15.02.2012 · Hinten zu breit, vorne zu schmal - und dann erst diese Nasen. Der Formel-1-Jahrgang 2012 lässt die Fachwelt nicht eben schwärmen. Ein Geheimnis aber bleibt: Wie wird der neue Mercedes aussehen?
Von Michael WittershagenAll diese Aufregung schon wieder! Kaum drehen sich zum ersten Mal in diesem Jahr die Räder der neuen Boliden, da geraten die Experten der Formel-1-Gemeinde schon in Wallung. Ach, wie sehr haben wir Sätze wie diese vermisst in den vergangenen Wochen: „Mir gefällt die Optik der neuen Wagen überhaupt nicht“, sagt ehemalige Rennfahrer Hans-Joachim Stuck. „Die Reifenbreite ist zu gering, der Flügel ist hinten zu klein und vorne zu groß und außerdem ist die Nase völlig misslungen.“
Haben die Designstudios der Rennställe also auf der ganzen Linie versagt? In Italien, im selbsterklärten Zentrum des guten Geschmacks, nicken sie zustimmend. Schon jetzt gilt der Ferrari F2012 als das hässlichste Gefährt, das die Rennwagenschmiede in Maranello jemals verlassen hat. Selbst die Konkurrenz spottet bei diesem Anblick.
Und dann diese Zeiten! Die Neuentwicklung besitzt offenbar nicht nur optische Schwächen, sie scheint nicht einmal eine Rakete zu sein. Zwar beendete Fernando Alonso die Tests in Jerez mit der zweitschnellsten Zeit, er wollte damit aber wohl vor allen Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo und die aufgebrachten Tifosi-Gemüter ein wenig beruhigen. Der Ferrari war mit deutlich weniger Benzin an Bord unterwegs als die Gegner. Vorstandszeiten nennt man das in der Branche. Am Ende sind sie nicht viel wert.
Was uns das sagen soll? Abwarten, Freunde! Vor genau einem Jahr trennten McLaren bis zur letzten Testrunde gleich mehrere Welten von der Spitze, am Ende aber waren Lewis Hamilton und Jenson Button die einzigen, die Sebastian Vettel (Red Bull) einigermaßen folgen und ihm zumindest noch den einen oder anderen Grand-Prix-Erfolg abjagen konnten.
Ebenfalls vor einem Jahr wurde Michael Schumacher in seinem Mercedes nach seiner Test-Bestzeit von Barcelona schon als Geheimfavorit, ja als Titelanwärter genannt. Als es zum Ernstfall kam, wurden Schumacher und Kollege Nico Rosberg gleich mehrfach überrundet. So etwas soll sich auf keinen Fall wiederholen.
Mercedes hat sich deshalb entschieden, den neuen Boliden erst als letzten aller Top-Teams auf die Strecke zu schicken. In der kommenden Woche wird es auf dem Circuit de Catalunya bei Barcelona so weit sein – und die Gegner tuscheln schon ob der Geheimnistuerei.
Ist den Kreativkünstlern von Mercedes dieses Mal nicht nur eine Evolution, sondern eine Revolution gelungen? Wie sieht er aus, der neue Silberpfeil? Kommen Schumacher und Rosberg darin endlich in die Gänge? Am Ende ist die Wahrheit in der Formel 1 mitunter ganz banal, Mercedes-Teamchef Norbert Haug presst sie in einen Satz: „Schön ist, was vorne steht.“