23.03.2009 · Weltmeister Lewis Hamilton hat mit seinem McLaren-Mercedes derzeit kein Auto, mit dem er um den Sieg fahren könnte. An der Spitze der Königsklasse ist Raum frei geworden für die Ambitionen anderer. Die Frage ist: Wer füllt die Lücke?
Von Michael WittershagenIhm zitterten die Knie, und er rang nach den richtigen Worten. Im dunklen Anzug, mit schwarzer Krawatte und weißem Hemd stand Lewis Hamilton in der vergangenen Woche im Buckingham-Palast in London und war innerlich ganz schön aufgewühlt. „Ich konnte gar nicht glauben, dass sie wirklich vor mir stand“, sagte der Vierundzwanzigjährige später. Queen Elisabeth II. hatte ihn eingeladen und mit dem Ritterorden „Member of the Order of the British Empire“ ausgezeichnet. „Das war die überwältigendste Erfahrung, die ich je gemacht habe.“
Dabei ist dieser Hamilton vor nicht nicht einmal einem halben Jahr noch jüngster Weltmeister in der Geschichte der Formel 1 geworden, deshalb kam es erst zu dieser königlichen Begegnung, die den Engländer auch mit der derzeit rauhen Wirklichkeit konfrontierte. „Sie hat sich sehr für mein Auto interessiert“, sagte Hamilton. Er wird der Queen nicht viel Gutes darüber erzählt haben können. Denn eine Woche vor dem Start der neuen Saison in Melbourne ist klar, dass die Ingenieure von McLaren-Mercedes in den Wintermonaten keinen Rennwagen konstruiert haben, mit dem Hamilton auf Anhieb um den Sieg kämpfen könnte (siehe auch: Formel 1: Mercedes wieder Spitze, aber nicht McLaren). „Wir müssen uns darauf einstellen, im letzten Drittel der Startaufstellung zu stehen“, sagt Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug. An der Spitze, dort wo die Weltmeisterschaft entschieden wird, ist ein Vakuum entstanden. Eine Lücke, und es gibt einige, die nun ihre große Chance wittern (siehe: FAZ.NET-Sonderseite zur Formel-1-Saison 2009).
Für die Wettanbieter sind Räikkönen und Alonso die Favoriten
Die europäischen Wettanbieter haben ihre Antworten auf den Ausgang der Saison längst gefunden: Fernando Alonso im Renault und Kimi Räikkönen im Ferrari sind ihre Favoriten auf den Titelgewinn. Und selbst die Chancen von Jenson Button im Brawn GP werden von den Buchmachern nicht wesentlich schlechter eingeschätzt als jene von Hamilton. Die massiven Regeländerungen vor dieser Saison haben viel in Bewegung gesetzt, und sie könnten die über Jahre gewachsenen Kräfteverhältnisse in der Branche ganz gehörig durcheinanderbringen. „Es ist schwieriger als je zuvor, den Stand der Dinge auf der Strecke einzuschätzen“, sagt Stefano Domenicali, der Teamchef von Ferrari.
Bis in die letzte Runde des letzten Rennens haben sich McLaren-Mercedes und Ferrari in der vergangenen Saison einen unerbittlichen Kampf um die Weltmeisterschaft geliefert. Noch im September wurde der Wagen von Hamilton mit neuen Teilen modifiziert, um dem Engländer gegenüber Felipe Massa Vorteile zu verschaffen. Ferrari hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst aus diesem Wettrüsten verabschiedet, die Ingenieure konzentrierten sich wie alle anderen Teams auf die Entwicklung des neuen Boliden. Mit Erfolg. Der neue McLaren MP4-24-Mercedes hingegen löst bei Fahrern und Verantwortlichen noch keine Glücksgefühle aus. Die Aerodynamik des Autos funktioniert nicht, auf der Hinterachse fehlt es an Anpressdruck. Beinahe eine Sekunde war Heikki Kovalainen bei den Testfahrten in Jerez Ende dieser Woche langsamer als Button im Brawn GP.
Mit den Ambitionen bei BMW wächst auch der Druck
Die Spitzenteams (siehe: Die Formel-1-Teams 2009) kalkulieren längst mit der Schwäche von McLaren-Mercedes, sie sehen sich selbst nun noch viel stärker. BMW etwa. Schon in den vergangenen beiden Jahren hat sich das Team mit Nick Heidfeld und dem Polen Robert Kubica mehr und mehr an die Weltspitze herangearbeitet, war zuletzt drittstärkster Hersteller. Nun will Heidfeld Weltmeister werden, das hat er oft genug betont in den vergangenen Wochen. Genau das ist auch der Plan von BMW-Sauber - die Chancen stehen so gut wie nie zuvor. „Letztes Jahr waren wir auf Tuchfühlung. Jetzt ist es unser großes Ziel, um den Titel mitzufahren“, sagt BMW-Motorsport-Direktor Mario Theissen.
Aber mit den Ambitionen wächst auch der Druck. Die Erwartungshaltung von außen wird zunehmen, und auch die Verantwortlichen des Konzerns wollen irgendwann Erfolge bejubeln. Die Konkurrenz hat die deutsch-schweizerische Renngemeinschaft längst auf dem Plan: „Drei oder vier Teams sind einen Schritt weiter als wir“, sagt der Renault-Pilot Fernando Alonso. „Die Zeiten von Ferrari, Brawn oder auch BMW liegen außerhalb unserer Reichweite.“
„Dieses Auto ist eine Bombe“
Ferrari, BMW - und Brawn GP sind also laut des zweimaligen Weltmeisters die Favoriten für Melbourne und die Rennen danach. Ausgerechnet jetzt, da McLaren-Mercedes aus dem Spitzenfeld herausrutscht, bekommt BMW mit dem Team des ehemaligen Benetton- und Ferrari-Strategen Ross Brawn scheinbar aus dem Nichts heraus einen weiteren Rivalen dazu.
Für den symbolischen Kaufpreis von einem britischen Pfund hatte der 54 Jahre alte Engländer Anfang März die Anteile am Honda-Team erstanden, die Entwicklung und Konstruktion des neuen Wagens hatte er da als Teamchef längst beendet - und das fertige Produkt mit einem Mercedes-Triebwerk im Heck sorgt für Begeisterung im Team und für Erstaunen im Fahrerlager: „Dieses Auto ist eine Bombe. Ich glaube, das wird die Überraschung des Jahres werden“, sagt Rubens Barrichello, der Teamkollege von Button. „Wenn die in Melbourne so fahren, gewinnen sie mit einer Runde Vorsprung“, sagt Sam Michael, Technischer Direktor von Williams.
Glock hat Großes angekündigt
Und Sebastian Vettel? Kaum einer im Fahrerlager hat den Einundzwanzigjährigen bisher noch nicht zum kommenden Weltmeister erklärt. Mit dem Wechsel von Toro Rosso zum Mutterteam Red Bull hat Vettel den nächsten Schritt in seiner Karriere unternommen, auch die Erwartungen an ihn sind damit gewachsen: Er soll helfen, den Rennstall des Energydrink-Milliardärs Dietrich Mateschitz weiterzuentwickeln, Vettel soll das Team zum ersten Sieg in der Formel 1 überhaupt führen. Deshalb hat er zuletzt mit dem Finnen Tommi Pärmäkoski einen ehemaligen Eishockey-Torwart als seinen persönlichen Fitnesstrainer verpflichtet. Die körperlichen Voraussetzungen müssen stimmen.
„Es ist der Schritt in die richtige Richtung. Das Potential ist da, trotzdem gibt es viel zu tun“, sagt Vettel über seinen Wechsel. Er und das Team sind schon in dieser Saison für die eine oder andere Überraschung gut, und auch Toyota-Pilot Timo Glock, der bei den Testfahrten stets zu den Besseren gehörte, hat seinerseits schon Großes angekündigt: „Ich will schließlich Weltmeister werden und nicht deutscher Meister.“
Alonso legt den Finger in McLarens Wunde
Eine Überraschung wird auch Hamilton im McLaren-Mercedes sein. So oder so. Er wird sich bisher kaum ausgemalt haben, wie es sich anfühlt, der Verfolger zu sein. Und er wird kaum wissen, was es aus einem macht, wenn die Gegner über die Leistungsschwäche spotten und den Finger immer wieder in diese Wunde legen. Alonso, sein ehemaliger Teamkollege bei McLaren, gibt darauf schon mal einen kleinen Vorgeschmack, wenn er sagt: „Er sieht derzeit wirklich nicht gut aus bei ihnen.“
Vermutlich bedarf es sogar schon eines kleines Wunders, damit sich die Ausgangssituation von McLaren-Mercedes und Hamilton noch gravierend verbessert - und auch das wäre eine große Überraschung.