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Daniel Pedrosa Das Wunderkind ist schon ein Schwergewicht

24.03.2006 ·  Hat Valentino Rossi endlich einen Gegner? Daniel Pedrosa aus Spanien soll die Motorrad-WM wieder spannend machen. Der schmächtige Jüngling ist zum Saisonstart am Sonntag die letzte Hoffnung der Szene.

Von Lucas Söchtig, Jerez
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Valentino Rossi ist in der Motorrad-Weltmeisterschaft sichtlich unterfordert. Seit Monaten ist der siebenmalige Titelträger fast ebensooft im Formel-1-Cockpit wie im Sattel seiner Yamaha zu bewundern. Trotzdem war er Anfang März bei der WM-Generalprobe in Barcelona mal wieder der Schnellste. Den Rest der rennfreien Zeit vertrieb sich der Italiener mit Spielchen mit dem wichtigsten Geldgeber der Zweiradbranche: der Tabakindustrie.

Erst erklärte Rossi, für Zigaretten wolle er gar nicht mehr werben - und vergraulte so Hauptsponsor Gauloises. Als er dann jedoch niemanden außerhalb der Nikotinbranche fand, der ihm seine auf 12 Millionen Dollar geschätzte Gage zahlen wollte, unterschrieb er bei Camel. Kaum aber war die Tinte trocken, zeigte der Ausnahmepilot seinem neuen Financier, was er wirklich von ihm hält - und testete demonstrativ den Marlboro-roten Ferrari.

Umstieg vielleicht nur noch eine Frage der Zeit

Rossis endgültiger Umstieg von zwei auf vier Räder ist vielleicht nur noch eine Frage der Zeit: Im Dezember läuft sein Vertrag mit Yamaha aus, und nichts ödet den 27jährigen Italiener so sehr an wie die eigene Dominanz. Seit fünf Jahren beherrscht er nach Belieben die MotoGP-Serie, die Formel 1 des Sports. Selbst der weltgrößte Motorradhersteller Honda, den Rossi 2004 verließ, um auf der unterlegenen Yamaha eine neue Herausforderung zu suchen, schaffte es bisher nicht, einen halbwegs ebenbürtigen Widersacher aufzubauen.

Die letzte Hoffnung der Szene ist ein schmächtiger Jüngling aus Spanien. Daniel Pedrosa mißt genau 158 Zentimeter, und wenn er auf der 240 PS starken Honda sitzt, reichen seine Beine nicht mal bis zum Boden. Doch wenn an diesem Sonntag in Jerez die neue Saison startet, erwarten mehr als 120.000 Biker von ihrem 20jährigen Landsmann nicht weniger als den Sieg. Denn auf dem Motorrad ist der 49 Kilo leichte Asphaltjockey ein echtes Schwergewicht.

„Daniel hat nicht so viel zu sagen“

„Pedrosa fährt wie ein Roboter“, sagt sein einstiger Rivale, der Schweizer Achtelliter-Weltmeister Thomas Lüthi. Drei Jahre lang räumte Pedrosa die Titel in den Klassen bis 125 und 250 Kubikzentimeter Hubraum ab; nun fordert der milchgesichtige Katalane erstmals Rossi in der MotoGP-Kategorie heraus. Der Dauer-Champion freut sich auf seinen neuen Gegner: „Ich hoffe, Pedrosa und ich werden uns einige gute Schlachten liefern.“

Die Duellanten könnten unterschiedlicher nicht sein. Während der Alleinunterhalter Rossi auf seinen Ehrenrunden artistische Kunststückchen auf dem Motorrad vorführt, sich als Superman verkleidet oder zur Gaudi der Fans eine Sexpuppe auf dem Sozius mitnimmt, winkt der brave Pedrosa nur politisch korrekt ins Publikum. Der Italiener schlägt sich bevorzugt die Nächte in Londoner Clubs um die Ohren, der Spanier hockt lieber zu Hause bei den Eltern vor der Playstation. Und während Provokateur Rossi seine Rivalen immer wieder mit markanten Sprüchen und Gesten anstachelt, äußert sich der schüchterne Pedrosa gar nicht über andere Fahrer. Am liebsten würde er gar keine Interviews geben. „Daniel hat nicht so viel zu sagen“, erklärt Manager Alberto Puig.

Schule schmeißen und in die WM einsteigen

Puig, selbst einmal ein passabler Grand-Prix-Pilot, ist nicht nur Pedrosas Sprachrohr, sondern auch sein Entdecker. 1999 wählte er den damals 13jährigen bei einem Sichtungslehrgang des spanischen Verbandes für aussichtsreiche Zweiradtalente aus, obwohl Pedrosa damals nicht einmal wußte, wie man schaltet. Zwei Jahre später überzeugte er seinen Zögling, die Schule zu schmeißen und in die WM einzusteigen. 2003 folgte Pedrosas erster Titel in der Klasse bis 125 Kubikzentimeter - und in diesem Winter verdrängte der kleine Spanier den großen Max Biaggi als offizieller Honda-Werksfahrer.

Während Biaggi nun im erzwungenen Vorruhestand schmollt, hat Honda nur für Pedrosa ein kleineres und schlankeres Motorrad mit kürzerem Tank und schmalerem Sitz gebaut - denn davor kam der Spanier nur mit Mühe an den Lenker heran. Honda-Kritiker nannten diese Millioneninvestition anfangs „verbranntes Geld“: Pedrosa sei mit seiner Kunstturnerfigur denkbar ungeeignet, eine dreimal so schwere Maschine zu steuern, ätzten sie damals. Doch bei Pedrosas erstem Test im November in Malaysia verstummte der Spott abrupt: Gleich am dritten Tag auf dem neuen Motorrad ließ der Spanier die gesamte Weltelite hinter sich - inklusive Rossi.

„Wir hoffen, daß du Rossi besiegst“

Seither hat Pedrosa alle Hände voll zu tun, die Erwartungen zu dämpfen. „Als ich nach Hause zurückkam, hat jeder gesagt: Wir hoffen, daß du Rossi besiegst“, klagt das Wunderkind. „Aber dazu bin ich noch nicht in der Lage: Im MotoGP braucht man Erfahrung - und die habe ich noch nicht.“ Doch schon in einem Jahr dürfte Pedrosa ernsthaft auf Titeljagd gehen: 2007 tritt ein neues Reglement in Kraft, das die Hersteller zur Abrüstung von 990 auf 800 Kubikzentimeter Hubraum zwingt; dazu werden die Maschinen zehn Kilo leichter.

Die erste Änderung bedeutet für eher schwere Piloten wie Rossi ein erhebliches Handicap; die zweite vereinfacht Zweirad-Davids wie Pedrosa das Leben. Und sollte der Spanier schon in dieser Saison beim ein oder anderen Rennen um den Sieg mitfighten, bleibt Rossi dem Motorradsport vielleicht doch noch treu. Denn dann hätte er endlich einen richtigen Gegner.

Daten zur Motorrad-Weltmeisterschaft

WM-Läufe:

26. März Jerez/Spanien, 8. April Doha/Qatar, 30. April Istanbul/Türkei, 14. Mai Schanghai/China, 21. Mai Le Mans/Frankfreich, 4. Juni Mugello/Italien, 18. Juni Barcelona/Spanien, 24. Juni Assen/Niederlande, 2. Juli Donington/England, 16. Juli Sachsenring/Deutschland, 23. Juli Laguna Seca/Vereinigte Staaten (nur „MotoGP“-Klasse), 20. August Brünn/Tschechische Republik, 10. September Sepang/Malaysia, 17. September Phillip Island/Australien, 24. September Motegi/Japan, 15. Oktober Estoril/Portugal, 29. Oktober Valencia/Spanien.

Deutsche Fahrer:

„MotoGP“-KIasse: Alexander Hofmann (Bochum) Pramac D'Antin/Ducati.Klasse bis 250 Kubikzentimeter: Dirk Heidolf (Hohenstein-Ernstthal) Kiefer BOS Racing-Team/Aprilia.
Klasse bis 125 Kubikzentimeter: Sandro Cortese (Berkheim) Honda, Stefan Bradl (Zahling) KTM.

Aktuelle Weltmeister:

„MotoGP“-Klasse: Valentino Rossi (Italien) Yamaha.
250er Klasse: Daniel Pedrosa (Spanien) Honda.
125er Klasse: Thomas Lüthi (Schweiz) Honda.

Fernsehen:

Eurosport überträgt alle Rennen live und in Zusammenfassungen.

Quelle: F.A.Z., 25.03.2006, Nr. 72 / Seite 34
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