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Crashtest - die Formel-1-Kolumne Der Kampf um die heiße Luft

22.06.2011 ·  Plötzlich ist dem Technischen Delegierten aufgefallen, dass der Diffusor des Red Bulls Artikel 3.15 der Bestimmungen verletzt. Es ist nicht das erste Mal, dass die Regelhüter eingreifen, damit der Kampf um den Titel nicht langweilig wird.

Von Michael Wittershagen
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Ist doch alles nur heiße Luft - könnte man zumindest denken. Doch das wäre nicht die Wahrheit. Denn diese heiße Luft wirkt beinahe wie Klebstoff, lässt Sebastian Vettel (Red Bull) teilweise mit zwanzig Kilometern pro Stunde mehr als seine Gegner durch die Kurven flitzen. Der Weltmeister könnte regelrecht ins Schwärmen geraten, wenn man ihn auf die Wirkung des „angeblasenen Diffusors“ an seinem Boliden anspricht. Nie davon gehört? Nun, dann sollte Sie jetzt aufpassen. Denn womöglich ist die Dominanz von Vettel in der Formel 1 schon in nicht einmal zwei Wochen Vergangenheit. Das zumindest hoffen die Jäger in ihren McLaren und Ferrari.

Allein wären sie machtlos und müssten tatenlos zusehen, wie der junge Deutsche mit Leichtigkeit seinen Titel verteidigt. Doch nun ergreifen die Regelhüter vom Internationalen Automobil-Verband (Fia) das Wort und kramen in ihren Paragraphen. „Ein Abgassystem ist zum Zwecke der Ableitung der Abgase aus dem Motor da, und wenn du kein Gas gibst, tut es das nicht mehr“, sagt Charlie Whiting, der Technische Delegierte der Fia. Eigentlich klingt es selbstverständlich, was er da sagt. Doch Adrian Newey, das Designer-Genie von Red Bull, hatte vor der Saison wieder einmal seine ganz eigene Idee. Wie die Entwickler des neuen Renault dachte er sich, dass die Auspuffgase wunderbar dafür geeignet wären, noch höhere Kurvengeschwindigkeiten zu erreichen.

Wird Artikel 3.15 der technischen Bestimmungen verletzt?

Deshalb hat er den RB7 so konstruiert, dass die Abgase nicht hinter, sondern unter das Auto geleitet werden. Dort erzeugen sie einen Luftstrom, der den Anpressdruck des Boliden vergrößert. Der Motor ist deshalb so eingestellt, dass er auch dann noch mit voller Kraft weiterläuft, wenn der Fahrer seinen Fuß vom Gas nimmt. „Wir denken, das verletzt Artikel 3.15 der technischen Bestimmungen“, sagt Whiting. Merkwürdig nur, dass ihm das erst jetzt aufgefallen ist. Zumal neben Red Bull auch McLaren, Ferrari, Mercedes und eben Renault auf dieses System setzen - nur funktioniert es bei niemanden so effektiv wie im Auto des Weltmeisters. Sein komfortabler Vorsprung könnte also schmilzen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Regelhüter in eine laufende Saison eingreifen, damit der Kampf um den Titel nicht zu einem Langeweiler verkommt. Nach sieben Rennen hat Vettel (161 Punkte) schon einen beachtlichen Vorsprung auf Jenson Button (McLaren/101) und Fernando Alonso (Ferrari/69) herausgefahren. Newey aber wird wieder einmal eingeholt von der Vergangenheit. Schon 1998 rüstete er den McLaren mit einem innovativen Bremssystem aus.

Neuentwicklungen passen nicht zur Sparoffensive der Fia

Den Gedanken, jedes Rad einzeln zu bremsen, hatte schon Gustav Brunner bei Minardi. Aber kein anderer verstand es schon damals wie Newey, einzelne Ideen zu einer Lösung zusammenzufügen, die so schnell wie kaum etwas anderes auf der Strecke ist. Damals wurde das System verboten, und plötzlich war es vorbei mit der Dominanz von McLaren. Erst im letzten Rennen wurde Mika Häkkinen seinerzeit Weltmeister. Und danach sagte der studierte Luftfahrt-Ingenieur Newey: „Ich habe daraus gelernt und mir geschworen, dass es nie mehr vorkommen wird.“

Kommt es doch. In Valencia darf das System an diesem Wochenende zum letzten Mal verwendet werden. Die Spannung wird erhöht, Vettel ist nicht mehr der Mann, der natürlicherweise auf der Pole Position steht. Denn Red Bull wird zwangsläufig wie alle anderen Teams auf den angeblasenen Diffusor verzichten, durch ihn erhöht sich der Kraftstoffverbrauch um rund zehn Prozent, und jedem der Fahrer würde am Sonntag noch vor dem Ziel das Benzin ausgehen, weil die Motoreinstellung nach dem Qualifying nicht mehr verändert werden darf. Eine Momentaufnahme. Denn natürlich arbeiten Newey und die anderen klugen Köpfe längst wieder an einer anderen Lösung, die Millionen verschlingen wird. Zur Sparoffensive der Fia passt das nicht gerade - aber vielleicht war dieses Ansinnen auch nur heiße Luft.

Crashtest - Die Formel-1-Kolumne bei FAZ.NET: Anno Hecker, Christoph Becker und Michael Wittershagen folgen Woche für Woche dem schnellsten Kreisverkehr der Welt auf den Rennstrecken und abseits der Boxengassen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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