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Ferrari Im roten Bereich

21.12.2008 ·  Ferrari-Chef Luca di Montezemolo erwartet „das schwierigste Jahr in der Geschichte der Automobilherstellung“ - aber nicht für sein Unternehmen, das auch im Krisenjahr ein Rekordergebnis erwartet. Für die Formel 1 kündigt der Italiener einen „drastischen Umbau“ an.

Von Michael Wittershagen, Maranello
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Der Maestro kommt, macht eine schwungvolle Handbewegung und spricht mit kräftiger Stimme große Worte: „Die Formel 1 ist mein ganzes Leben, sie ist in meinem Blut und in dem von Ferrari. Sie wird es immer bleiben.“ Dieser operettenhafte Auftritt verbunden mit italienischem Pathos – kaum einer beherrscht ihn so gut wie Luca di Montezemolo.

Im grauen Anzug und mit gebräunter Haut steht der Präsident von Ferrari im Firmenrestaurant in Maranello, lächelt, redet viel über Herzschmerz und erklärt mit blumigen Sätzen die Zukunft der Formel 1. Und natürlich ist er darum bemüht, jene bösen Geister zu vertreiben, die vor dem Hintergrund der weltweiten Finanzkrise schon das Ende der Rennserie wittern. Honda hat seinen Ausstieg aus der Formel 1 erklärt, wer wird der Nächste sein? „Wir werden diese Krise überleben, das ist nicht die Frage“, sagt Montezemolo.

Absatzprobleme? Nicht bei Ferrari

Wenn der Einundsechzigjährige „wir“ sagt, dann meint er die Formel 1. Und natürlich meint er auch Ferrari. Dabei gibt zwischen beidem große Unterschiede. Wenn in diesen Wochen von historischen Absatzproblemen der Automobilindustrie die Rede ist, dann gilt dies eben nicht für den italienischen Sportwagenhersteller. Denn die Nachfrage nach derartigen Luxusautos scheint ungebrochen. „Wir finden weltweit noch immer 6000 Verrückte, die einen Ferrari kaufen“, sagt Montezemolo. Die Warteliste auf eines dieser Exemplare betrage derzeit mehr als zwanzig Monate. Allein für das neue Modell, den rund 180.000 Euro teuren „California“, liegen schon mehr als 5000 Vorbestellungen vor. Wer jetzt einen Kaufvertrag unterschreibt, kann frühestens 2010 eine erste Ausfahrt machen.

Trotz der Finanzkraft dieses Konzerns, trotz der weltweiten Bedeutung der Marke sehen die Prognosen von Montezemolo für die gesamte Branche düster aus: „Das kommende Jahr wird das schwierigste in der Geschichte der Automobilherstellung sein.“ Aber während andere Hersteller in diesen Wochen auf Kurzarbeit umstellen und ihre Produktion drosseln, kündigt Montezemolo ein Rekordergebnis in der 109-jährigen Geschichte der Konzernmutter Fiat an.

„Wir müssen aufhören, Geld aus dem Fenster zu schmeißen“

„Wir werden alle unsere wirtschaftlichen Bestmarken übertreffen“, sagt Montezemolo, der seit 2004 auch Vorstandsvorsitzender von Fiat ist. Gleichwohl werde in mehreren italienischen Werken der derzeitige Produktionsstopp von Fiat verlängert, und einige neue Modelle würden womöglich erst 2010 vorgestellt. „Ich hoffe, dass die Krise nur ein Jahr dauert. Alles andere hätte für die Menschen dramatische Folgen“, sagt Montezemolo.

Und wohl auch für den Rennsport. Audi hat der Le-Mans-Serie den Rücken gekehrt, Subaru und Suzuki haben die Rallye-Weltmeisterschaft verlassen, und auch dem Motorradrennsport stehen zumindest große Einsparungen bevor. Honda hat sich schon aus der Formel 1 zurückgezogen, Mercedes und BMW ziehen Kürzungen des Budgets in Erwägung. Erst in der vergangenen Woche haben sich die Teams der Formel 1 und der Internationale Automobilverband (FIA) auf ein drastisches Sparpaket geeinigt. An dessen Ende sollen Werksteams schon im kommenden Jahr dreißig, Privatteams sogar bis zu fünfzig Prozent der Kosten sparen können. „Wir müssen aufhören, Geld aus dem Fenster zu schmeißen“, sagt Montezemolo.

Seine Meinung hat Montezemolo auch als Fota-Präsident behalten

Ab sofort sind Testfahrten während der Saison verboten, die Arbeit im Windkanal wird radikal eingeschränkt, zudem stehen jedem Team nur noch maximal zwanzig Motoren zur Verfügung, einer dieser Achtzylinder darf künftig nur noch bis zu 18.000 Umdrehungen in der Minute leisten und muss drei statt bisher zwei Grand-Prix-Wochenenden halten. Und dies ist offenbar erst der Beginn einer Entwicklung. „Bis 2012 werden wir an einer vollkommen neuen Formel 1 arbeiten. Wir müssen das tun, weil auch die Welt dann eine andere sein wird“, sagt Montezemolo. In kleinen Kategorien zu denken, das ist nicht seine Sache.

Nachdem sich der Manager jahrelang weitgehend im Hintergrund der Formel 1 gehalten hat, ist er im September auf diese Bühne zurückgekehrt: als erster Präsident der neugegründeten Vereinigung Formula One Teams Association (Fota). Seine Meinung hat er behalten, und die stimmt nicht immer mit der von Bernie Ecclestone, dem Chefvermarkter der Formel 1, und von FIA-Präsident Max Mosley überein.

Die Frage ist, was die Formel 1 kosten darf

Montezemolo will Veränderungen, aber er will das Herz der Formel 1 nicht verlieren. Vor allem die Diskussion um einen Einheitsmotor, dessen Einführung zunächst gescheitert ist, macht den Italiener noch immer wütend. „Wir sind doch keine Sponsoren, wir sind Konstrukteure. Wir können Motoren entwickeln, und wir können Autos bauen – und genau mit diesen Fähigkeiten wollen wir uns mit anderen Konstrukteuren messen.“ Die Frage ist nur, was dieser Wettbewerb kosten darf. „Die Ausgaben müssen zurück auf das Niveau der frühen neunziger Jahre“, sagt Montezemolo. Zurückdrehen kann er die Zeit indes nicht.

Aber der Mythos Ferrari, er resultiert aus dieser Vergangenheit. Und dieser Mythos lebt. Modellautos, Uhren, Krawatten, Turnschuhe – rund ein Fünftel des Unternehmensgewinns erzielt Ferrari Jahr für Jahr durch den Verkauf von Fanartikeln an Flughäfen, in Kaufhäusern oder im Internet. Inzwischen wurden weltweit mehr als zwanzig eigene Ferrari-Shops eröffnet, in den kommenden Jahren sollen mehr als fünfzig weitere entstehen.

Freizeitpark in Abu Dhabi, Formel-1-Boliden in Fiorano

In Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten wird derzeit für mehr als 600 Millionen Dollar ein Ferrari-Freizeitpark gebaut, der im Frühjahr 2010 eröffnet werden soll. Die Geschichte des Sportwagenherstellers und auch die Kultur Italiens sollen dort zu einem Erlebnis werden, und natürlich können die Besucher auch selbst einmal einen Ferrari fahren – im Simulator oder auf der Rennstrecke, je nachdem, wie viel Geld sie ausgeben wollen.

Wer ganz viel davon hat, der kommt aber sowieso nach Maranello und kauft sich sein eigenes Auto. „Ferrari ist ein Traum“, sagt Montezemolo und fährt sich mit der Hand durch das Haar. So, wie er es immer macht, wenn es mal wieder Zeit ist für eine seiner besonderen Gesten. „Ein sehr großer Traum.“ Wieder lächelt er zufrieden. Manch einem potenten Käufer aber reicht der Sportwagen für die Straße irgendwann nicht mehr. Für derartige Fälle bietet Ferrari seine ehemaligen Rennwagen aus der Formel 1 in der Abteilung „Corsi Clienti“ an. In einer unauffälligen Halle direkt an der werkseigenen Rennstrecke von Fiorano, nur wenige hundert Meter von der Konzernzentrale entfernt, stehen etwa fünfzig dieser roten Boliden: ordentlich poliert, akkurat nebeneinander aufgereiht, mit abgefahrenen Reifen und zum Teil mehr als 700 Pferdestärken im Heck.

Glückliche Männer in roten Anzügen

Auf manch einem dieser exquisiten Einzelstücke hat Michael Schumacher ein Autogramm hinterlassen, das steigert den Wert noch einmal beachtlich. Rund zweihundert dieser Rennwagen hat Ferrari bisher verkauft, zumeist nach Asien oder in die Vereinigten Staaten, für einen Stückpreis zwischen 500.000 und 2,5 Millionen Euro. Schumacher hat nach seinem Karriereende einen Wagen geschenkt bekommen, Kimi Raikkönen müsste das Auto, mit dem er Weltmeister wurde, kaufen – noch hat der Finne zu wenig erreicht.

Es ist spät geworden, die Tagesschicht im Werk von Maranello geht zu Ende. In roten Anzügen, das springende Pferd auf der Brust, stehen die Arbeiter an ihren Werkbänken, sie tragen weiße Handschuhe, bauen Motoren zusammen, montieren Türverkleidungen, prüfen die Elektronik. Glückliche Männer, die sich offenbar keine Sorgen um ihre Beschäftigung machen müssen.

Ferrari ist anders als die anderen

Ganz im Gegenteil, Ferrari tut auch in diesen Krisenzeiten einiges, um die Zufriedenheit seiner Angestellten noch zu erhöhen. 4000 Männer und Frauen arbeiten in Maranello, 800 von ihnen sind für die Formel 1 zuständig. Mehr als einhundert Fahrräder dienen der Fortbewegung im Werk, mehr als einhundert Bäume wurden kürzlich in den Fabriken gepflanzt und sollen das Klima verbessern, selbst Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Lärmpegel sind geregelt.

Der Stolz, den Montezemolo über all das verspürt, er macht kein Geheimnis aus ihm: „Wir wollen, dass sich unsere Mitarbeiter bei uns wohl fühlen. Ich glaube, man kann zu Recht behaupten, dass sie einen der schönsten Arbeitsplätze in Europa haben.“ Das ist der Anspruch von Ferrari, und natürlich gilt das auch für die sportliche Situation: „In der Formel 1 sind wir seit mehr als zehn Jahren das Team, das es zu schlagen gilt.“ Daran soll sich auch künftig nichts ändern. Krise hin, Krise her: „Wir werden an der Spitze bleiben.“ Dieser Mann kann das leicht behaupten. Ferrari ist anders als die anderen. Der rote Bereich, er gehört in Maranello zum guten Image – und steht eben nicht für eine Angst verbreitende Depression.

Ferrari-Chef Luca di Montezemolo erwartet „das schwierigste Jahr in
der Geschichte der Automobilherstellung“ – aber nicht für sein Unternehmen, das auch im Krisenjahr ein Rekordergebnis erwartet. Für die Formel 1 kündigt der Italiener einen „drastischen
Umbau“ an.
Aus Maranello berichtet
Michael Wittershagen

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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