01.05.2008 · Schnelle Frauen sind sich sicher: Die Herrschaften sorgen dafür, dass die Formel 1 eine Männerdomäne bleibt. Dabei durchschauen die Beteiligten längst, dass es mehr auf Hirn und Herz ankommt als auf Muskeln und Machogehabe.
Von Anno HeckerNico Rosberg und Marie Hirth sind früher Kartrennen gegeneinander gefahren. Sie haben es beide bis in die Formel 1 geschafft. Er fährt für Williams, sie schreibt Pressetexte für Renault. Das ist der klassische Weg. Seit Jahrzehnten: Frauen garnieren die Formel 1, machen gute Figuren als lebendige Kühlerfiguren bei der Startaufstellung, dienen Piloten für eine angeregte Kurvendiskussion, steuern im Hintergrund manchen Jungmillionär mit Geschick und klugem Rat durch die Schikanen einer internationalen Karriere.
Aber die entscheidende Kurve haben sie in 58 Jahren Formel 1 nicht bekommen. Von den fünf Damen, die in der Königsklasse ans Steuer gelassen wurden, gewann allein die Italienerin Lella Lombardi in dreizehn Rennen einen halben Punkt (1975 in Barcelona). Ihre Nachfolgerin Giovanna Amati konnte sich Anfang der neunziger Jahre nicht für einen einzigen Grand Prix qualifizieren. Seitdem sind zwar immer wieder kluge Frauen in der Formel 1 zu Ehren gekommen. Etwa als Elektroingenieurin oder als Aerodynamikerin, wie Antonia Terzi zwischenzeitlich bei Ferrari. Ein Lenkrad aber bekamen sie nicht in die Finger. „In kleineren Klassen geht das vielleicht“, behauptete der Honda-Fahrer Jenson-Button, „aber in der Formel 1 sind die G-Kräfte in den schnellen Kurven zu groß.“
Hirn und Herz statt Muskeln und Machogehabe
Diese Einschätzung ist drei Jahre alt. Damals diskutierte die Formel 1 die Frauenfrage nach dem vierten Platz der Amerikanerin Danica Patrick (Siehe auch: Bildergalerie: Danica Patrick im Bikini neben Klum, auf dem Podest über den Männern) beim berühmten 500-Meilen-Rennen von Indianapolis. Zuletzt hat die schnelle Frau aus Wisconsin ihr erstes Rennen in der Indy Racing League gewonnen, alle Kerle mit einer taktischen Meisterleistung nach 200 Runden um fast sechs Sekunden hinter sich gelassen. „Wenn das kein Beweis ist, dass all das Geschwafel von fehlenden physischen Voraussetzungen für Frauen im Motorsport Schwachsinn ist, dann weiß ich es nicht“, sagt Ellen Lohr.
Auch 16 Jahre nach ihrem Sieg in der Männerdomäne der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft hält sich dieser „Unsinn“. Ihre deutsche Kollegin im Geiste, Jutta Kleinschmidt, ließ bei der Rallye-Dakar die Herren der Schöpfung 2001 Staub schlucken - bis ins Ziel. Die Französin Michèle Mouton mischte 1981 die Rallye-Szene auf. Es gibt anstrengendere Sportarten, in denen Frauen bessere Fitness bewiesen. Libby Riddles etwa zog in den Achtzigern mit ihren Schlittenhunden bei einem Rennen durch Alaska dem starken Geschlecht davon. Ihre Landsfrau Julie Krone gewann als Jockey 3000 Rennen.
Drehzahlen und Driftwinkel
Dass es in der Formel 1 mehr auf Hirn und Herz ankommt als auf Muskeln und Machogehabe, durchschaut die Generation nach Button längst. Alle deutschen Formel-1-Fahrer, von Nick Heidfeld über Nico Rosberg bis zum jüngsten, Sebastian Vettel, kommen unisono auf den Punkt: „Sehe ich aus wie ein Bär?“, fragt der Hänfling Vettel. „Physisch wäre das kein Problem“, fügt Heidfeld hinzu. „Die nötige psychische Härte haben einige Frauen ganz sicher drauf“, glaubt Rosberg.
Mit der Management-Erfahrung aus zwanzig Jahren sieht auch Mercedes-Sportchef Norbert Haug keinen Grund, dem Duell Frau gegen Mann aus dem Weg zu gehen: „Der Motorsport ist geradezu dafür prädestiniert.“ Der Umstieg von einer Pferdestärke auf viele, von einem braven oder launischen Vierbeiner namens Perikles mit peitschendem Schweif in die Sitzschale eines gefühl- wie namenlosen Zweitakters mit knatterndem Auspuff gilt nicht mehr als Fauxpas. Wenn manche Mädchen heute vom Stall reden, dann denken sie an Drehzahlen und Driftwinkel, nicht ans Ausmisten und Ausreiten.
„Großes Talent“ - aber keine Zukunft in der Formel 1
Die Beschleunigung der Mädchen haben Lewis Hamilton, Nico Rosberg oder der neue Renault-Mann Nelson Piquet jr. am eigenen Leib erlebt. Knurrend nahm der Brasilianer im Herbst 2005 seine Niederlage gegen die damals 19 Jahre alte Landsfrau Bia Figueiredo hin. „Sie hat großes Talent“, gestand Piquet. Aber keine Zukunft in der Formel 1. Figueiredos Spur verliert sich wie die anderer Siegerinnen nach Erfolgen im Kartsport. „Die Basisarbeit ist gut“, sagt Ellen Lohr über die Bedingungen in Deutschland, „aber es sind zu wenig Mädchen bereit, es konsequent zu versuchen.“
Nur zehn fahren zurzeit in der Deutschen Kart-Meisterschaft mit (acht Prozent), elf versuchen sich in der Kart-Serie des ADAC (fünf). Auf dem Weg in die Formel-Klassen, unbedingte Voraussetzung für den Sprung in die Formel 1, biegen die Mädchen offensichtlich vom Kurs ab. Im Formel-3-Cup sind 2008 drei gemeldet, in der wichtigsten Klasse, den Formel-3-Euroseries, kreist ein reiner Jungen-Klub. „Bei diesen Zahlenverhältnissen ist es natürlich schwer, ein Mädchen zu finden, das schneller ist“, sagt Ellen Lohr, „aber sie scheinen ein klares Ziel wie die Formel 1 auch nicht so verinnerlicht zu haben wie viele Jungs. Stattdessen gibt es viele Frauen in der Szene, die sich für Rennfahrerinnen halten, aber weit davon entfernt sind. Da sind ziemlich talentfreie Tussis unterwegs, die vieles von dem, was Jutta Kleinschmidt oder ich erarbeitet haben, nun ad absurdum führen.“
„Die Vorurteile sind zu groß“
Das Vertrauen, eine junge Frau mit viel Geld und Geduld bis zur Formel-1-Reife zu fördern, ist im Motorsportgeschäft nicht gerade gewachsen. Dabei belebte eine erfolgreiche Dame im Cockpit das Reich des Patriarchen Bernie Ecclestone. Die Szene gibt sich zwar aufgeschlossen. Nur kommen die durchweg männlichen Teamchefs mangels Angeboten nicht in die Gefahr, ihre beteuerte Zuneigung beweisen zu müssen. „Ich wette, dass kein Teamchef den Mut hätte“, sagt Ellen Lohr, „selbst eine wirklich talentierte Fahrerin ins Cockpit zu setzen. Die Vorurteile sind zu groß.“
Hinter vorgehaltener Hand wird die Rheinländerin bestätigt. „Hätte ich die Auswahl zwischen einer Frau und einem Mann als Fahrer und wüsste ich, dass sie gleich schnell sind, dann würde ich in die Frau investieren. Die Aufmerksamkeit spielte Millionen ein“, sagte ein Fahrermanager am Freitag, bevor er tief Luft holte: „Das wagt aber keiner hier. Es steht zu viel Geld auf dem Spiel. Am Ende glauben sie alle, ein Mann sei doch schneller.
Ein süffisantes Lächeln von Sportchef Haug
Und außerdem fürchten sie noch um den Teamfrieden. Ein männlicher Pilot wird seiner Kollegin niemals bei der Abstimmungsarbeit helfen, falls sie ihn gefährden könnte. Denn überholte sie ihn, dann wäre er erledigt, ein für allemal raus aus dem Geschäft.“ Angeblich beginnen aktive Ausbremsmanöver schon in den Umlaufbahnen der Formel 1. „Die Hälfte aller Abschüsse, die ich hinnehmen musste“, erzählt Ellen Lohr, „waren Kurzschlussreaktionen. Da kamen Typen nicht damit zurecht, dass eine Frau sie überholte.“
Nachdem sie 1992 im Mercedes als erste Frau ein Tourenwagen-Rennen gewonnen hatte, bugsierte sie der Finne Keke Rosberg im folgenden Lauf von der Piste. Ein süffisantes Lächeln setzte Sportchef Haug auf, als er sich in Barcelona erinnerte: „Der gute Keke konnte einfach nicht verdauen, dass ihn eine Teamkollegin geputzt hatte.“