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Die Formel 1 in Singapur Wenn es Nacht wird, geben die Rennfahrer Gas

25.09.2008 ·  Singapur lockt mit der Formel 1 die Superreichen dieser Welt: das erste Flutlichtrennen soll die Millionäre unterhalten und für den tropischen Stadtstaat in Südostasien werben. Risiken sollen ausgeschlossen sein - die Strecke ist viermal so hell erleuchtet wie ein Stadion.

Von Christoph Hein, Singapur
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Das hätte sich der „Corner King“ nicht träumen lassen: Mit seinen 78 Jahren wird Looi Im Henok, Singapurs König der Spitzkehre, noch einmal einen Grand Prix in seiner Heimatstadt erleben. Wenn am Wochenende das erste Formel-1-Rennen in dem tropischen Stadtstaat beginnt, will Looi unbedingt dabei sein. Als Motorradfahrer hatte er von 1961 bis 1963 den Singapore Grand Prix dreimal hintereinander gewonnen.

An den Osterwochenenden von 1961 bis zur Ölkrise 1973 röhrten Motorräder, Aston Martins und Ferraris über eine Waldstrecke entlang der Upper Thomson Road vor den Toren der Innenstadt. Damals drängten 250 000 Zuschauer an die Dschungelpiste, die nach Ostermontag wieder eine normale Straße war. Eine Eintrittskarte kostete zwischen einem und neun Singapur-Dollar (4,32 Euro).

Alle Betten sind verkauft

So billig ist das erste Nachtrennen der Formel 1 an diesem Wochenende nicht zu haben. Ein Platz auf der Tribüne kostet mehr als das Hundertfache. Vertreter der Automobilunternehmen kritisierten im Vorfeld, dass die Preise noch über denjenigen in Dubai oder Schanghai lägen. Die Hotels, auf deren Zimmer der Staat eine Luxussteuer aufschlägt, müssen für das gesamte Rennwochenende gebucht werden. Trotzdem sind alle Betten verkauft. Sind sie nicht ganz wichtig und dürfen das Rennen an der Strecke verfolgen, lädt etwa Daimler seine Gäste ein, in den Mercedes-Verkaufsräumen das Rennen im Fernsehen anzuschauen.

„Vor allem lokale Banken haben die Karten abgenommen“, sagt Sheila Rasu, die für die Öffentlichkeitsarbeit des Grand Prix zuständig ist. Die meisten Großkonzerne Singapurs sind Staatsunternehmen genau wie Singapore Telecommunication, der Hauptsponsor des Rennens und wie der Stadtstaat sehr interessiert daran, den ersten Formel-1-Grand-Prix zu einem Erfolg zu machen.

Zielgruppe der viertwichtigsten Handelsstadt der Erde: Reiche und Superreiche

Denn am kommenden Wochenende geht es in Singapur zwar um Motorsport, mehr noch aber um Geld, Touristen und Investoren. Nur am Rande interessieren dabei die Zahlen der Renntage selbst. 150 Millionen Singapur-Dollar dürfte der Grand Prix kosten. 40.000 Touristen und 100.000 Zuschauer werden erwartet, die zusammen 100 Millionen Dollar ausgeben. 500 Millionen Zuschauer sollen am Fernsehschirm zuschauen.

Viel wichtiger ist, dass aus der Tropenstadt Bilder zu sehen sein werden mit herrlich ausgeleuchteten Kolonialbauten und modernen Regierungsgebäuden. Diese sollen die Zielgruppe der inzwischen viertwichtigsten Handels- und Finanzstadt der Erde emotional einnehmen: Reiche und Superreiche.

Der Grand Prix als Werkzeug

Dafür hat Singapur Kraft und Geld rund um die Formel 1 gebündelt. Die unlängst gestartete Kunstausstellung Biennale wurde mit einem um ein Drittel gekürzten Etat kurzerhand zu einem Bestandteil der Singapurer Festwochen rund um das Rennen degradiert. Genauso wie ein Bierfest, ein Flussfest, ein Konzert mit Jazz-Sängerin Diana Krall, eine Modenschau, ein Abendessen der Genfer Uhrenindustrie mit einem Tischpreis von 4000 Dollar und eine Messe für Privatflugzeuge.

Die Stadt benutzt den Grand Prix quasi als ein Werkzeug, um ebenjenen „High Net Worth Individuals“ näherzukommen. Kein Wunder also, dass der Anstoß zum Rennen in Singapur von Hotel-Milliardär Ong Beng Seng kam. Sekundiert hat Arthur Tay, Verwaltungsratschef der SUTL-Gruppe, die unter anderem die Nobelenklave One Degree 15 Marina auf der Luxusinsel Sentosa vor Singapur besitzt.

Der verordnete Olympiajubel blieb verhalten

Nicht nur da zeigt sich, dass Sport in Singapur wichtig, aber letztlich nur Mittel zum Zweck ist. So kaufte der Stadtstaat die chinesische B-Mannschaft im Tischtennis samt Trainer, und sie gewann auch prompt Silber bei den Olympischen Spielen in Peking - die erste Medaille für Singapur nach 48 Jahren. Anschließend zerstritt sich das Team so, dass der Sportminister schlichten musste. Der verordnete Jubel in der Stadt blieb verhalten.

Dabei haben Singapurs Obere den Sport längst als Kitt der ethnisch heterogenen, jungen Nation ausgemacht. Die Bürger des erst 43 Jahre alten Stadtstaates sollen ein Nationalgefühl entwickeln, und nicht nur der hohe Lebensstandard, sondern auch der Sport soll sie dabei zusammenschweißen. Neben den Breitensportarten Tischtennis, Schwimmen und dem Wetten auf Pferderennen gehören dazu Golfen und Segeln. Und nun auch der Rennsport.

Auch am Hochseesegeln haben Millionäre Spaß

Diese Auswahl erinnert an jene, in der Luxusuhrenhersteller und Edelautobauer üblicherweise Werbung schalten. Im vergangenen Winter machte hier das Clipper Race Station, nach Weihnachten soll das Volvo Ocean Race folgen. Auch am Hochseesegeln haben Millionäre Spaß.

Die Rolle ausgewählter Sportarten als Lockmittel für Besserverdienende hat die Regierung allerdings erst jüngst erkannt. Singapurs Patriarch Lee Kuan Yew, Staatsgründer und heute als „Minister Mentor“ immer noch die starke Hand im Hintergrund, räumt selten Fehler ein. Beim Rennsport aber tut er es: „Für mich macht es keinen Sinn, immer im Kreis zu fahren; aber wir haben einen Fehler gemacht, keine Formel 1 hierherzuholen, denn Monaco hat sie längst.“

Die Strecke leuchtet viermal so hell wie ein normales Stadion

Rummel muss her, Lärm, Spaß - aber bitte auf höchstem Niveau. Das bringen die Boliden. Der Aachener Architekt Herman Tilke hat einen fünf Kilometer langen Kurs ausgelegt, der zu vier Fünfteln über normale Straßen führt. Die erhielten dafür einen neuen Belag. Gefahren wird gegen den Uhrzeigersinn, weil die Fahrer sonst in der ersten Spitzkurve ins Meer zu stürzen drohen, wenn sie nicht richtig bremsen. Das Besondere an dem Rennen ist jedoch die Uhrzeit.

Damit Fernsehzuschauer in Europa von 14 Uhr an live zusehen können, startet die Formel 1 erstmals nachts. Eine eigene Lichtanlage des Italieners Valerio Maioli erleuchtet die Strecke viermal so hell wie ein normales Stadion. Zwölf Generatoren sorgen für Strom. „Das Rennen wird stattfinden, wir sind bestens vorbereitet“, sagte Projektleiter Leong Yue Kheong. Wenn ein Generator ausfällt, übernimmt Nummer zwei. Danach Nummer drei. Ein Risiko gebe es nicht. Und wenn, dann haben die Singapurer, die „Preußen Asiens“, dieses längst ausgeschaltet. Millionäre wollen schließlich nicht enttäuscht werden.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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