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Crashtest - die Formel-1-Kolumne Wir sind nicht bei „Wünsch Dir was“

08.02.2012 ·  Über den Formel-1-Rennstall Williams spotten die Leute. Die erfolgreichen Jahre liegen weit zurück. Nun soll ein Leichtathletik-Olympiasieger helfen.

Von Christoph Becker
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© dpa Und dann steht plötzlich Michael Johnson vor dem Werkstor: Der Leichtathletik-Olympiasieger soll Williams helfen

Sagen wir, Sie sind Formel-1-Teamchef. Kein schlechter, beileibe nicht. Sie haben bewiesen, dass Sie es können. Ihre Bilanz liest sich beeindruckend: Neun Konstrukteurstitel. Sieben Fahrertitel. 2676 Punkte in der Weltmeisterschaft. Sie sind so gut, dass Sie mal das Synonym für Erfolg waren auf den Rennstrecken dieser Welt.

Und da sind wir beim Problem: Sie waren es. In den letzten Jahren sind Sie vom Kurs abgekommen, es gibt nur noch eine Richtung: abwärts. Über Ihren Rennstall Williams spotten die Leute inzwischen.

Vergangenes Jahr war es so schlimm wie nie: fünf Punkte. Im ganzen Jahr. Toro Rosso, Force India, Sauber – alle vor Ihnen. Die alten Rivalen von McLaren und Ferrari sowieso, von Red Bull wollen wir gar nicht reden. Früher wäre einer wie Vettel vielleicht für Sie gefahren. Heute überrundet er Ihre Fahrer. Vielleicht haben Sie Glück und das passiert nur einmal pro Rennen. Meistens haben Sie kein Glück. Und jetzt?

So schlimm wie zuletzt war es nie

Sie denken an früher. Die guten Zeiten. Die Achtziger. Oder noch besser: Die Neunziger. Williams-Renault. Das hatte Klang, das gab Titel: 92, 93, 94, 96, 97 war kein Team besser als Ihres. Und tatsächlich: Da kann man doch was machen. Sie kündigen Cosworth und ordern die Motoren wieder bei den Franzosen.

Und da Sie gerade bei den großen Namen sind: In diesem Jahr fährt nicht etwa Sutil für Sie, sondern Senna. Bruno hat zwar nicht das Talent seines Onkels Ayrton geerbt, bringt aber brasilianische Sponsoren mit.

Und dann steht plötzlich Michael Johnson bei Ihnen vor dem Werkstor. Richtig, der Leichtathlet, der in Atlanta Olympiasieger wurde, als bei Ihnen Damon Hill endlich zum Weltmeistertitel fuhr. Vor 16 Jahren. Damals war er mal bei Ihnen zu Besuch an der Rennstrecke. Jetzt soll er Ihren Mechanikern Beine machen, die Boxenstopps Ihrer Mechaniker beschleunigen, mit seiner Firma für Trainingsanalyse. Und schon hören Sie wieder den Spott. Was soll das schon sein? Ein PR-Gag, im schmlimmsten Fall nicht mal ganz billig.

„Eine halbe Sekunde“

Oder doch ein bisschen mehr? „Wir waren am Ende der Saison in Brasilien mit unseren Boxenstopps eine halbe Sekunde schneller als zu Beginn zu Melbourne“, sagt Ihr Chefingenieur. „Eine halbe Sekunde.“ Und Sie wissen, dass Sie jede halbe Sekunde, die Sie sparen könnten, aber nicht sparen, unendlich ärgern wird.

Also lassen Sie Johnsons Firma eine biomechanische Analyse Ihrer Boxenstopps erstellen. „Vielleicht finden wir ein paar Hundertstel, vielleicht finden wir ein paar Zehntel“, sagt der Amerikaner. „Unser Ziel ist es, die Jungs konstant schnell zu machen. Die ganze Saison über.“

Vielleicht findet er die halbe Sekunde und Sie hängen in sechs Wochen in Melbourne Toro Rosso, Force India, Sauber ab. Vielleicht gelingt das erst später. Vielleicht gar nicht, weil der Williams auch in diesem Jahr nicht schnell genug ist.

Denn eigentlich ist es ganz einfach: Damals, vor zwanzig Jahren, hat Ihr Auto Ihre Fahrer zu Weltmeistern gemacht. Heute bringt ein Olympiasieger Ihre Mechaniker auf Trab. Doch selbst wenn Sie die schnellste Wechseltruppe der ganzen Boxengasse haben: Ohne das passende Auto kommt der Erfolg nicht zurück. Und Sie wissen: es gibt auch dieses Jahr einfachere Jobs als Teamchef von Williams zu sein.

Crashtest - Die Formel-1-Kolumne bei FAZ.NET: Anno Hecker, Christoph Becker und Michael Wittershagen folgen Woche für Woche dem schnellsten Kreisverkehr der Welt auf den Rennstrecken und abseits der Boxengassen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1978, Sportredakteur.

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