25.08.2010 · Es soll Menschen geben, die sich von den Ferien erholen müssen. Etwa bei einem Formel-1-Rennen. Zum Beispiel in Spa. Auf das Rennen in den Ardennen freut man sich, weil es dort immer besonders rund geht.
Von Anno HeckerEndlich sind die Ferien vorbei. Wahrscheinlich provoziert dieser Satz massiven Widerspruch. Was gibt es schöneres, frei von allen Zwängen in den Tag hinein zu leben? Aber seien wir ehrlich. Ferien können sehr stressig sein. Die Hitze, der heiße Sand am Strand, das viele Wasser im Meer. Es soll Menschen geben, die sich von den Ferien erholen müssen. Etwa bei einem Formel-1-Rennen. Also auf nach Spa-Francorchamps, mit Sack und Pack ins belgische Hochmoor.
Schon vor 300 Jahren zog es den Adel Europas in die Ardennen. Um die von der Alltagsschlacht gereizten Nerven in Heilbädern zu beruhigen. Wahrscheinlich aber ist der Neustart der Formel 1 nach der Sommerpause aufregender als es der Arzt gepeinigter Ferien-Opfer erlaubt. Sieben Grand Prix nur mehr bis zum Ende der Saison. Und doch haben noch drei Teams und fünf Fahrer gute Aussichten, die Titel zu gewinnen. Selten war es so spannend.
Die größte Nähe zur Strecke hat Michael Schumacher
Auf Spa freut man sich, weil es dort immer so schön rund geht. Mit 300 Kilometern pro Stunde durch die berühmteste Kurve „Eau Rouge“, mit 320 durch die vielleicht gefährlichste Passage namens „Blanchiment“. Die größte Nähe zur Strecke hat der fünfmalige Spa-Sieger Michael Schumacher. Sie bescherte dem Rheinländer eine bemerkenswerte Berg- und Talfahrt: erster Formel-1-Einsatz (1991), erste Formel-1-Sieg (1992), Disqualifizierung nach Rang eins 1994, Triumph trotz Startplatz 16 (1995), Crash 1998, weil David Coulthard auf der Ideallinie im Regen vom Gas ging.
Und nun? Diesmal scheint schon vor der Anreise jede Hoffnung auf ein gutes Resultat dahin. Um zehn Plätze wird der Mercedes-Pilot nach dem Qualifikationstraining zurückgestuft. Wegen des Abdrängungs-Manövers gegen den angreifenden Rubens Barrichello im Williams beim letzten Rennen vor der Sommerpause in Ungarn (siehe: Crashtest: Ein Skandal - aber nur auf den ersten Blick).
Mit Mut und Geschick mehr Einfluss auf das Ergebnis
Auch dieser ewige Zweikampf wird ein Thema sein. Zumal der brave Rubens trotz der Bitte Schumachers, die Attacke zu entschuldigen, immer noch zornig ist. Man muss das verstehen. Barrichello, dieser exzellente Überholexperte, hat Schumacher schon ein paar Mal hinter sich gelassen. Aber selbst mit einem Sieg in seinem 300. Grand Prix wird der Paulista am Rekordweltmeister nicht vorbeikommen.
Die Stimmung unter den Piloten vor einem Rennen in Spa ist meistens besser als vor anderen. Warum? Weil dieser Kurs, ähnlich wie die Streckenführung in Monaco, dem Fahrer suggeriert, mit Mut und Geschick mehr Einfluss auf das Ergebnis haben zu können. Ob in Spa vielleicht doch gelingen könnte, was zwölf Grand Prix nicht funktionierte? Ist im vergangenen Jahr nicht Giancarlo Fisichella vom kleinen Team Force India auf der Pole-Position gelandet und im Rennen Zweiter geworden? Daran halten sich die Verlierer der Saison fest.
Und Bruno Senna will Kokosnüsse verkaufen
Die Sieger treibt die Aussicht zusätzlich an, einen der wenigen Klassiker der Formel-1-Tour zu gewinnen. Ist es also keine Überraschung, dass mancher Zeitgenosse in den Ferien, eigentlich eine Entschleunigungsphase, bis zum Schwindelanfall im Kreise drehte. Hier ein paar Ergebnisse: Peter Windsor, dass ist der Mensch, der ein Jahr lang behauptet hatte, einen Formel-1-Rennstall namens USF-1 an den Start zu bringen, will wieder über die Formel 1 schreiben.
Weitere Märchen? HRT-Pilot Bruno Senna kann sich vorstellen, Kokosnüsse am Strand zu verkaufen, falls er 2011 kein Cockpit bekommt. Ob es auffallen würde? Niki Lauda rät Sebastian Vettel, der „Realität ins Auge“ zu blicken: „Er muss sich von dem Gedanken befreien, dass er die Nummer eins ist.“ Und fortan denken, er sei die Nummer zwei? Nur ein Experte wurde noch konkreter. David Coulthard. Für den Schotten ist das in Fahrer- und Konstrukteurswertung führende Team - Red Bull - der Titelfavorit. Was uns das sagt? Gut, dass die Ferien vorbei sind.