Home
http://www.faz.net/-gu6-6x4ov
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Crashtest - die Formel-1-Kolumne Das Fossil im Spaßmobil

25.01.2012 ·  Kimi Räikkönen ist wieder da. Der Formel 1 kann das nur gut tun. Er selbst hat Spaß bei seinem neuen Arbeitgeber Lotus - und bleibt doch ganz der Alte. Mal ehrlich: Wer braucht schon Zukunftspläne?

Von Michael Wittershagen
Kolumne Bilder (7) Lesermeinungen (0)
© dpa Da ist er wieder: Kimi Räikkönen mit schwarzer Mütze und mächtig Spaß

Ein Weltmeister nimmt freiwillig Fahrstunden. Wer hätte das gedacht? Anfang dieser Woche ist Kimi Räikkönen erstmals seit zwei Jahren wieder in ein Monocoque gestiegen, um zu sehen, wie sich das eigentlich anfühlt. Die Gurte festzurren, den Helm auf, das Visier runter – und rauf aufs Gas. „Es gibt noch eine Menge, woran man sich gewöhnen muss“, sagte der Finne nach seinen ersten Test-Kilometern in einem Vorjahres-Lotus auf der Rennstrecke von Valencia. Und er klang tatsächlich so, als bereite ihm die Sause wieder mächtig Spaß.

Räikkönen hinterließ einen durchaus professionellen Eindruck, melden die Beobachter. Schon allein das wäre während seiner Zeit bei Ferrari für den einen oder anderen eine Nachricht gewesen. Manch einer aus seiner neuen Crew wird deshalb tief durchgeatmet haben. „Er muss zwei Gesichter haben“, sagte Lotus-Ingenieur Alan Permane. Vor dem anderen Kimi hatten sie besonders großen Respekt. Einer der weltbesten Autofahrer hat sich in der Vergangenheit schließlich wenig um das Bild geschert, das er in der Öffentlichkeit abgibt. Alkoholeskapaden haben den Zweiunddreißigjährigen mindestens genauso berühmt gemacht wie seine Manöver auf der Piste. Mal stürzte er volltrunken vom Oberdeck einer Yacht, mal entblößte er in Nachtclubs seine Vorderseite, mal die Hinterseite.

  1/6  
© dpa Da ist er wieder: Kimi Räikkönen mit schwarzer Mütze und mächtig Spaß

Räikkönen wirkte teilweise wie ein Fossil aus einer längst vergessenen Formel-1-Zeit, in der neben derlei Eskapaden auch Frauengeschichten zum guten Image gehörten. Es war der ganz normale Wahnsinn verwegener Typen, die glaubten, dem Tod davon rasen zu können. Dagegen scheint heute vieles klinisch steril. Aus den Kanonenkugeln auf vier Rädern wurden Hightech-Maschinen. Und aus den Hasardeuren der Piste beliebte Schwiegersöhne: durchtrainiert, redegewandt, vorzeigbar. Wer sich nicht auf ganzer Linie professionell verhält, hat kaum noch eine Chance auf dem Fahrermarkt. Zu viel steht auf dem Spiel: Punkte, Plazierungen, Sponsorengelder – Rennstall-Existenzen.

Und ausgerechnet an dieser Stelle tritt Räikkönen wieder ins Rampenlicht. Lotus hat mit seiner Verpflichtung alles auf eine Karte gesetzt. Es ist das Spiel mit dem Feuer. Schon jetzt verleiht er dem mausgrauen Team wieder ein bisschen Glamour. Das Interesse steigt, Lotus will raus aus dem Windschatten der großen Rennställe. Und trotzdem bleibt das Unterfangen unberechenbar, sagt Räikkönen doch noch immer: „Ich hatte keine Zukunftspläne und habe auch jetzt noch keine Zukunftspläne.“ Vieles wird von seiner Motivation abhängen. Und wie es damit bestellt ist, wenn der Bolide einen zu schnell ans persönliche Limit bringt, das hat Räikkönen schon einmal formuliert: „Toyota?“, sagte er seinerzeit. „Es ist nicht cool, schlechte Autos zu fahren.“

Er wird Durchhaltevermögen und Biss brauchen, um aus einem mittelmäßigen Lotus wieder ein Spaßmobil zu machen. Das Team braucht ihn dafür, Räikkönen allerdings hat sich selbst schon immer als unabhängigen Zeitgenossen verstanden. Dem Unterhaltungsbetrieb Formel 1 kann so ein Mann nur gut tun. Was er mit seinem Arbeitgeber anstellt, das allerdings ist noch längst nicht beantwortet.

Crashtest - Die Formel-1-Kolumne bei FAZ.NET: Anno Hecker, Christoph Becker und Michael Wittershagen folgen Woche für Woche dem schnellsten Kreisverkehr der Welt auf den Rennstrecken und abseits der Boxengassen.

Quelle: FAZ.NET
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1981, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Ergebnisse, Tabellen und Statistik