26.03.2005 · Die Banken vergrößern ihren Einfluß im Rennsportgeschäft. Vor dem Londoner High Court erlitt Bernie Ecclestone, der über Jahrzehnte wie ein Alleinherrscher die Geschicke der Formel 1 bestimmte, eine empfindliche Niederlage.
Von Ulrich Friese, LondonIm Geschäft mit der Formel 1 zeichnet sich das Ende der Ära Ecclestone ab. Vor den Richtern des Londoner High Court brachten die Mitgesellschafter aus der Bankenszene dem britischen Rennsport-Tycoon Bernie Ecclestone eine empfindliche Niederlage bei. Er ist jetzt verpflichtet, mehr Einblicke in sein weitverzweigtes Firmenreich zu gewähren und Entscheidungen im Tagesgeschäft zu begründen. Im Zuge dieser Veränderungen ist sogar denkbar, daß er die in der Formel 1 engagierten Autohersteller stärker als bisher an den Gewinnen aus der Rennserie beteiligt. Das ist ein herber Rückschlag für den 74 Jahre alten Milliardär, der über Jahrzehnte wie ein Alleinherrscher die Geschicke der Formel 1 bestimmte.
Um die künftige Machtverteilung in der Formel1 wird seit Monaten vor dem Londoner Gericht gerungen. Dabei hat es Ecclestone in erster Linie mit den Haupteignern der Formel-1-Holding SLEC zu tun. An der Dachgesellschaft sind die Bayerische Landesbank sowie die amerikanischen Investmenthäuser J.P. Morgan und Lehman Brothers mit insgesamt 75 Prozent beteiligt (siehe Graphik). Das Engagement fiel den ehemaligen Kreditgebern der Kirch-Gruppe zu, als das Münchner Medienimperium im Frühjahr 2003 unterging. Den restlichen SLEC-Anteil hält die Bambino Holdings. Die Gesellschaft im Steuerparadies Jersey wird von der Ecclestone-Familienstiftung kontrolliert und ist indirekt dem Einfluß des Formel-1-Herrschers zuzurechnen.
Eine Milliarde Dollar Einnahmen pro Jahr
Die Hausherren aus dem Bankenlager blieben im Tagesgeschäft sowie bei Schlüsselpositionen in Tochtergesellschaften bislang außen vor. Dafür ist Ecclestone verantwortlich. Der gewiefte Taktiker verstand es, sich durch juristische Winkelzüge gegen fremden Einfluß abzuschotten und so die Oberhoheit im operativen Geschäft zu behalten. Im Kern geht es um die Kontrolle bei der Formula One Administration (FOA) und der Formula One Management (FOM). Die beiden Tochtergesellschaften der SLEC-Holding sind die zentralen Geldeintreiber und -verteiler im Formel-1-Geschäft. Die Königsklasse des Motorrennsports bannt weltweit 162 Millionen Zuschauer und dürfte pro Saison durch Fernseheinnahmen, Bandenwerbung oder Zahlungen der nationalen Rennstrecken-Betreiber insgesamt eine Milliarde Dollar (766 Millionen Euro) erlösen.
Gerhard Gribkowsky, im Vorstand der BayernLB zuständig für das Formel-1-Engagement, will die Alleingänge Ecclestones nicht dulden und kündigte jüngst seinen Widerstand an: "Wir lassen uns nicht länger in eine Rolle drängen, in der wir das Eigenkapitalrisiko tragen, jedoch nichts zu sagen haben." Und ließ Taten folgen: Nach dem Auftakt beim Londoner High Court Anfang Dezember konnten Gribkowsky und seine Kollegen ihren ersten Sieg gegen Ecclestone einfahren. Danach erhielt das Bankentrio das Recht, die Mehrheit des Vorstands bei der Führungsgesellschaft Formula One Holdings zu besetzen.
Brisante Punkte diskret verhandelt
Nach diesem Muster, so das Kalkül der Bankenvertreter, sollte auch der personelle Einfluß bei den Rennveranstaltern FOA und FOM vergrößert werden. Doch Ecclestone stemmte sich erfolgreich gegen den drohenden Kontrollverlust. Für den symbolischen Kaufpreis von einem Pfund sicherte er sich vor wenigen Wochen die Hälfte der stimmberechtigten Aktien bei der FOA und kann so jede für ihn unliebsame Entscheidung neutralisieren. Gribkowsky zeigt sich entschlossen, gegenzuhalten und die Rechtsposition seines Hauses durchzusetzen. Spätestens bei dem für den 10. Mai anberaumten Gerichtstermin im High Court hätte Ecclestone abermals eine Niederlage gedroht. Um öffentliches Aufsehen bei diesem Schlagabtausch zu vermeiden, erklärten sich die Rechtsanwälte des Formel-1-Herschers am vergangenen Mittwoch abend bereit, die brisanten Punkte der Verhandlungen diskret und somit außerhalb der Gerichtsräume zu klären.
Über die Details ihrer gütlichen Einigung vereinbarten beide Parteien Stillschweigen. Doch Auszüge aus internen Protokollen des Londoner Gerichts offenbaren: Ecclestones Gegner haben sich in allen sieben Klagepunkten durchgesetzt. Damit dürften die Bankenvertreter künftig wohl mehrheitlich in die jeweiligen Führungsgremien von FOA und FOM einziehen, heißt es in Ecclestones Umgebung.
Umsatzanteil der Autohersteller soll steigen
Im Lager der Autohersteller wird der jüngste Etappensieg der Banken mit Spannung verfolgt. Weil die Unternehmen bislang von ihrem Engagement in der Formel1 finanziell kaum profitierten, drohten die Manager von Daimler-Chrysler, BMW oder Renault damit, das Abkommen mit Ecclestone zu kündigen und ab 2008 mit einer eigenen Rennserie zu starten. Das ist ein kühnes Unterfangen, da der wirtschaftliche Erfolg des Projekts nach Ansicht von Experten höchst fraglich erscheint. Erklärt sich Ecclestone jedoch gegenüber den Mehrheitsgesellschaftern der Formel-1- Holding zu weiteren Zugeständnissen bereit, könnten die Pläne der Autohersteller Makulatur werden. Bislang mußten sich die zehn an der Formel 1 beteiligten Rennteams mit einem Umsatzanteil von 200 Millionen Dollar pro Saison begnügen. Dieser Betrag, so lautet die Forderung der Industrie, muß in Zukunft auf mindestens 600 Millionen Dollar steigen.