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Crashtest - die Formel-1-Kolumne Wie ein wilder Stier

02.06.2010 ·  Was macht Menschen zu Formel-1-Weltmeistern? Kontrolle, Disziplin, Kalkül. Kurz: Fehlerlosigkeit. Wie holt ein Rennfahrer das Beste aus sich heraus? In dem er die Grenzen erweitert, das besondere Risiko eingeht. Ein Lob auf den Rennfahrer Sebastian Vettel, bevor er auf die Bremse geht.

Von Anno Hecker
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Ihr Hornochsen! Ja, das muss man schreiben in diesen Tagen, kurz nach dem Betriebsunfall von Red Bull beim Großen Preis der Türkei. Und sich auf eine Menge Kritik gefasst machen. Niemand widerspricht ungestraft dem inoffiziellen Verkehrsgericht der Formel-1-Experten. Wenn doch die Mehrheit einig ist: Schimpf und Schande über Red Bull und Sebastian Vettel. (Sein Teamkollege Mark Webber wird als vermeintliches Opfer etwas ausgeklammert. Hier auch.) Das Urteil klingt so logisch.

Und scheint so richtig, wenn man der Grundarithmetik der Formel 1 folgt: Alles für den Gesamtsieg irgendwann im November. Alles muss den beiden Titeln untergeordnet werden. Wer also im besten Auto sitzt, viele Punkte vor Augen hat und trotzdem fast alles verliert, ist ein Dilettant. Einer, den man geißeln muss für seine Maßlosigkeit und seine Unfähigkeit, das Sammelprinzip umzusetzen. So ist es gekommen in den vergangenen Tagen. Kaum eine Schmähung ist ausgelassen worden.

Sogar die Gegner von McLaren-Mercedes, etwa Lewis Hamilton, der es besser wissen müsste, haben sich über Vettel und Red Bull köstlich amüsiert. Wahrscheinlich hätte es den weltweiten Spott gar nicht gebraucht, um Teamchef Christian Horner zu dieser Reaktion zu bewegen. Aber der allgemeine Aufschrei hat den Druck forciert: „Wir werden aus dem Geschehenen lernen“, sagte Horner brav und versprach, „eine ähnliche Situation künftig“ zu vermeiden. Was das bedeutet?

Das freie Spiel der Kräfte wird gebremst. Von jetzt an greift der Kommandostand - falls am Sonntag die Kontrollmechanismen tatsächlich versagten - richtig ein: Per Funk- und Fernsteuerung in den spannendsten Phasen eines Grand Prix. Ist es das, was jene forderten, als sie Red Bull und Vettel als Dilettanten und Hornochsen beschimpften? Die Formel-1-Pädagogen werden den Hessen und sein Team schon noch zu hundertprozentigen Ergebnis-Sportlern erziehen. Das darf man ihnen nicht vorwerfen. Im Gegenteil.

Fehlerlosigkeit als Kunstform - ein Irrtum

Wer diese Regel nicht verinnerlicht, wird relativ schnell das beste Auto oder den Kommandostand des aussichtsreichsten Teams verlassen müssen. Denn Wohl und Wehe der Steuerleute in den Topteams hängt nur vom Titelgewinn ab und leider bei weitem nicht im gleichen Maß von der Frage, wie man an die Spitze kommt. Der Einwand, die Besten stünden am Ende stets vorne, mag zutreffen. Und es ist zweifellos eine Leistung, taktisch geschickt über die Runden zu kommen. Aber unter dem Primat des Gesamtresultates leiden die Rennen. Das wird man zu hören bekommen.

Denn was werden die Hornochsen-Rufer brüllen, wenn sich Vettel beim nächsten Mal mit seiner Punkteausbeute als Zweiter zufrieden gibt, sich in gleicher Lage hinten anstellt und der Tross wie eine Prozession ins Ziel zieht? Angsthase? McLaren-Blocker? Die Folge des Red-Bull-Crashs wird ein unsichtbares Bremsmanöver sein. Wenn dann Vettel und Webber demnächst, in welcher Reihenfolge auch immer, vor den Kollegen ins Ziel rasen, wird man von einer perfekten Vorstellung sprechen. Die Fehlerlosigkeit als höchste Kunstform preisen. Was für ein Irrtum.

Kontrolle, Disziplin, Kalkül mag Menschen zu Formel-1-Weltmeistern machen. Sie hält Rennfahrer aber davon ab, das Beste aus sich herauszuholen. Denn ihre Grenzen erweitern die Piloten nicht in Gedanken an den Endstand der Fahrerwertung, sondern allein bei freier Fahrt. Nur dann kann eine besondere Qualität entstehen. Sie ist allerdings nur mit einem besonderen Risiko zu erreichen. Ein Risiko, dass Vettel und Co ausgeredet werden soll, um Unfälle wie am Sonntag auszuschließen. Wer aber kommt schon voran, ohne zu scheitern?

Crashtest - Die Formel-1-Kolumne bei FAZ.NET: Anno Hecker, Christoph Becker und Michael Wittershagen folgen Mittwoch für Mittwoch dem schnellsten Kreisverkehr der Welt auf den Rennstrecken und abseits der Boxengassen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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