04.11.2009 · Der größte Autohersteller der Welt beendet sein Engagement in der Formel 1. Jetzt droht in Köln ein Stellenabbau. Dort unterhält der Toyota-Konzern den einzigen kompletten Rennstall eines Formel-1-Teams in Deutschland.
Von Patrick Welter und Christine ScharrenbrochDiese Entscheidung hat Akio Toyoda, der Präsident der Toyota Motor Corp, persönlich gefällt. Nach ausführlicher Beratung mit seinen Direktoren beschloss der Autobauer auf einer außerordentlichen Vorstandssitzung am Mittwoch, aus der Formel 1 auszusteigen. Toyota habe alles versucht, um die Kosten des Engagements zu drücken, sagte Toyoda in Tokio. Die wirtschaftliche Lage lasse keine andere Entscheidung mehr zu.
Toyota hat das vergangene Geschäftsjahr mit 437 Milliarden Yen Verlust abgeschlossen und prognostiziert für dieses Jahr ein Minus von 450 Milliarden Yen (rund 3,3 Milliarden Euro). Über die Kosten seines Formel-1-Engagements schweigt sich der Vorstand des Unternehmens seit Jahren aus. Spekulative Schätzungen belaufen sich auf bis zu 50 Milliarden Yen im Jahr. Toyota wird an diesem Donnerstag die Geschäftsdaten für das erste Halbjahr vorlegen.
Der bekennende Motorsportfan Toyoda sprach von einer „schmerzvollen Entscheidung“. Er ließ auf der eilig einberufenen Pressekonferenz seine gewohnte Lockerheit vermissen. Noch stärker als den Unternehmenspräsidenten aber traf der Beschluss den Chef des Formel-1-Teams, Tadashi Yamashina, der vor den Journalisten die Tränen nicht zurückhalten konnte. Für Yamashina und für Toyota mit dem aus der Gründerfamilie stammenden Vorstandschef Toyoda endet mit dem verkündeten Ausstieg am gestrigen Mittwoch ein Traum.
Toyota will auch keine Motoren an andere Teams liefern
Im Jahr 2002 hatte der mittlerweile größte Autohersteller der Welt begonnen, auf den Formel-1-Strecken der Welt einem Titelgewinn hinterherzujagen. Doch während den 139 Rennen schloss Toyota nur 13 Mal auf dem Podium der besten drei Fahrer ab; das Höchstmaß der Gefühle blieben zweite Plätze wie zuletzt im japanischen Suzuki oder in Singapur. In der Teamwertung gelang Toyota als bestes Ergebnis Rang 4. Das war im Jahr 2005.
Toyota stellt den Abschied aus der Formel 1 als überraschend dar. Im Juli hatte der Autobauer der Formel 1 noch zugesichert, bis 2012 dabeibleiben zu wollen. Im selben Monat kündigte Toyotas eigene Rennstrecke Fuji International Speedway Co. aber schon mit Verweis auf Kosteneinsparungen an, im kommenden Jahr und auch darüber hinaus keine Formel-1-Rennen mehr abhalten zu wollen.
Im Nachhinein war die mit Kosteneinsparungen begründete Entscheidung ein Menetekel. Toyota will künftig auch keine Motoren an andere Formel-1-Teams liefern. Damit wird in der Rennserie bald kein japanisches Unternehmen mehr vertreten sein.
Honda Motor Co. hatte vor fast einem Jahr seinen Abschied angekündigt. Der Reifenhersteller Bridgestone hatte erst am Montag mitgeteilt, von 2011 an keine Reifen mehr an die Formel 1 zu liefern. Toyotas Hauptwerbepartner Panasonic Corporation erklärte am Mittwoch auf Anfrage, man respektiere die Entscheidung des Autobauers. Das Elektronikunternehmen schwieg auf die Frage, ob es der Formel 1 als Sponsor erhalten bleiben wolle.
Schock in Köln
Im Gewerbegebiet Köln-Marsdorf war der Schock groß am Mittwochmorgen. „Wir wussten, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen, aber der komplette Ausstieg aus der Formel 1 kommt für uns überraschend“, sagt Andy Fuchs, Sprecher der Toyota Motorsport GmbH. Schon in der Nacht seien die ersten Meldungen durchgesickert. Einzelheiten kenne die Belegschaft der Motorsport-Abteilung noch nicht. Eines aber steht fest: „Hier wird keine Formel 1 mehr stattfinden.“
Damit entfalle ein Großteil der Aufgaben für die rund 650 Mitarbeiter des Rennstalls, der in einem nüchternen Fabrikgebäude gegenüber der Deutschland-Zentrale von Toyota im Südwesten von Köln ansässig ist. Wie viele Beschäftigte von dem Schritt der Japaner betroffen sein werden, steht laut Fuchs noch nicht fest. „Es wird in jedem Fall ein signifikanter Einschnitt sein.“ Über die Flure in Marsdorf geistern Schätzungen, dass 400 bis 500 Mitarbeiter das Unternehmen verlassen müssen.
In abgespeckter Form soll die Toyota Motorsport GmbH nach Angaben des Sprechers weiter bestehen. Auch der Sitz in Köln-Marsdorf soll beibehalten werden. Es sei nicht geplant, den Entwicklungsstandort Köln aufzugeben oder zu verkaufen, sagte Motorsport-Präsident John Howett in einem Telefonat mit dem Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters. Toyota wolle vielmehr mit dem Motorsport in Marsdorf präsent bleiben.
Vor 30 Jahren kam die Motorsport-Abteilung nach Köln
Der Vorstand werde in den nächsten Wochen entscheiden, welche Abteilungen des Entwicklungszentrums weiter betrieben werden sollen und ob möglicherweise andere Aktivitäten in Köln angesiedelt werden. Als denkbar gelten neue Projekte wie die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft oder das 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Den Mitarbeitern sagte Toyota zu, „das Beste zu tun, um für die Betroffenen eine Lösung zu finden“.
Die Stadt Köln bot ihre Hilfe bei einer möglichen Neustrukturierung der seit 1979 in Köln ansässigen Motorsport-Abteilung an. „Der Verbleib des Toyota-Entwicklungszentrums in Marsdorf ist wichtig für den Automobilstandort Köln“, sagte Roters. Mit Abstand größter Arbeitgeber in Köln ist der Autohersteller Ford mit 17.500 Mitarbeitern. Die Stadt werde alle Rahmenbedingungen schaffen, damit der Standort effizient weiterentwickelt werden könne, versprach der Oberbürgermeister. „Wir haben ein großes Interesse daran, dass Marsdorf Zentrum der automobilen Zukunftstechnologien bleibt.“ Das technische Wissen in Marsdorf dürfe für die Stadt und das Unternehmen nicht verlorengehen, forderte Wirtschaftsdezernent Norbert Walter-Borjans. Er regte an, die Kompetenz künftig für Entwicklungen im Oberklasse-Segment zu nutzen.
In Köln unterhält der Toyota-Konzern den einzigen kompletten Rennstall eines Formel-1-Teams in Deutschland. Mitarbeiter aus mehr als 30 Ländern entwickeln und bauen die Rennautos. Von Fließband und Serienproduktion findet man hier keine Spur. Die saubere Fabrikhalle mit den sechs Montageplätzen sieht nicht wie eine Werkstatt aus, sondern erinnert an eine Manufaktur. Sechs bis acht Autos werden hier im Jahr gefertigt, nach jedem Rennen kehren sie wieder hierher zurück. In speziellen Öfen werden Karosserieteile aus einem Kohlefaserverbundstoff „gebacken“. Und für den Test der Aerodynamik entstanden auf dem 35000 Quadratmeter großen Gelände eigens zwei kostspielige Windkanäle. Toyota, so versicherte ein Konzernsprecher in Tokio als Trostpflaster, werde den Mitarbeitern, die nun ihren Arbeitsplatz verlieren werden, ein gutes Angebot machen.