21.12.2011 · Bisher war Sebastian Vettel der gut gelaunte Überflieger. Doch es gibt Anzeichen für einen Wandel. Von den Millionen kann er sich keine Regeneration kaufen. Deswegen riskiert Vettel nun den Crashtest.
Von Anno HeckerNie hat der Kerl Zeit. Und falls er dann mal zuviel davon hat, dann ist er schlecht drauf. Oder haben Sie Sebastian Vettel schon mal lächeln sehen, wenn auf der Uhr mehr stand als kalkuliert. Nein, eher friert die Hölle zu, als dass die Herren Rennfahrer freiwillig einen Gang herunterschalteten.
Die Advents- und Weihnachtszeit erscheint mehr Geißelung als Wohltat für die Formel-1-Heroen und ihre Pendants in den Designerstuben. Angeblich wird die Nacht von Heiligabend zum ersten Weihnachtsfeiertag in den Fabriken nur geräuschlos ablaufen, weil die Maschinen wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet werden. Still wird es also schon, aber heilig?
Höchste Zeit also, zur Besinnung zu kommen. Am Sonntagabend gab es einen Moment, in dem der jüngste, zweimalige Weltmeister der Historie einen Anstoß gab. Und zwar während der Fernsehgala des Zweiten Deutschen Fernsehens, die teils live aus dem Galasaal des Kurhauses zu Baden-Baden gesendet wurde, um dem geneigten Zuschauer die Wahlergebnisse zu Deutschlands Sportler des Jahres 2011 taufrisch ins Wohnzimmer zu tragen.
Vettel wurde es nicht, mit dem NBA-Meister Dirk Nowitzki siegte erstmals ein Basketballspieler beim Votum der Journalisten mit gut 365 Stimmen Vorsprung vor dem Hessen. Fröhlich plauderte der Würzburger - während einer Live-Schaltung - in Dallas, wo er in diesen Tagen unabkömmlich ist. Wegen des spät beendeten Tarifstreiks beginnt die Saison für Nowitzki erst am ersten Weihnachtsfeiertag.
Jeder im Saal schien für die Abwesenheit Verständnis zu haben. Selbst der Nummer drei des Jahres, dem Tischtennisspieler und Chinesenschreck Timo Boll, wurde das Trainingslager auf einer Mittelmeerinsel als ausreichender Grund für seine Abwesenheit abgenommen. Zumal er die Enttäuschung per Videobotschaft dämpfte.
Vettel aber, umjubelter wie strahlender Vorjahressieger, ward weder live noch aufgezeichnet gesehen oder gehört. Was die Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein ernüchtert und nüchtern kommentierte: „Er wollte seine Ruhe haben.“
Die Botschaft kam an. Hätte man an diesem Abend im Kreis der Gäste noch einmal gewählt, Vettel wäre sicher überrundet worden. Deshalb ist sein blendendes Image in der deutschen Gesellschaft zwar nicht überholt. Aber langsam besinnt sich die Gemeinde. Ihr Shootingstar macht sich rar.
Das sind die ersten Anzeichen für einen Wandel in der Wahrnehmung. Vettel kennt man bislang aus der Distanz nur als jugendlichen Überflieger, stets so erfolgreich wie gut gelaunt. Man hat ihn noch nicht verbissen kämpfen sehen wie weiland Schumacher. Weder um seine Position im Sport, noch um seine Freiheiten im „normalen Leben“.
Hinter den Kulissen aber sind diese Auseinandersetzungen schon längst in vollem Gange. Sie reichen von der harten Positionsverteidigung auf der Piste über die ständigen Sponsorentermine zwischen den Rennen, unzählige Interviews mit immergleichen Fragen bis hin zu den vergeblichen Bemühungen, Privates, in diesem Fall die Freundin, vor den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit zu schützen.
Die ständige Präsenz, die Erfüllung von Forderungen ist Teil des Spiels. Das Mitleid darf sich angesichts des fürstlichen Honorars also in Grenzen halten. Aber selbst mit den vielen Millionen lässt sich nicht alles kaufen, Besinnung oder Regeneration zum Beispiel. Dafür muss man sich Zeit nehmen, ausscheren, auf Abstand gehen. Vettel hat das in diesen Tagen, seinem Jahresurlaub, getan und bewusst einen Crashtest riskiert. Selbst wenn er den nur mit Beulen übersteht: Der Champion gewinnt lieber Autorennen als Sportlerwahlen.
Vettel macht das genau richtig
Karl Napp (KarlMariaNapp)
- 22.12.2011, 10:31 Uhr