01.09.2010 · Schimpf und Schande dem Wunderkind: Mit Sebastian Vettel kann man in der Formel 1 Quote machen, auch wenn er wie in Spa zu ungestüm unterwegs ist. Der wendigste unter den Experten und Besserwissern war früher selbst Weltmeister: Niki Lauda.
Von Michael WittershagenWas haben sie nicht schon wieder geflucht und für gute Ratschläge verteilt. All diese Experten und Besserwisser, die im Fahrerlager der Formel 1 ihre Rente aufbessern oder einer Beschäftigungstherapie nachgehen. Sebastian Vettel, wird es dieser Lausbube denn niemals lernen? Da saßen sie in ihren beheizten Räumen, vielleicht bei Kaffee und Kuchen, sahen, wie sich einer wieder einmal die Seele aus dem Leib und einem anderen (Jenson Button im McLaren) in das Auto fuhr. Und natürlich war sich die Mehrheit einig, also: Schimpf und Schande dem Wunderkind. Hinterher sind die meisten Menschen schlauer.
Da sollte es nicht so schwer sein, eine vernünftige Meinung zu äußern. Oder etwa doch? Ein paar Kostproben: „Das war blöd, aber ist halt so.“ (RTL-Experte Christian Danner). „Dass es schiefging, ist schade. Andererseits: Wenn er nicht angreifen würde, wäre es auch schade.“ (Sky-Experte Marc Surer). „Vettel ist offenbar noch nicht reif für den WM-Titel.“ (VW-Motorsportberater Hans-Joachim Stuck). „Er wird sich sicher ärgern.“ (RTL-Experte Niki Lauda).
Lauda, Pilot, Unternehmer, Kolumnenschreiber, Alleskönner, Deutungsinstanz im Fahrerlager - kaum einer beherrscht die Kunstform der Analyse so facettenreich wie er. Denn Lauda ist so wendig wie ein Wetterfähnchen im Wind, so anpassungsfähig wie ein Chamäleon. Eines aber hat er Vettel voraus, der 61 Jahre alte Österreicher hat drei Mal den Titel gewonnen. Doch wie wird einer denn eigentlich Weltmeister in der Formel 1?
Als kühner Draufgänger, der nichts anderes im Visier hat als den nächsten Sieg? Oder doch eher als kühler Mathematiker, der so gewissenhaft arbeitet wie ein Hamster und einen Punkt nach dem anderen auf die Seite legt? Vettel hat sich für den ersten Weg entschieden, den Weg für die mutigen Männer. Er geht selbst das besonders hohe Risiko ein. Versucht ständig, die eigenen Grenzen zu erweitern. Von solchen Charakteren lebt die Formel 1. Und auch die Experten applaudieren munter, wenn eine Attacke gelingt und erzählen, was für ein toller Typ dieser Vettel doch ist.
Promenade der Standpunkte
Mit Vettel kann man Quote machen. Egal, ob der Dreiundzwanzigjährige nun gewinnt oder verliert. Am Dienstag hat Niki Lauda ihm deshalb einen Brief geschrieben. Natürlich öffentlich. In einer großen Boulevardzeitung. Er sprach zu ihm, wie zu einem Freund: „Mensch, Sebastian“, begann Lauda und fand schließlich zu folgenden weisen Worten: „Du hast noch sechs Rennen. Aber ab jetzt muss mit Köpfchen gefahren werden!“ So ist das eben. Ganz einfach.
Im Cockpit, wenn der Kampf um die WM das Adrenalin zum Kochen bringt. Und neben der Strecke, auf der Promenade der Standpunkte. Wer schnell vergisst, was war, der ist klar im Vorteil. Oder erinnern Sie sich noch daran, dass Lauda im April prophezeite, mit Mercedes müsse man rechnen in dieser Saison?