aber die Absage kam, weil der verletzte Nacken nicht mitspielte, da wurde klar, wie wichtig dieses Comeback für den Rekordsieger war und immer noch ist. „Michael war er mehr als enttäuscht. Er war am Boden zerstört.“
So blieb Schumacher nur der Weg zur Konkurrenz
Das Bild von Michael Schumacher im August während der Pressekonferenz in Genf brachte genau das zum Ausdruck. Da saß ein Mann, dessen Traum zerplatzt war. Weil die eigene Gesundheit nicht mitspielen wollte (siehe: Pressekonferenz in Genf: Schumachers härtester Moment). Schumacher wusste, dass für ihn bei Ferrari 2010 kein Platz sein würde. Wenn Massa seine Karriere aufgrund der Verletzungen hätte beenden müssen, dann wäre Kimi Räikkönen an der Seite von Fernando Alonso in das zweite Cockpit gestiegen – und nicht Schumacher. Deshalb wollte Ferrari mit einem dritten Auto starten, was viele Probleme gelöst hätte. Schumacher hätte etwas zum Fahren gehabt, das Feld wäre mit konkurrenzfähigen Autos bereichert und die Rennserie aufgewertet worden. Doch der Internationale Automobilverband lehnte diesen Vorschlag ab. „Damit war klar, dass wir Michael kein Cockpit anbieten konnten“, sagt Montezemolo. So blieb Schumacher nur der Weg zur Konkurrenz.
Ein Zurück zu Ferrari gibt es für ihn nicht mehr, „nicht für den Zwillingsbruder, denn den echten haben wir ja immer noch“, sagt Montezemolo und lächelt gequält. Ferrari werde aber auch ohne seinen erfolgreichsten Piloten überleben. Mit Alonso und Massa habe man zwei junge Spitzenfahrer, die man nicht gegen einen bald schon 41 Jahre alten ehemaligen Weltmeister eintauschen wolle.
Pflicht zum Siegen nach Verlust Schumachers
Und Schumachers Rolle als Entwicklungshelfer der Straßensportwagen habe mittlerweile Testpilot Marc Gené übernommen. „Er hat ein ausgezeichnetes technisches Gespür für diese Aufgabe.“ Der neue Schumacher soll Alonso werden. Von dem Spanier verspricht sich Montezemolo genau die gleichen Qualitäten, die er an seinem flüchtenden Liebling so geschätzt hat und die ihm Kimi Räikkönen nicht bieten konnte. „Wir haben einen Fahrer gesucht, der mit dem Team zusammenwächst. Einen, der Präsenz zeigt, der näher dran ist an den Leuten und mit den Ingenieuren zusammenarbeitet.“
Angst, dass Alonso zu sehr an sich und zu wenig an das Team denke, hat Montezemolo. „Ich habe ihm bei unserem ersten Gespräch die Ferrari-Philosophie erklärt: Du fährst für uns und nicht für dich selbst. Als Gegenleistung tun wir alles, um dir ein Auto hinzustellen, mit dem du gewinnen kannst.“ Fehlt nur noch das Siegerauto, dass Ferrari in der abgelaufenen Saison mit einer Ausnahme vermisst hat. Rennleiter Stefano Domenicali sagt, dass ihm die Entwicklung des Modells für das kommende Jahr alle Zuversicht gebe, wieder an alte Zeiten anschließen zu können. Aber dann fällt ihm der Präsident ins Wort: „Du sollst nicht zuversichtlich sondern sicher sein. Wir sind verpflichtet zu gewinnen.“ Michael Schumacher hat man verloren.