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David Coulthard Schwerenöter und Herrenfahrer

03.11.2008 ·  David Coulthard ist ausgestiegen. Der Schotte fuhr in Sao Paulo sein letztes Formel-1-Rennen. Und mancher Romantiker seufzte: Da geht er, der letzte Genießer. Der letzte Pilot, der das Etikett des Herrenfahrers trug. Lebenslustig, stilvoll, sicher auf jedem Parkett.

Von Anno Hecker, Sao Paulo
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David Coulthard ist ausgestiegen. Der fuhr noch? Am Sonntag zum letzten Mal in der Formel 1. Es war sein 246. Grand Prix, das Finale einer fünfzehnjährigen Karriere, die nie zum Titel führte. Trotzdem hat die Szene rührend Abschied genommen von dem 37 Jahre alten Schotten. Es sind Tränen geflossen im sonst so nüchternen Fahrerlager. Und mancher Romantiker seufzte: Da geht er, der letzte Genießer. Der letzte Pilot, der das Etikett des Herrenfahrers trug. Lebenslustig, stilvoll, sicher auf jedem Parkett. „Jetzt“, soll Chefmanager Bernie Ecclestone gesagt haben, „haben wir nur noch diese Computer-Kids.“

Dass der Zirkusdirektor geflissentlich Coulthards Altersgenossen Rubens Barrichello und Giancarlo Fisichella übersah, passt ins Bild. Alle drei waren sie Beifahrer von Weltmeistern. Coulthard neben Mika Häkkinen bei McLaren-Mercedes, Barrichello unter Michael Schumacher bei Ferrari, Fisichella hinter Fernando Alonso im Renault. Alle drei kassierten summa summarum Millionen, alle drei sind gemachte Männer.

Coulthard fiel der Wechsel vom Overall in den Anzug leicht

Aber nur Coulthard genoss einen besonderen Star-Status. Er fuhr mit einer außergewöhnlichen Flexibilität aus dem Schatten seines Vordermanns heraus. Noch vier Jahre nach dem Abschied von McLaren-Mercedes schwärmen die Stuttgarter von der allseits kompatiblen Erscheinung, wie geboren für die Repräsentation der „Premium-Klasse“.

Coulthard fiel der Wechsel vom Overall in den Anzug so leicht wie ein Gangwechsel auf der Geraden. Ohne seine Wandlungsfähigkeit wäre er schon seit vier Jahren im Geschichtsbuch der Formel 1 verschwunden. Erst nach dem Saisonfinale 2004 verpflichtete ihn Red Bull. Größer konnte der Gegensatz nicht sein. Von der gediegenen Extraklasse in die hippe Jugendgruppe. Coulthard justierte sich. Die Abstimmung passte auf Anhieb: Dreitagebart, Abenteurer-Outfit, Genießermiene.

McLaren setzte auf Hakkinen

Mit diesem Bild endete am Sonntag eine Laufbahn, die Coulthard alle Möglichkeiten geboten hatte. Vier Wochen nach dem Unfall-Tod von Ayrton Senna 1994 in Imola war er beim Großen Preis von Spanien in das Cockpit des Williams-Renault, das Heinz-Harald Frentzen ausgeschlagen hatte, geklettert. Plötzlich fand sich die britische Motorsporthoffnung mitten im Kampf mit dem Williams-Widersacher Benetton samt Schumacher wieder.

Trotz des ausgezeichneten Boliden reichte es aber nur zu einem Sieg (1995), während sein Teamkollege Damon Hill in der gemeinsamen Zeit zehn Rennen für sich entschied. Mit dem ersehnten Wechsel zu McLaren-Mercedes 1996 schien er in Schwung zu kommen. Coulthard bescherte der deutsch-britischen Allianz im ersten Rennen der Saison 1997 den ersten Triumph, gewann auch in Monza. Aber McLaren setzte auf Häkkinen. Beim Saisonfinale in Jerez de la Frontera erhielt der Finne die entscheidende Anschubhilfe für seinen Aufstieg zum Weltmeister 1998 sowie 1999.

Couthard überstand die Affäre von Spa 1998

Eine Bevorzugung, die fatale Folgen hatte, weil sie wie ein Signal für alle anderen Rennställe wirkte. Coulthard war abgestempelt: als Zweitbester. Trotzdem machte er diese Teamorder nie öffentlich zu einem Thema. „Ich bin wohl kein emotionaler Typ.“ Die Nervenstärke hat sich ausgezahlt. McLaren hielt neun Jahre an Coulthard fest. Er kam zu 13 Siegen und 62 Podiumsplätzen, begeisterte und lähmte seine Teamführung. Als Monaco-Sieger wie als Crashpilot. Rückwärts schoss er einst aus dem Tunnel des Fürstentums – nach einer Kollision mit Häkkinen.

Die Fahrgemeinschaft überstand aber sogar die Affäre von Spa-Francorchamps 1998. Damals prallte Schumacher im Regen in das von der Gischt umhüllte Heck des Edel-Domestiken. Weil der bereits überrundete Coulthard auf der Ideallinie vom Gas gegangen war, anstatt die Spur vor dem führenden Schumacher zu wechseln, hatte nicht nur der Deutsche eine bloße Absicht zum Nutzen des WM-Rivalen Häkkinens unterstellt.

„David hat viel Pech gehabt“

Nur mit Mühe konnte er Coulthard in der Box vom Leib gehalten werden. „Wolltest du mich töten?“ Ein paar Jahre später spürte der Schotte die Konsequenzen nebulöser Fahrmanöver am eigenen Leib. Alonso hatte Coulthard auf dem Nürburgring mit einem überraschenden Tritt auf die Bremse bei Tempo 300 ins Kiesbett gezwungen. Als die Fetzen flogen, begriff Coulthard: „Jetzt weiß ich, was damals in Michael vorgegangen ist.“

„David“, behauptet sein Landsmann, der dreimalige Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart, „hat viel Pech gehabt.“ Coulthard sieht sich aber eher als Glückspilz. Im Mai 2000 überlebte er mit seiner damaligen Freundin eine Bruchlandung seines Privatflugzeugs unverletzt. Die beiden Piloten kamen ums Leben. „Ich hätte tot sein können. Stattdessen durfte ich ein wunderbares Leben fortsetzen.“

Freizügige Verkehrsregelungen auf der Yacht

Wie keinem Zweiten gelang es ihm, seine Leidenschaften zu kombinieren. Wenn er eines der schnellsten Autos abgestellt hatte, führte sein Weg nach der üblichen Kurvendiskussion häufig zu einer Laufsteg-Schönheit. Kleine Skandälchen, Blechschäden mit einem Dienstwagen voller Begleiterinnen und freizügige Verkehrsregelungen auf seiner Yacht bremsten ihn nicht. Coulthard kannte seine Grenzen. Dass es Zeit wurde, auszusteigen, ist allerdings niemandem verborgen geblieben. Bei Red Bull schlug ihn Mark Webber in 16 von 18 Trainingsduellen. Der Nachfolger ist längst gefunden. Vielleicht wird er Coulthard in den Schatten stellen. Nur sicher nicht als Schwerenöter: Sebastian Vettel.

Im Fahrerlager von São Paulo sind doch
tatsächlich Tränen geflossen: Zum Abschied des Schotten David Coulthard, der seinen 246. und letzten Grand Prix bestritt.
Von Anno Hecker

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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