09.06.2010 · Stallorder? Verboten. Sprit sparen? Notwendig. Reifen schonen? Rennentscheidend. Der Kampf um die Formel-1-Weltmeisterschaft 2010 ist spannend wie selten - entschieden werden könnte sie per Funk. Der Traum der Teamchefs ist ein Albtraum für die Fans.
Von Michael WittershagenOb sie überhaupt noch wissen, was sie da tun? Während die modernen Heroen der Geschwindigkeit mit Tempo 300 und mehr über die Strecken dieser Welt rasen, glühen die Drähte zwischen ihnen und den klugen Hirnen am Kommandostand. Es knarrt, und es kracht dabei. Aus ganzen Sätzen werden kleine Wortfetzen, die über Sieg oder Niederlage entscheiden können.
Auch Sebastian Vettel, Mark Webber (beide Red Bull), Lewis Hamilton und Jenson Button (beide McLaren) - die derzeit führenden Solisten und Egoisten hinter dem Lenkrad in der Formel 1 werden ständig informiert und dirigiert. Oder werden sie sogar ferngesteuert, sind sie bloß noch Maschinen, die ausführen und funktionieren müssen?
Es gibt ein furchtbares Wort dafür: Stallorder. Fragen Sie mal nach bei Rubens Barrichello, dem ehemaligen Adjutanten von Michael Schumacher bei Ferrari. Der Brasilianer läuft noch immer an voller Zornesröte, wenn er etwa an den Grand Prix in Spielberg in Österreich vom 12. Mai 2002 denkt. Hundert Meter waren es noch bis zum Ziel, Barrichello konnte schon den Duft des Sieges-Champagners riechen, da schoss der Deutsche noch an ihm vorbei. Auf Kommando. „Let him pass!“, schrie Rennleiter Jean Todt über Funk - und Barrichello ging vom Gas. „Do it for the championship!“ Einen Tag danach sprach die „Gazzetta dello Sport“ von einem „Sonntag der Schande.“
Der Finanz-Guru der Szene sah das wohl ähnlich. Doch Bernie Ecclestone geht es nicht so sehr um die Moral, er strebt nach Profit - und Absprachen und Schummeleien lassen sich nur allzu schlecht vermarkten. Also wurde die Stallorder verboten, zumindest offiziell. Und die Lauscher des Internationalen Automobil-Verbandes hören seit einigen Jahren jede Silbe im Funkverkehr der Teams mit. Manches davon wird öffentlich, weil es das Fernsehen mit Genehmigung der Rennställe senden darf.
Doch wer verspricht einem Piloten, dass er nicht in die Irre geleitet wird, wenn ihm das Team zuruft: „Schone deine Reifen, spare Benzin!“ Webber musste diese Worte in Istanbul hören - und wenige Augenblicke später krachte er mit Vettel zusammen. Wollte das Team den jungen Deutschen eigentlich am alten Australier vorbeilotsen?
Das Kommando kommt per Funk - und Button geht vom Gas
Hamilton hatte plötzlich ähnliche Probleme. Auch der Engländer wurde in der Türkei mit dem gleichen Satz gewarnt - und reagierte misstrauisch. „Überholt mich Jenson dann?“, wollte er wissen. „Nein, Lewis, nein“, versuchte ihn der Renningenieur zu beruhigen. Aber da tauchte der McLaren des Kollegen schon im Rückspiegel auf und attackierte. Fünf Kurven rasten beide Rad an Rad über den Otodrom, dann ereilte das Schicksal auch Button: „Schone deine Reifen, spare Benzin!“ Im Klartext: Hör auf mit dem Mist! Nun ging auch Button vom Gas.
Wie wunderbar alles bis dahin doch war! Das beste Rennen dieser Saison. Bis es brannte, hatten die Störfunker dem Rennen freien Lauf gelassen. Die Piloten rasten, denn sie wollten nichts mehr als diesen Sieg und schalteten selbst dann nicht runter, wenn der Führende zufällig im gleichen Rennstall unter Vertrag stand. Selten zuvor sind Teamkollegen derart um die Wette geflitzt.
Die Zuschauer lieben dieses Spektakel, die Verantwortlichen an den Kommandoständen aber wenden sich mit Grauen im Gesicht ab. Für sie gleicht so ein Duell einer Fahrt ins Ungewisse. Sicherheit - das ist das Dogma der Teamchefs. Sie streben nach totaler Kontrolle, am liebsten mit einer Funkfernsteuerung. Bleibt nur zu hoffen, dass sie noch sehr oft nicht funktioniert.