26.05.2010 · Nichts ist in dieser Formel-1-Saison so vergänglich wie die Führung in der Weltmeisterschaft. Jenson Button - vor Monaco noch Erster - steht vor Istanbul nur noch auf Platz vier. Kein Grund zur Sorge, denn durch das neue Punkte-Reglement wird das Leistungsprinzip belohnt: Siege zählen.
Von Christoph BeckerJenson Button sorgt sich nicht. Warum auch? Dem Weltmeister steht ein ziemlich angenehmer Grand Prix bevor. Auf die engen Kurven von Monte Carlo folgen die teils langsamen Kurven des Istanbul Otodrom in Kurtköy, im Südosten der Zwölfmillionenstadt. Auf Hektik, Trubel und Jubel (wenn auch nicht für Button) unter Schönen und Reichen an der Côte d'Azur folgt auch in diesem Jahr wohl vor allem - Ruhe. Jedenfalls wenn die Motoren abgestellt sind.
Ein paar Schöne und Reiche werden sich wohl einfinden, um mit dem Sieger zu jubeln, Formel-1-Fußvolk aber, bei den kommenden Grand Prix in Montreal und Silverstone unverzichtbarer Bestandteil der Rennfolklore, gibt es in der Türkei kaum. 2008 waren es 40.000 Zuschauer, die sich auf den Tribünen verteilten, 2009 noch weniger. Platz ist für 135 000. Teams und Fahrer werden sich wieder einmal aufs Wesentliche konzentrieren können, Kurve acht zum Beispiel. Button nennt sie „eine der besten in der Formel 1. Das Auto auf den ersten Scheitelpunkt werfen und dann ganz präzise steuern - mit dem Gasfuß und dem Lenkrad. Haut das hin, kriegst Du ein fantastisches Fahrgefühl.“
Im vergangenen Jahr haute es bei Button bestens hin, nicht nur in Kurve acht: Er siegte in Kurtköy, es war der sechste Sieg im siebten Rennen im Brawn auf dem Weg zum Fahrertitel, Button führte die Weltmeisterschaft überlegen an und wurde bis Saisonende nicht mehr eingeholt. In diesem Jahr ist die Lage eine andere. Button führte zwar bis zum vergangenen Grand Prix von Monaco die Weltmeisterschaft wieder an, war der einzige Fahrer mit zwei Siegen (Australien und China). Doch dann vergaß ein Mechaniker vor dem Start in Monte Carlo eine Abdeckung aus dem Lufteinlass zum Motor seines McLaren zu ziehen - woraufhin das Mercedes-Triebwerk schon in der zweiten Runde erhitzt die Erzeugung des Vortriebs verweigerte.
Weil Mark Webber das Rennen anschließend überlegen gewann und die Konkurrenten Vettel und Alonso ebenfalls solide punkteten, wurde aus dem WM-Führenden in Windeseile der WM-Vierte Jenson Button. Doch wie gesagt: Button sorgt sich nicht, Button hat sich Gedanken gemacht. „Ich glaube nicht, dass bislang irgendjemand wirklich darüber nachgedacht hat - aber der Formel-1-Weltmeister in diesem Jahr wird wahrscheinlich ein paar Hundert Punkte haben.“ Soll heißen: Acht Punkte Rückstand auf den Führenden (Webber und Vettel haben derzeit 78 Punkte, Button 70) sind in dieser Saison leichter zu verschmerzen als in der Vergangenheit. Schließlich gibt es für den Sieger 25 Punkte, für den Zweiten 18, für den Dritten 15.
Die Freude über die Führung ist noch flüchtiger
Und obwohl mancher Fahrer zu Saisonbeginn nach Rennende sicherheitshalber noch einmal beim Team nachfragen musste, wie viele Punkte welcher Platz nun bringt (der vierte zwölf, der fünfte zehn, der sechste acht, der siebte sechs, der achte vier, der neunte zwei und der zehnte einen Punkt), wissen die Piloten inzwischen: Rennsiege lohnen sich in diesem Jahr wieder mehr als in der jüngeren Vergangenheit.
Mark Webber ist nach einem schwachen Saisonstart mit seinen Siegen in Barcelona und Monaco schnell an die Spitze gefahren, auch zum Leidwesen seines Teamkollegen Sebastian Vettel, der zwar konstantere Ergebnisse lieferte, aber nicht mehr Punkte. Drehten die Fahrer noch unter dem alten Punkte-Reglement ihre Runden, hätte Vettel zwei Punkte Vorsprung auf Webber. Jenson Button wäre zwar ebenso Vierter wie derzeit, fünf Punkte Rückstand wären aber mehr Grund zur Sorge als die acht des Augenblicks.
Man kann auch sagen: Die Freude über die Führung ist in der Formel 1 in diesem Jahr noch flüchtiger als sonst. Siege zählen. In Kurtköy führt der Weg dorthin wohl wieder vorbei an leeren Tribünen - und durch Kurve acht.
Wert eines Sieges eher weniger Wert
M B (mb89)
- 26.05.2010, 20:06 Uhr
Rechenspiele
Denis Unger (dun)
- 26.05.2010, 21:10 Uhr