28.05.2011 · Ferrari ruft schon nach einem Viertel der Formel-1-Saison den Neuanfang aus. Der Rennwagen F 150° Italia hat offenbar nicht das Potential, in den nächsten Wochen zu einem Siegermodell zu reifen. In Monaco droht am Wochenende der nächste Misserfolg.
Von Anno Hecker, Monte CarloWie wird das wohl gewesen sein am vergangenen Sonntag zur Fernsehstunde der Formel 1? In Italien ist Luca di Montezemolo, Ferraris schillernder Präsident, vermutlich vor der Glotze herumgeturnt. Er kommt nicht gerne zum Rennen, wegen der Aufregung. Wenn er dann mal am Kommandostand auftaucht, dann erkennt man allein an seinem Mienenspiel, an seinen Gesten, ob seine Roten führen oder verlieren. Nebenleute gehen an diesen (seltenen) Tagen meistens ehrfurchtsvoll in Deckung. Montezemolo schaltet jeden Gangwechsel mit. Und so hat er wohl auch den Sturm von Fernando Alonso am Sonntag in Barcelona von Startplatz vier an die Spitze virtuos begleitet. Forza Ferrari! Eine Faust für Fernando? Wie der Markgraf später auf den Rückfall seines Stars und schließlich die Überrundung durch Sebastian Vettel (Red Bull) motorisch reagierte, ist jedoch nicht bekannt. Vielleicht gibt es demnächst einen neuen Fernseher. Überliefert wurde - mit Brief und Siegel - nur eine Schnellschaltung in Montezemolos Steuerzentrale: Am Dienstag veröffentliche Ferrari die Versetzung von Technikchef Aldo Costa.
Die Konkurrenz hat es geschafft. Ferrari, getrieben vom Tempo der Branchenführer Red Bull und McLaren, wagt einen Neuanfang. Anders kann die „Umstrukturierung“ nach einem Viertel der Saison 2011 nicht interpretiert werden. Und sie sagt noch etwas: Für die Italiener scheint das große Rennen in diesem Jahr gelaufen. Der Ferrari F 150° Italia hat offenbar nicht das Potential, in den nächsten Wochen zu einem Siegermodell zu reifen. Alonso (51 Punkte) liegt nach 5 von 19 Grands Prix deutlich hinter Spitzenreiter Vettel (118). Aber diese Position verdankt die Scuderia auch den Fahrkünsten des zweimaligen Weltmeisters. Was das Auto - abgesehen von den immensen Investitionen und Umbaukosten - auf der Piste wert ist, lässt sich eher an den Resultaten des Teamkollegen Felipe Massa ablesen: Der Brasilianer ist Achter mit 24 Punkten.
Glorreiche Ideen hatten zuletzt die anderen Teams
Schon im Qualifying kommt der Ferrari nicht in Schwung, im Rennen bremsen ihn die harten Reifen. Selbst wenn Ferrari beim Großen Preis von Monaco am kommenden Sonntag dank der weicheren Gummimischung besser über die Runden kommt, das Grundproblem bleibt: Ferrari fehlt es an Abtrieb. Es wird vermutlich ein Jahr oder gar länger dauern, die aerodynamische Schwäche gegenüber Red Bull aufzuholen. Es sei denn, in Maranello gelingt ein Geniestreich. „Ich habe vollstes Vertrauen“, sagte Alonso. „Wir haben einen Richtungswechsel gemacht. Vielleicht ist das das Beste.“
Glorreiche Ideen aber beflügelten in den vergangenen drei Jahren andere Teams. Brawn GP überraschte 2009 mit dem Doppeldiffusor, McLaren 2010 mit dem F-Schacht, Red Bulls magische Frontflügel beschleunigt Vettel im zweiten Jahr, und Renault nutzte als erster Rennstall im Winter die Auspuffabgase mit einer radikalen Lösung zur Steigerung des Abtriebs. 4:0 für England: Alle Fortschritte entsprangen den Hirnen von Motorsportingenieuren, die auf der Insel über den Luftfluss rund um einen Boliden nachdenken. Sie haben ja auch genügend Übung darin. Die Briten lassen sich seit den sechziger Jahren von der groben Vorstellung leiten, ein Rennwagen sei ein Flugzeug, das nur nicht abheben dürfe. Seitdem geben sie bei den Konstruktionen mehr oder weniger den Ton an. Ferrari ist diese in den vergangenen Jahren weiter forcierte Entwicklung ein Dorn im Auge. Zumal Motoren und Mechanik, Ferraris Steckenpferd, immer weiter an Bedeutung für die Rundenzeit verloren.
Montezemolo: „Wir bauen doch keine Flugzeuge“
Vor diesem Hintergrund wirkt die jüngste sportpolitische Aktivität von Montezemolo wie ein Rettungsversuch. Ferrari ist gegen die Einführung neuer, kleiner Motoren, wie sie sich der Internationale Automobil-Verband (Fia) für 2013 wünscht. Stattdessen sollen der Aerodynamik die Flügel gestutzt werden. „Die ursprünglich faszinierende mechanische Technik rückt immer mehr in den Hintergrund, die Faszination eines Rennmotors wird dabei vernachlässigt“, sagte di Montezemolo der Zeitschrift „Auto-Bild“, „wir bauen doch keine Flugzeuge.“ Fliegen aber müsste man können, um in Monaco voranzukommen. Dabei spielt die Aerodynamik auf dem winkeligen Stadtkurs längst nicht die Rolle wie zuletzt auf dem Kurs von Barcelona mit seinen „schnellen Kurven“.
Aber wer hinten steht beim Start im Fürstentum, wird es schwer haben, genügend Platz für ein Überholmanöver zu finden. Ayrton Senna verteidigte 1992 im McLaren seine Führung kurz vor Ende des Grand Prix bis ins Ziel gegen den um mehrere Sekunden pro Runde schnelleren, verzweifelt attackierenden Nigel Mansell (Williams-Renault). Red Bull tritt also als haushoher Favorit an. Fünf der bislang fünf Pole-Positionen gewannen die Piloten des Konstrukteur-Weltmeisters, Vettel allein vier. Wahrscheinlich wird nur McLaren-Mercedes mit Lewis Hamilton und Jenson Button am Steuer den Champion und dessen Teamkollegen Mark Webber bei der Jagd auf den besten Startplatz bedrängen können. Ferrari aber dürfte eines diesmal erspart bleiben: eine Überrundung - und die nächste Umbesetzung.
Montezemolo: „Wir bauen doch keine Flugzeuge“
Tautz von Tronje (Tautron)
- 26.05.2011, 16:51 Uhr