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Fahrer bekennen Farbe „Lieber jede andere Serie als die neue Formel 1“

19.06.2009 ·  Stellt euch vor, es ist Formel 1, aber Alonso, Hamilton, Räikkönen, Vettel steigen nicht ein. Alonso hat sich schon festgelegt, und auch viele andere Rennfahrer bekennen Farbe im Streit der Teams mit Mosley.

Von Anno Hecker, Silverstone
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Welche Bedeutung haben eigentlich Formel-1-Piloten? Ortstermin im Fahrerlager der Formel 1 von Silverstone am Donnerstag: Die Helden des Automobilsports kommen. Fotografen und Kameraleute versammeln sich, weichen Bilder schießend vor dem Weltmeister in spe Jenson Button und dem Champion von 2008, Lewis Hamilton, zurück. Wie der Brite werden fast alle Piloten hofiert, nicht nur auf dem ehemaligen Militärflughafen, drei Tage vor dem Großen Preis von England. Kraftkost zu Mittag wird ihnen in aller Welt hinterhergetragen, polierte Helme und teure Handschuhe von stets präsenten Getreuen gereicht. Die Furcht vor dem Unmut manch ungezogener Kämpen unter den teils höflichen Kollegen trieb und treibt die Entourage zu Bücklingen, degradiert kompetente Typen zu Lakaien.

Da stand schon mal ein graduierter Helmträger in brütender Hitze stundenlang auf dem Parkplatz, bis sich der Herr und (Möchtegern-)Meister Juan Pablo Montoya zum Abmarsch bequemte. Selbst Teamchefs wie der knorrige Frank Williams, von der Queen zum Sir erhoben, fürchteten schlechte Laune bei Ralf Schumacher, während andere ihre Steuerkünstler wie Kimi Räikkönen dringend baten, sich einer hochprozentigen Druckbetankung allenfalls im Separée und nicht vor laufenden Kameras hinzugeben. Selbst Lügengeschichten kaschierten Berühmte unter den mobilen Hofstaaten in der Vergangenheit. Was nur einen Schluss zulässt: Den mit bis zu 25 Millionen Euro pro Jahr am besten von allen Formel-1-Angestellten entlohnten Hauptdarstellern erlaubt die Formel 1 Extratouren - wenn die Rundenzeiten stimmen.

Die Fota-Teams halten an ihrem Ausstiegskurs fest

Wie aber steht es mit der eigenen Meinung? Vor zwei Wochen ist der Kurswert der Fahrergeneration Button/Hamilton/Vettel noch einmal richtig gestiegen. Ein paar Stunden vor dem Großen Preis der Türkei rief die Teamvereinigung Fota alle ihre Piloten zusammen. Dort leisteten die modernen Gladiatoren zwar keinen Schwur auf Leben und Tod. Aber sie sagten angeblich zu, ihren Rennställen über den Ausgang des Streits mit dem Präsidenten des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia), Max Mosley, hinaus die Treue zu halten.

Seriensieger Button zum Beispiel bei Brawn GP oder Hamilton als Ziehsohn von McLaren-Mercedes, Sebastian Vettel (Red Bull), der weltweit als nächster Star eingeschätzt wird. Nicht zu vergessen der schillernde Champion von 2007, Räikkönen. Auf diese illustre Gruppe müsste der geneigte Formel-1-Fan nächstes Jahr verzichten. Denn die Fota-Teams halten an ihrem Ausstiegskurs fest, falls es an diesem Freitag oder in naher Zukunft mit Mosley nicht zu einem von allen Zuschauern erwünschten Kompromiss im Streit um Sparprogramm und Kontrollsysteme kommt (siehe: Formel 1: Die Rennställe beißen nach Mosley).

Der frühere Weltmeister Fernando Alonso legte sich als Erster fest: „Ich würde es vorziehen, in jeder anderen Rennserie zu starten als in der neuen Formel 1 (nach Mosley-Version). Die Teams haben ihr Maximum gegeben, Man kann nicht verlangen, ein Budget von 500 Millionen in einem Jahr auf 45 zu reduzieren.“ Zufrieden haben Rennstall-Bosse aus den Reaktionen namhafter Piloten das Szenario vom führungslosen Boliden entwickelt: Stellt euch vor, es ist Formel 1, aber Alonso, Hamilton, Räikkönen, Vettel steigen nicht ein.

Kubica: „Ich will fahren, keine Politik machen“

Selten zuvor haben sich maßgebliche Rennfahrer öffentlich so entschieden geäußert. „Ich stehe bei meinem Team unter Vertrag und werde gehen, wohin sie gehen. So ist das eben. Das gilt für alle Fahrer“, behauptet Hamilton. Alonso mag auch die schlechte Erfahrung mit der Obrigkeit 2006 zum Widerstand bewogen haben. Damals verurteilten ihn die Fia-Kommissare beim Zeittraining in Monza wegen Blockierens. Dabei war der Ferrari mit Rubens Barrichello im fraglichen Moment weit hinter dem Renault gesichtet worden.

Alonso wertete seine Zurückstufung in der Startaufstellung deshalb als Fia-Versuch, Ferrari-Star Schumacher den Weg zum achten Titel frei zu machen. Prompt verlor er seinen „Glauben an den Sport“. Inzwischen sieht er zwar wieder rot, aber so gern, dass man hinter seiner Parteinahme für den neuen Mosley-Gegner Ferrari mehr vermuten darf als eine nüchterne Analyse aller Argumente: „Schon als Kind spielst du immer nur mit dem roten Wagen“, sagte der Spanier der „Daily Record“, „sie bedeutet Formel 1 und Wettbewerb.“ Alonso wird als erstbester Kandidat für ein Cockpit der Scuderia gehandelt.

Raus aus der Glimmerwelt, rein in den Alltag

Wer die Steuerexperten einzeln nach den Details des großen Streits fragt, stößt schnell auf Pragmatismus. „Ich will fahren, keine Politik machen“, sagt BMW-Mann Robert Kubica genervt. Ohnehin scheint der drohende Verlust des Spielzeuges Piloten zu großen Schritten zu bewegen: Button fährt seit dem Rückzug von Honda im vergangenen Dezember für nun angeblich fünf Millionen Euro pro Saison, die Hälfte seiner damaligen Gage. „Wenn es mit der Formel 1 nicht weitergeht, dann gehe ich zurück ins Unternehmen meines Vaters“, sagt Toyota-Pilot Timo Glock.

Raus aus der Glimmerwelt, rein in den Alltag eines Gerüstbauers. Was Teamchefs an Piloten so schätzen und teuer bezahlen, ist auch eine große Gefahr: nämlich ihre Fähigkeit, sich blitzschnell auf neue Bedingungen einzustellen. „Ich will dort fahren“, sagten Nico Rosberg (Williams) und Nick Heidfeld (BMW) unisono, „wo die stärksten Teams und die besten Piloten sind.“

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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