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Felipe Massa Narben und neue Wunden

30.07.2010 ·  Vor einem Jahr rang der Brasilianer Felipe Massa im Krankenhaus mit dem Tod, nachdem ihn in Ungarn eine Schraubenfeder am Kopf getroffen hatte. Jetzt kämpft er hart um seine Rolle bei Ferrari, wo Teamkollege Alonso ihn erdrückt.

Von Hermann Renner, Budapest
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Felipe Massa hat kein Teddybärgesicht mehr. Er sieht erwachsen aus seit seinem Unfall vor einem Jahr auf dem Hungaroring. Es passierte am 25. Juli 2009 im Abschlusstraining zum Grand Prix von Ungarn und ging als eines der bizarrsten Unglücke in die Formel-1-Geschichte ein. Eine 830 Gramm schwere Schraubenfeder hatte sich von der Hinterradaufhängung des BrawnGP von Rubens Barrichello gelöst, sie tanzte vier Sekunden lang auf einer unberechenbaren Bahn über die Strecke, bis sie den mit 260 Kilometer pro Stunde anfliegenden Massa links oberhalb des Visiers traf. Das Opfer erlitt eine schwere Gehirnprellung, die zwei Tage lang lebensbedrohliche Ausmaße annahm.

Eine Untersuchung des Internationalen Automobilverbandes Fia dokumentiert die Wucht des Aufpralls. Massas Helm wurde mit einer Energie von 2067 Joule getroffen. „Das entspricht der doppelten Energie, die entstanden wäre, wenn einer mit einer 44er Magnum auf den Helm geschossen hätte“, erklärte Untersuchungsleiter Andy Mellor Massas Fahrerkollegen bei einer Präsentation der Unfalldaten vier Wochen nach dem Unglück.

Da befand sich Massa bereits wieder auf dem Weg der Besserung. Ein Jahr danach erinnert nur noch eine kleine Narbe über dem linken Auge an die unheilvolle Begegnung mit der Feder. „Ich kann heute alles machen, was ich auch vor dem Unfall konnte, und zwar auf dem gleichen Niveau. Auch die Menschen um mich herum können keinen Unterschied zu früher feststellen.“ Außer vielleicht, dass der 29 Jahre alte Brasilianer mittlerweile etwas ernster in die Welt blickt. Aber das hat andere Gründe. Sein Leben bei Ferrari ist nicht mehr das, was es an der Seite von Michael Schumacher und Kimi Räikkönen war. Massa ist die gefühlte Nummer zwei. Sein neuer Teamkollege Fernando Alonso erdrückt ihn.

„Bevor ich das tue, höre ich lieber auf“

Seit dem Großen Preis von Deutschland am vergangenen Wochenende weiß auch Massa, für wen die Uhren in Maranello schlagen. Bis zur 48. Runde hatte er in Hockenheim geführt. Dann musste er auf eine versteckte Aufforderung seines Renningenieurs Rob Smedley hin seinen Teamkollegen vorbeilassen. Die Enttäuschung stand dem Weltmeisterschaftszweiten von 2008 tief ins Gesicht geschrieben. Da ging es um mehr als dass man ihm den möglichen zwölften Grand-Prix-Sieg genommen hat. Massa wusste, dass damit die Hackordnung im Team in Stein gemeißelt ist. Ferrari setzt schon im elften von neunzehn Rennen alles auf die Karte Alonso.

Er habe es für das Team gemacht, beteuerte Massa mit leiser Stimme, es sei seine eigene Entscheidung gewesen, aber immerhin habe jeder sehen können, dass er immer noch in der Lage sei, Rennen zu gewinnen. Das Zugeständnis an das Team bedeutet laut Massa nicht, dass er damit akzeptiert, die Nummer zwei zu sein. „Bevor ich das tue, höre ich lieber auf.“ Teamchef Stefano Domenicalis Rückendeckung fiel wenig überzeugend aus. „Wenn es dem Team hilft, darf Felipe um die Weltmeisterschaft kämpfen.“ Bei 38 Punkten Rückstand auf Alonso und 72 auf WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton ist die Aussicht, dass dieser Fall noch eintritt, gleich null.

Wenigstens gab sich Massa nicht kampflos geschlagen. Wie Rubens Barrichello 2002 am A1-Ring ließ er sich so überholen, dass jeder die Absicht, die dahintersteckte, sehen konnte. Sein Renningenieur entschuldigte sich sogar noch dafür, dass er seinem Fahrer den codierten Befehl geben musste, den anderen vorbeizulassen. Massa und Smedley haben so ihren Protest formuliert und Ferrari damit in ernste Schwierigkeiten gebracht. Wäre der Platztausch nicht so auffällig passiert, hätte die Fia keinerlei Handhabe für eine Untersuchung gehabt. Fahrer und Ingenieur sind eine Einheit. Ein Team im Team sozusagen. Der Sieg des Fahrers ist auch der Sieg der Mannschaft, die dieses Auto betreut.

„Ich werde kämpfen, egal unter welchen Umständen“

Massas Problem heißt Alonso. Der Weltmeister von 2005 und 2006 ist ein Rennfahrer, der alles an sich reißt. Mehr noch als Michael Schumacher. In Ferrari-Kreisen erzählt man sich, dass der Spanier beide Ellbogen einsetzt, um den Rennstall auf seinen Kurs zu trimmen. „Alonso ist der Boss“, wagte ein Teammitglied zu behaupten. Dass er dabei keine Verwandten kennt, zeigt seine ungenierte Aufforderung an den Kommandostand, man solle Massa sagen, dass er endlich Platz macht. Massa hat daraus gelernt. Nette Jungs werden nicht Weltmeister. „Ich werde in Ungarn um den Sieg kämpfen, egal unter welchen Umständen“, kündigt er an. Für den Teamkollegen will Massa erst wieder fahren, wenn er selbst rechnerisch keine Titelchancen mehr hat.

Massa wird sich trotz allem mit der Lage abfinden. Er hat bei Ferrari bereits einen Vertrag bis Ende 2012. Das Team wollte Stabilität und Ruhe. Dafür steht der Brasilianer. Er ist keiner, der sich wie Mark Webber lautstark gegen seinen Teamkollegen auflehnt. Keiner, der eine Kollision riskieren würde, nur um ein Zeichen zu setzen. Der Stachel der Niederlage sitzt nur bei Alonso tief. Massa kann damit leben, solange es kein Dauerzustand wird und es Erklärungen dafür gibt. Ferrari kann zudem auf Massas Dankbarkeit bauen, denn seine Vertragsverlängerung war keine Selbstverständlichkeit.

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