01.02.2012 · In der Not zeigt sich der wahre Charakter. Als Nebenprodukt der Wahrheitsfindung bei Sutils Strafprozess endete dessen Freundschaft zu Lewis Hamilton. Ein echter Crashtest. Nicht bestanden.
Von Anno HeckerFormel-1-Fahrer, sagt man, sind mutige Kerle. Sie treten das Gaspedal durch, wenn sie in Spa die Gerade hinab mit 300 auf die Senke vor Eau Rouge hinunter schießen und nach der Kompression auf dem steilen Weg hinauf zum nächsten Knick in die Wolken schauen. Ein echtes Himmelfahrtserlebnis, nur etwas für harte Typen, für Tollkühne, die vor dem Casino in Monaco „blind“ einlenken, weil sie die Kurve nicht übersehen können. Oder sie rasen bei Regen in der undurchsichtigen Gischt des Vordermannes, wie sie gerne erzählen, nach Gehör. Schaltet der Vordermann, dann schalte auch ich. Ansonsten fliegen die Fetzen. Ein Hasenfuß darf man also nicht sein.
Lewis Hamilton gehörte einige Jahre zu den Mutigsten. Seit Mittwoch aber hat das Bild vom Heroen einen mächtigen Kratzer. Adrian Sutil hält den Weltmeister von 2008, so wird der Deutsche von der Bild-Zeitung zitiert, für einen „Feigling“.
Jetzt wissen wir, warum der Volksmund immer tönt, wenn es mal eng unter Freunden wird: In der Not zeigt sich der wahre Charakter. Diesmal sozusagen als Nebenprodukt der Wahrheitsfindung bei Sutils Strafprozess Anfang der Woche in München. Das Gericht verurteilte den 29 Jahre alten Bayern wegen gefährlicher Körperverletzung unter anderem zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Falls Sutil nicht innerhalb einer Woche Berufung einlegt, wird der Richterspruch rechtskräftig. Dazu wird es im Fall Hamilton nicht kommen, obwohl Sutil seinerseits kurz nach dem kurzen Prozess ein Urteil über den Weggefährten fällte. Die Strafe aber klingt nach lebenslänglich. „Ich will mit so jemandem“, zitierte „Bild“ Sutil weiter, „nicht befreundet sein. Er ist für mich kein Mann.“
Das war es dann mit der dicken Kumpanei. Fünf Jahre bezeichnete Sutil den britischen Star als seinen Kumpel, tauchte ständig in dessen Windschatten auf. Also auch in der verhängnisvollen Nacht nach dem Großen Preis von China 2011. An der Seite seines Buddys saß Sutil in einer Schanghaier Diskothek auf der Rückenlehne eines Sofas und schlug im Zuge einer verbalen Auseinandersetzung dem Luxemburger Eric Lux ein Champagner-Glas so hart auf den Hals, dass der Anteilseigner von Lotus schwere Verletzungen erlitt. Hamilton hätte dazu was sagen sollen beim Prozess, als Zeuge für Sutils Version einer angeblich unglücklichen, unabsichtlichen Aktion. Aber dem Freunde schwanden die Sinne. Er blieb nicht nur fern, er schrieb auch, im entscheidenden Moment nichts gesehen zu haben.
Vielleicht war das klug. Denn Hamilton, hätte er eingeräumt, die Verletzung gesehen zu haben, wäre vielleicht der unterlassenen Hilfeleistung bezichtigt worden. Wie auch immer. Mit der Wahrheit hatte der berühmte Steuerkünstler Englands einmal seine Schwierigkeiten. In Melbourne 2009, als er nach dem Grand Prix mit einer Falschaussage in einem sportjuristischen Verfahren indirekt den Toyota-Piloten Jarno Trulli belastete und zunächst Rang drei erbte.
Der Lüge wurde Hamilton später eindeutig überführt, reumütig entschuldigte er sich. Gehen aber musste der Teammanager von McLaren. Der Weltmeister, sollte das wohl heißen, sei in die Irre geführt worden. Armer Hamilton. Nun hält ihn auch sein ehemaliger Freund Sutil für eine Memme. Dabei wäre das doch eine Basis, auf der man sich wieder treffen könnte. Beide sind talentiert, beide fokussieren sich allein auf ihre Karriere und beide stehen nicht freiwillig zu ihren Taten.