10.02.2010 · Spät wachsen sie, die Flügel an Sebastian Vettels Red Bull. Erst eine Woche nach der Konkurrenz testet der Strahlemann der vergangenen Saison - und klingt angesichts der Aufmerksamkeit für Schumachers Comeback genervt. Dabei fürchtet die Konkurrenz Vettel fast mehr als den siebenmaligen Weltmeister.
Von Christoph BeckerNur nicht abheben: Spät wachsen sie, die Flügel am RB6. Eine ganze Woche nach der hoch geschätzten Konkurrenz präsentiert und testet Red Bull Racing an diesem Mittwoch den Dienstwagen für die neue Saison in Jerez de la Frontera. Eine ganze Woche und drei Testtage Vorsprung haben Ferrari, McLaren, Renault, Sauber, die Stiefgeschwister von Toro Rosso und - der MGP W01 von Mercedes. Eine Woche Vorsprung also für Michael Schumacher (und Nico Rosberg) gegenüber Sebastian Vettel.
Nur sieben Tage? Seit Schumachers vorweihnachtlichem Comeback-Geschenk an die Branche scheint Vettel irgendwie ausgebremst. Schon lange wurden keine begeisterten Schlagzeilen mehr über den bislang jüngsten Sieger eines Formel-1-Rennens gedruckt, wie sie im vergangenen Jahr (Vier Pole Positions! Vier Grand-Prix-Siege! Fahrer des Jahres!) zu lesen waren. Wird der junge Vettel, unterwegs im Namen der Klub-Brause, die - gerne befeuert mit allerlei Ethanol - die Nacht zum Tage machen soll, abgehängt von Schumacher, dem Mineralwasserwerber aus der „Altherrenabteilung“ (O-Ton Vettel)?
Schumacher jedenfalls hat eine Schippe draufgelegt, sehr zur Freude von RTL. 10.200 Euro mehr verdient der Kölner Formel-1-Sender in 30 Sekunden während des Grand Prix in Brasilien am 7. November 2010. Statt 82.800 Euro wie in der vergangenen Saison kostet die werbliche halbe Minute Ausblendung des Renngeschehens nun 93.000 Euro. Angesichts des Rummels um Schumacher klingen Vettels Worte vor der Präsentation des RB6 ein bisschen genervt: „Wenn er die meisten Berichte hat, ich aber die meisten Pokale, soll mir das Recht sein.“
Doch erstens gehen die dreimaligen Sieger des Nationenpreises beim Race of Champions abseits der Rennstrecke freundschaftlich miteinander um - und zweitens präsentierte Red Bull sein Fahrzeug in der vergangenen Saison auch keinen Tag früher, sondern ebenfalls am 10. Februar. Zwar fing die Saison 2009 zwei Wochen später an, aber die Entwicklung unterscheidet sich in diesem Jahr erheblich von der vor 365 Tagen. Damals wurden wegen der radikalen Regeländerungen ganz neue Entwürfe aus den Werkhallen gerollt, jetzt spricht nicht nur Red-Bull-Chefentwickler Adrian Newey von einer „Evolution“.
Die Konkurrenz hat längst wieder Vettel im Blick
Schmalere Vorderreifen (ohne Radkappen) und ein längerer Radstand wegen des durch das Nachtankverbots gewachsenen Kraftstoffspeichers verändern die Aerodynamik - die Arbeit steckt für Newey und seine Ingenieure im Detail. Und im Laufe der vergangenen Saison wurde Vettels Red Bull immer schneller, während der Brawn, dessen Weiterentwicklung Schumacher beim Saisonstart in Bahrein in die Startaufstellung lenken will, in der zweiten Hälfte der Saison 2009 stagnierte. Und eben deshalb hat die ambitionierte Konkurrenz - bei aller Achtung für Schumacher - längst wieder Vettel im Blick. Ihn fürchte er mehr als Schumacher, sagte Lewis Hamilton unlängst.
Zwölf Testtage bleiben bis zum Saisonstart, die Technik des Red Bull auszureizen. Sebastian Vettel will 2010 gewinnen, was ihm - sehr zum eigenen Ärger - in der vergangenen Saison versagt blieb: Den Weltmeistertitel. Gelingt ihm das, wird er die Berichte über Schumacher gerne lesen.