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Bernie Ecclestone „Macht? Bedeutet mir nichts“

29.07.2010 ·  In der Formel 1 hat Bernie Ecclestone alle Fäden in der Hand. Staatschefs umschwärmen ihn, Rennställe gehorchen ihm. Eine Begegnung mit dem Manager, vor dem alle in die Knie gehen.

Von Anno Hecker
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Plötzlich ist er da. Man merkt das, ohne ihn sehen zu müssen. Wenn die Gespräche verstummen, wenn die Menschen hektisch werden, ihre Positionen verändern, Haltung annehmen, eine freundliche, dienstbeflissene Miene aufsetzen: Bernie ist da. Charles Bernhard Ecclestone. Der Lebensquell der Formel 1, sollte man meinen. Wenn sich doch alles nach ihm richtet seit gefühlten 100 Jahren. Das ist übertrieben. „Bernie“ ist erst 79 Jahre alt. Im Oktober wird er achtzig. Vielleicht hat er deshalb keine Lust.

„Sie wollen das Interview? Am liebsten wäre mir, wir würden es gar nicht führen. Aber lassen Sie es uns sofort machen.“

Ecclestone erledigt die Dinge gerne sofort. So hat er immer schon gehandelt. Als Pennäler alle süßen Sachen beim Bäcker neben der Schule erworben und sie stante pede in der Pause an die Kameraden verkauft. Mit Zuschlag, versteht sich. Ecclestone hat ein Faible für Monopole. Es gibt keinen zweiten auf dieser Erde, der einen Zaun um einen Weltsport gezogen hat und mehr oder weniger allein die Eintrittskarten verteilt. Wer die Formel 1 zu sich holen will, muss bei Bernie vorstellig werden. Als Chefmanager verkauft er das Fahrerfeld in aller Herren Länder. In letzter Zeit mit Vorliebe an Asiaten und in den Fernen Osten. Weil es im alten Europa mit der privaten Finanzierung nicht mehr funktioniert. Zu hoch sind die Preise, die Ecclestone aufruft, zu gering die Einnahmen über den Kartenverkauf.

Im nächsten Jahr soll die Formel 1 wieder zum Nürburgring ziehen

Etwa 26 Millionen Euro hätte die Hockenheimring-GmbH jedenfalls nicht mehr bezahlt. Sechs Millionen Euro hat die kleine Gemeinde vor zwei Jahren drauflegen müssen, um in Bernies Karussell mitfahren zu dürfen. Das konnten und wollten sie nicht mehr. Doch Ecclestone lenkte ein. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Aber der Brite, einst selbst Ausrichter der Sause im badischen Motodrom, soll nur noch die Hälfte verlangen. Er hat sich im Gegenzug aber eine Risikobeteiligung und eine Standortsicherung bis 2018 zusichern lassen. „Ohne Ecclestones Bereitschaft“, sagt Geschäftsführer Karl-Josef Schmidt, „hätte es den Grand Prix hier in Hockenheim nicht gegeben.“ Bernies Rückzug mag als gnädig oder auch als klug erscheinen, weil Ecclestone Deutschland als Kernmarkt der Formel 1 nicht verlieren darf. Er ist aber auch ein Zeichen von Macht.

„Macht? Bedeutet mir nichts. Gar nichts. Ich schau doch nur nach den kommerziellen Rechten der Formel 1.“

Im nächsten Jahr soll die Formel 1 wieder zum Nürburgring ziehen. Man wechselt sich ab. Doch der Finanzskandal wirft Fragen auf. Kann die Nürburgring-GmbH, sie gehört Rheinland-Pfalz, ihren Vertrag mit Ecclestone einhalten? Der Brite kneift die Augen hinter den großen runden Gläsern seiner altmodischen Brille zusammen. Es sieht nach einem Kassengestell aus auf dem größten Riecher für goldene Geschäfte im Motorsport.

„Natürlich wollen die Promotoren den Preis immer herunterhandeln. So verhandeln wir gerade. Wenn sie zwei nehmen, kriegen sie einen umsonst.“

Britischer Humor? Ecclestone zwinkert, bevor er im leisen Ton sehr ernst wird.

„Als sie den Vertrag unterzeichnet haben, wussten sie, was sie taten. Ich denke, sie waren über 21.“

Der Steuerzahler aus der Pfalz wird wohl antichambrieren müssen, wenn er im Rennen bleiben will. Gefällt es Ecclestone, dass Menschen vor ihm auf die Knie fallen?

„Ich hoffe nicht, dass die Leute das tun. Da gibt es auch keinen Grund für. Nein, das habe ich nie gesehen. Wirklich nicht.“

Das stimmt wohl. Es gibt keine Kniefälle im Fahrerlager. Es kann zwar schon mal sein, dass sich ein Staatspräsident vor seinem Motorhome die Füße vertritt, bis der Brite aus seinem im Vergleich zu den fahrbaren Palästen der Teams veralteten Bus steigt. In Ungarn bahnte sich einst eine Polizeieskorte um Ecclestones Limousine unter Blaulicht den Weg zum Parlament, wo dem Engländer ein Verdienstorden verliehen wurde. Und in Deutschland haben selbst die Grünen einst dem Kanzleramt unter Kohl zugesichert, nicht gegen die Aufhebung der freiwilligen Selbstbeschränkung der Tabakindustrie Sturm zu laufen - damit der Nürburgring wieder ins Formel-1-Programm integriert werden konnte. Aber diese Kniefälle waren zweifellos nicht sichtbar.

Das Symbol seiner Macht ist ein Funkgerät in seiner Hand

Zu sehen ist Bernies mächtige Ausstrahlung allerdings schon. Wenn er in weißem Hemd, grauer Hose und Schnallenschuhen über die Startaufstellung oder durch ein gefülltes Fahrerlager geht, dann teilt sich die Menge wie einst das Meer vor Moses. Achtung, Bernie! Das Symbol seiner Macht ist ein Funkgerät in seiner Hand. Es deutet seine Vernetzung über alle Grenzen an und dass sein Wort in aller Welt gehört wird. Die Botschaft des Methusalems an alle, die sich um seine Nachfolge in Stellung bringen:

„Ich denke, wenn die Leute 100 werden, dann sollten sie anfangen, über die Pension nachzudenken. Ich bin da aber nicht sicher. Vielleicht.“

Sicher ist Ecclestone, durchzogen von drei Bypässen seit elf Jahren, in seinem Fall. Man soll ihn, bitteschön, eines Tages hinaustragen. Da ist kaum Platz für den Nachwuchs. Ausgerechnet in einem Wanderzirkus, der mit Werbung um ewige Jugend seine Runden durch die Welt zieht. Und dabei immer wie frisch aus dem Laden wirkt: blankpolierte Autos, glänzende Transporter, piekfeine Motorhomes, gutgebaute Boxenluder. Dabei ist der Alterungsprozess schwindelerregend. Das Auto von gestern gilt als Jahreswagen, der Bolide von 2009 als Oldtimer, Ecclestone als Dinosaurier. Das glauben Menschen, die zweifeln, er habe nur Stärken.

„Wahrscheinlich habe ich welche. Ich kenne sie aber nicht. Wüsste ich was darüber, dann würde ich etwas dagegen unternehmen.“

Vielleicht nicht gegen das Altern.

„Das ist doch gut. Wenn man 30 ist, muss man vorsichtig sein, was man tut und sagt, weil man ja noch eine lange Zeit vor sich hat. Wenn man älter ist, kann man die Dinge schon etwas leichter nehmen.“

Etwa das freie Wort, vielleicht über die Wirkung Hitlers? Ecclestone hatte im vergangenen Jahr ernsthaft von manchem Segen des Führers für die Deutschen gesprochen, dies aber später als Dummheit bezeichnet. Die Formel 1 schert das nicht. Marketingspezialisten aber fragen sich, ob Ecclestone alle modernen Errungenschaften nutzt, um sein Produkt optimal zu plazieren. Etwa in den neuen Medien. Und warum er einen so wichtigen Markt wie Nordamerika jahrelang vernachlässigt hat, anstatt mit aggressiver Werbung die Weltmeisterschaft in eine globale Angelegenheit zu verwandeln. Jetzt soll sich mit der Rückkehr in die Vereinigten Staaten (Austin) alles zum Guten wenden. Mit dem Rückenwind einer beschleunigenden Formel 1. 60 Jahre ist Ecclestone dabei. Als Pilot in einer kleinen Formel-Klasse hat er 1950 in Silverstone am Gründungsrennen teilgenommen, aber schnell festgestellt, dass es besser für alle Beteiligten ist, wenn er die anderen fahren lässt.

„Diese Weltmeisterschaft ist super, phantastisch. Eure Jungs machen einen guten Job. Sebastian (Vettel) wird eines Tages Weltmeister, das ist sicher. Ob schon dieses Jahr? Das weiß ich nicht. Und ob er so gut wird wie Schumacher? Wo war Michael nach seiner dritten Saison? Zum ersten Mal Weltmeister, wenn ich mich recht erinnere. Also, wir müssen das noch abwarten. Sebastian ist erst am Beginn seiner Karriere. Gebt ihm die Zeit.“

Bernie hat nicht mehr viel - für das Interview. Sein Handy summt, es spielt die Melodie aus der Filmmusik eines dramatischen Duells: „Spiel mir das Lied vom Tod“.

„Hallo, ich rufe Dich in einer Minute zurück.“

25 Fragen beantwortete Ecclestone in knapp 14 Minuten, inklusive Gedankenpausen. Eine Nachfrage gestattet er. Auf drei Milliarden Euro wird sein Vermögen geschätzt. Die Scheidung von Slavica und seine neue Liebe, Fabiana Flosi, ein halbes Jahrhundert jünger, sollen den Kontostand verringert haben.

„Ich habe genug. Aber um ehrlich zu sein: Ich kenne den Kontostand nicht. Vielleicht weiß es meine Bank. Ich hoffe es jedenfalls.“

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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