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Crashtest - Die Formel-1-Kolumne Eine ziemlich kühne Luftnummer

10.03.2010 ·  Noch sind sie nicht gestartet und schon wird wieder gezankt in der Formel 1. Warum und worum? Um die Regeln, oder genauer gesagt: Um die Auslegung der Bestimmungen. War McLaren schlauer oder gemeiner als alle anderen?

Von Anno Hecker, Sakhir
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Seien wir ehrlich: Es hat etwas gefehlt. Nach so vielen Jahren mit lieb gewonnen Gewohnheiten konnte es nicht so ungetrübt freudvoll auf den Start der Formel 1 des Jahres 2010 zulaufen; auf das ersehnte Comeback des Rekordmannes Schumacher, die spannungsgeladenen Duelle mit Alonso als neuem Ferrari-Star und Hamilton als Chefpiloten bei McLaren, die Angriffslust von Vettel im Red Bull, als gäbe es kein Morgen.

Alles schön und gut. Was aber ist die Formel 1 ohne eine kleine Aufregung, einen Streit, einen kleinen Skandal? Nicht wiederzuerkennen, um nicht zu sagen dubios. Richtig. Und deshalb machte sich in den vergangenen Wochen doch ein bisschen Unruhe breit ob der allgemeinen, von höchsten Erwartungen geschürten Vorfreude auf die große Sause 2010. Als drohte die Formel 1 tatsächlich einmal zu sein, was sie (angeblich) so gerne möchte: eine harmonische Familie.

Die Sorge der Traditionalisten ist unberechtigt. Längst wird wieder gezankt. Worum? Um die Regeln natürlich, oder genauer gesagt: Um die Frage, ob McLaren bei der Auslegung der Konstruktionsbestimmungen schlauer oder gemeiner war als alle anderen. In solchen Fällen scheint die Formel 1 übrigens gar keine eigene Aufsicht nötig zu haben. Man schaut sich gegenseitig so genau auf die Finger und Boliden, dass selbst sogenannte Ruhepole wie Mercedes' Teamchef Ross Brawn gerne von einer Paranoia sprechen.

Der diffuse Streit um den Doppeldiffusor wird aufgewärmt

Allerdings soll es auch diesmal einen ganz handfesten Grund geben, die Nerven zu verlieren. Nämlich eine ziemlich kühne Luftnummer. Der McLaren, behauptet man bei Red Bull, fährt deshalb so viel schneller als die Konkurrenz auf den Geraden, weil Fahrtwind durch eine Öffnung vor dem Cockpit in das Chassis hinein- und weit hinter dem Fahrer wieder hinausgeleitet werden kann. So soll ein Strömungsabriss am teils „aufgeschlitzten“ Heckflügel entstehen. Die Folge: er produziert weniger Luft-Widerstand. In kurvenreichen Passagen verschließt der Pilot den Kanal. Die Turbulenz versiegt und der ungestörte Luftfluss presst den Renner auch am Heck wie gewünscht auf den Asphalt.

So eine Luftleit-Thematik kommt Ihnen bekannt vor? Stimmt. Vor einem Jahr beklagten Ferrari, Red Bull und BMW den brawnschen „Doppeldiffusor“. Ein für Laien ziemlich diffuser Streit um Windkanäle am hinteren Unterboden des Autos. Die gemeinhin als Herren der Lüfte in der Formel 1 bezeichneten Aerodynamiker anderer Teams schossen jedenfalls in die Luft wie einst das HB-Männchen. Bis der Weltverband die Klage vom Tisch wehte, damit eine Kopieserie auslöste, aber gleichzeitig Jenson Button den nötigen Rückenwind zum WM-Titel gestattete.

Die Wirkung der Formel 1 als Volkshochschule

Als die mittlerweile 60-jährige Formel 1 noch bedeutend jünger war, wurden Geistesblitze wie Regelverstöße unbürokratischer beseitigt. Wenn Chefmanager Bernie Ecclestone etwa glaubte, ein unorthodoxer Frontflügel wirbele die Spannung (und Einnahmen) versprechende Chancengleichheit durcheinander, dann trat er schon mal persönlich auf. Und stampfte das gute Stück in Grund und Boden. Heute kämen entweder sofort ein Ersatzteil und/oder der Rechtsanwalt zur Strecke. Man kann das beklagen. Aber das hieße, die Wirkung der Formel 1 als Volkshochschule glatt zu ignorieren.

Letztlich bietet sie doch die spektakuläre Fortsetzung einer Heimwerker-Sendung an, die vor Jahrzehnten Deutschlands Jugend für Laubsägearbeiten begeistern sollte: Zugeschaut und mitgebaut. Man leimte zum Beispiel Stühle zusammen. Die Basteleien in der Formel 1 mögen etwas komplizierter sein. Aber unabhängig von der Frage, ob der Windkanal im McLaren einen veritablen Sturm auslöst oder sich als laues Lüftchen entpuppt, gibt es schon eine befriedigende Antwort für alle Bildungspolitiker: Der Streit wird den meisten Formel-1-Fans wie vor Jahresfrist der Wirbel um den Doppeldiffusor eine besondere Lehre sein.

Crashtest - die Formel-1-Kolumne bei FAZ.NET: Anno Hecker, Christoph Becker und Michael Wittershagen folgen Mittwoch für Mittwoch dem schnellsten Kreisverkehr der Welt auf den Rennstrecken und abseits der Boxengassen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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