05.04.2008 · Mit einem Streich erfüllt die Formel 1 wieder das Klischee von „Sex and Crime“. Doch der Skandal um den FIA-Präsidenten Max Mosley ist kein Einzelfall. Seit sich die Branche als Spekulationsobjekt im Kreis dreht, zieht sie dubiose Gestalten an.
Von Anno Hecker, ManamaMan darf sich nicht erwischen lassen. Das war schon immer eine goldene Regel in der Formel 1. Max Mosley hat es erwischt. Mit der ganzen Wucht einer organisierten Überwachung, angeblich über sieben Wochen, mit Hackerattacken auf seinen Computer und dem Einsatz wenigstens einer sündhaft teuren Minikamera.
Der enorme Aufwand und die schnelle Veröffentlichung der sadomasochistischen Lustspiele in Zeitung und Internet dokumentieren, worum es geht: vielleicht auch um die Enttarnung eines Moralapostels in der Formel 1, so wie Mosley – als Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA) eine Art oberster Richter der Königsklasse – seinen Privat-Verkehr regelt. Ganz sicher aber zielt der Schlag auf die Vernichtung seiner sportpolitischen Existenz. Nie zuvor hat es einen mit so großer krimineller Energie betriebenen öffentlichen Angriff auf einen FIA-Präsidenten gegeben.
Piloten und Ingenieure betrachten bis spät abends Kurven
Eigentlich hätte die neue Formel-1-Saison so beginnen sollen, wie die vergangene geendet hatte: mit einem spannenden Schlagabtausch auf der Piste. Mit Mosleys Hieben in einem Londoner Apartment wird die Hightech-Szene nun wieder mit einem Kapitel verknüpft, das überwunden schien: Spionageaffäre, Klagen, polizeiliche Ermittlungen, eine 100-Million-Dollar-Strafe für McLaren-Mercedes.
Mit einem Streich erfüllt die Formel 1 nun wieder das Klischee von „Sex and Crime“. Dabei ist der Alltag in der Boxengasse nüchtern. Piloten und Ingenieure betrachten bis spät abends Kurven. Allerdings Kurven der Datendiagramme, nicht etwa jene von Boxenludern. Das Bild von „Männern, Mädchen und Motoren“ entspricht längst nicht mehr der Realität. Dafür haben Rennfahrer von heute an einem Grand-Prix-Wochenende schlicht keine Zeit. Ihr Skandalpotential ist so stark reduziert wie – dank Mosley – das Risiko, im Rennwagen ums Leben zu kommen. Die Kämpfe um Leben und Tod finden inzwischen fast nur noch auf der politischen Bühne statt, ausgetragen von Funktionären, Teamchefs und anderen Mitspielern.
Suspekte Personen im Fahrerlager
Seit sich die Formel 1 als interessantes Spekulationsobjekt im Kreis dreht, zieht sie dubiose Gestalten an. CIA-Agenten wie der Shadow-Teamchef Don Nichols, Typen aus dem Milieu, der Unterwelt, Kriminelle, deren Strafregister von Betrug bis zu Totschlag reicht. Auszüge einer Sammlung des britischen Journalisten Joe Saward lesen sich wie Kriminalromane. Ligiers Teamchef Cyril Rouvre wanderte wegen Veruntreuung ins Gefängnis, zwei Kollegen von Brabham folgten. Der erste Arrows-Bolide von 1978 war, wie vor Gericht bestätigt, eine komplette, unerlaubte Kopie des Shadow DN9.
Didier Camels, der Partner von Gerald Larrousse im gleichnamigen Rennstall, erschoss seine Frau im Affekt. Wie überhaupt Larrousse Pech hatte mit seiner Personalwahl: der Deutsche Klaus Walz – alias Rainer Walldorf – versuchte sich mit seiner „Comstock Group“ als Sponsor, obwohl er von der Polizei gesucht wurde. Bei einer Festnahme in der Nähe von Nizza nahm Walldorf, bewaffnet mit einer Handgranate, einen französischen Polizisten als Geisel. Einen Monat später wurde er bei einem Schusswechsel mit der deutschen Polizei erschossen.
Balestre: Kollaborateur oder Widerstandskämpfer?
Mosley hat versucht, suspekte Personen aus dem Fahrerlager herauszuhalten. Zum Beispiel den zahlungsunwilligen Andrea Sassetti mit seinem Team Andrea Moda. In Monza standen die Trucks einst vor verschlossenen Türen. Als Rechtsmittel diente dem FIA-Präsidenten der Sport-Code, Paragraph 151 c: „Niemand (. . .) darf dem Interesse des Motorsports schaden.“ Ein Anspruch, der nun Mosley zum Verhängnis werden könnte.
Eine Sittenregel, die allerdings seinem Vorgänger Jean-Marie Balestre nie gefährlich wurde. Die Parallelen sind auffällig. Der vor gut einer Woche verstorbene Franzose machte sich verdient als Sicherheitspolitiker, neigte aber zum Ende seiner Amtszeit (1978 bis 1991) zu einer willkürlichen Politik, die in der Affäre Senna/Prost gipfelte. Mit einer Disqualifikation des brasilianischen Piloten gewann Balestres Landsmann Prost 1989 die Fahrerweltmeisterschaft.
Mosley versuchte, seine Feinde zu erniedrigen
Über die Urteilsfähigkeit Balestres schrieb damals das deutsche Fachblatt „Rallye-Racing“ ironisch: „Man muss Verständnis haben. Ein merkwürdiges Verhalten zeigte Balestre schon während des Zweiten Weltkrieges. Damals versuchte er sich selbst zu fangen, und zwar der Kollaborateur den Widerstandskämpfer oder umgekehrt.“ Balestre hatte einer französischen SS-Einheit angehört, aber jeden Rechtsstreit mit der Behauptung gewonnen, er sei Mitglied der Résistance gewesen. Alle Zeugen seien allerdings leider umgekommen. Niemand konnte das Gegenteil beweisen.
Balestres theatralische Auftritte hat Mosley nie öffentlich kopiert. Ihre Rolle bei sportpolitisch höchst umstrittenen Urteilen und ihre Machtlust zeichnet sie aber als Brüder im Geiste aus. Während Balestre als Napoleon mit dem Zweispitz auf dem Kopf und der berühmten Herrschaftspose (anlässlich einer Korsika-Rallye) seine Allmachtsphantasie zur Schau stellte, versuchte Mosley, seine Feinde zu erniedrigen.
Mit Vergnügen Schläge unter die Gürtellinie
Jürgen Hubbert, einst Daimler-Vorstand, stellte der Brite als spätpubertären Konzernvertreter dar: „Sie sitzen mit Lederjacke und Kopfhörer an der Boxenmauer, tun das, was wir als junge Männer gemacht haben.“ McLaren-Mercedes kam weiteren Untersuchungen in der Spionageaffäre nur zuvor, weil der ohnehin schwer geschlagene Ron Dennis („Nicht gerade der Klügste“) mit einer Entschuldigung zu Kreuze kroch.
Den cleveren Legastheniker Jackie Stewart, dreimal Formel-1-Weltmeister, bezeichnete Mosley zuletzt als „certified halfwit“, als „amtlich bestätigten Schwachkopf“. Mosley hat sein privates Vergnügen zumindest einseitig auch in der Öffentlichkeit ausgelebt: Mit Schlägen unter die Gürtellinie.
„Arroganz auf Weltklasse-Niveau“
Nach Darstellung seiner Anwälte in der Klageschrift gegen die Zeitung „News of the World“ gibt es keinen Beweis für die behauptete Nazi-Konnotation seines Liebeslebens. Als eine Art Herrenmensch ist er in jedem Fall aufgetreten. Die London Times attestierte dem 67 Jahre alten Juristen und Sohn des früheren Faschistenführers in England eine „Arroganz auf Weltklasse-Niveau“.
Mosley schwebt weiter über den Dingen, trotz des weltweiten Protestes von FIA-Mitgliedsverbänden, inzwischen auch des Amerikanischen Automobil-Verbandes: „Ich habe nichts falsch gemacht“, schrieb er am Freitag: „Wenn ich beim Rasen erwischt worden wäre oder mit Alkohol am Steuer, wäre ich sofort zurückgetreten.“ Im Fahrerlager herrscht ab und an eine andere Moralvorstellung. Als vor ein paar Jahren der Südafrikaner Tomas Scheckter mit einer Prostituierten in seinem Dienstwagen (Jaguar) erwischt wurde, warf ihn Teamchef Niki Lauda achtkantig raus und raunte: „He blew his job.“