02.11.2007 · Alonso sind sie los. Jetzt kann gefeiert werden bei McLaren-Mercedes. Die versöhnlichen Abschiedsworte im „beiderseitigen Einvernehmen“ zwischen Team und ehemaligem Weltmeister wirken wie diktiert. Und zwar von den Rechtsanwälten.
Von Anno HeckerAlonso sind sie los. Jetzt kann gefeiert werden. An diesem Samstag in Stuttgart sausen Mercedes-Piloten - mit angezogener Handbremse - mitten durchs Werk. Zur traditionellen Saison-Abschlussfeier werden wohl wieder tausende Zuschauer ins Allerheiligste pilgern und begeistert ihren Helden zuwinken. Mit Alonso als Stammpiloten auf der Bühne wäre der Festtag nach den teils ehrverletzenden Streitigkeiten in der vergangenen Saison wohl arg auf die Probe gestellt worden.
Ein Pfeifkonzert bei „Stars&Cars“? Das verhinderte die Leitung des Formel-1-Teams McLaren-Mercedes gerade noch rechtzeitig mit einem Federstrich. Der Vertrag mit dem spanischen Rennfahrer ist wie erwartet nach einem von den drei geplanten Jahren aufgelöst worden. Nun pfeift McLaren-Mercedes auf Alonso.
Diktierte Worte des Abschieds
Die versöhnlichen Abschiedsworte zur Trennung im „beiderseitigen Einvernehmen“ wirken nach den monatelangen Auseinandersetzungen zwischen Teamchef Ron Dennis und dem ehemaligen Weltmeister wie diktiert. Und zwar von Rechtsanwälten. Nur nichts Justitiables mehr sagen. Das dürfte vor allem für den Asturier zutreffen. Der hatte noch kurz nach dem Finale, dem überraschend gegen Kimi Räikkönen verlorenen Wettlauf um die Fahrer-WM in Brasilien, seinem Rennstall wiederholt eine verfehlte Politik und seine Benachteiligung vorgeworfen: „Sie haben die Meisterschaft wegen der Fehlentscheidungen in der zweiten Saisonhälfte verloren. Es ist kein Geheimnis, dass sie mir nicht viel geholfen haben. (...) In den letzten Rennen waren mir Hände und Füße gebunden, ich durfte keine eigenen Entscheidungen mehr treffen, ich musste so fahren wie es mir gesagt wurde.“
Solchen Sätzen folgte am Freitag schließlich das offizielle, weichgespülte Abschiedswort: „Ich glaube weiterhin, dass McLaren ein großartiges Team ist. (...) Ich weiß, dass es innerhalb des Teams Hinweise auf eine Bevorzugung gab. Die Leute sagen im Eifer des Gefechts viele Dinge, aber mir wurde immer eine gleiche Siegchance gegeben.“
Kein weiterer Kommentar
Alonso hat diese rhetorische Kurve kaum aus freien Stücken genommen. Schon ein schiefer Blick auf den Arbeitgeber rückt einen Piloten der Formel 1 an den Rand des Vertragsbruchs. Wer also seinen Chef einen Lügner schimpfte, eine unfaire Behandlung im Rennstall unterstellte, seinen Teamkollegen (nach Provokation in Ungarn) blockierte, deshalb eine millionenschwere Strafe des Internationalen Automobil-Verbandes provozierte, der hat wohl kaum im (schriftlich fixierten) Interesse des Teams gehandelt.
Angeblich sah Alonsos Anwalt angesichts der geballten juristischen Antwort aus Woking und Stuttgart keinen Ansatz für eine Klage. Was die Trennung im „gegenseitigen Einvernehmen“ eher wie einen achtkantigen Rauswurf erscheinen lässt. Auch wenn Alonso wohl keineswegs unglücklich über diese Entwicklung ist. Über die Mitteilung hinaus versagt er sich jeden weiteren Kommentar. Beide Parteien haben schließlich Stillschweigen vereinbart. Immerhin aber darf Alonso nun fahren, wo er will.
Red Bull, Renault oder Toyota?
Wohin ihn seine Reise führt, ließ der ehemalige Weltmeister offen. Red Bull steht angeblich bereit, Renault oder Toyota. Das französische Team aber scheint - trotz der öffentlichen Werbung durch Teamchef Flavio Briatore - nicht bestens vorbereitet auf eine Rückkehr des verlorenen Sohnes. Zumindest wird der Renngemeinschaft mit englischer Führung nachgesagt, nicht ausreichend Geld zur Verfügung zu haben. Toyota könnte Alonso wohl aus der Westentasche bezahlen. Aber den Japanern fehlt eine straffe, kompetente Führung im Management, die einen Alonso überzeugen könnte, bald wieder um Siege zu fahren. Ob Red Bull bessere Aussichten bietet? Alonso will sich vorerst im Urlaub entspannen und anschließend den Markt sondieren.
Unabhängig von seiner Entscheidung, kreist die Formel 1 nun um die Frage, wer den begehrten Platz neben Lewis Hamilton bei McLaren-Mercedes einnimmt. Die Affäre um den Spanier hat der Attraktivität des Cockpits vermutlich geschadet. Wenn schon ein Schumacher-Bezwinger den Debütanten und Engländer Hamilton im eigenen Team nicht schlagen kann, wer dann? Führt die Fahrt im zweiten McLaren-Mercedes, das zuverlässigste und im Schnitt beste Auto der vergangenen Saison, also vielleicht in die Sackgasse?
Sutil oder Heidfeld als Nachfolger?
Manchen Deutschen wird das Risiko nicht abschrecken. Adrian Sutil zum Beispiel, mit Selbstbewusstsein gesegnet wie kaum ein Zweiter im Fahrerlager, möchte zu gerne vom letzten in den ersten Stand der Formel 1 springen. Allein die Nähe zu Hamilton wird wohl nicht reichen. Falls der bei Toyota ausgeschiedene Ralf Schumacher jemals eine Chance gehabt haben sollte, zum Abschluss seiner Karriere noch einmal einen Boliden der Extraklasse zu fahren, dann dürfte er diese vage Hoffnung mit einer unklugen Bemerkung zerstört haben: „McLaren hat die Weltmeisterschaft durch eine falsche Politik verloren.“
Da Nick Heidfeld (BMW) und Sebastian Vettel (Toro Rosso) aus verschiedenen Gründen nicht in Frage kommen, bleibt als deutscher Kandidat nur Nico Rosberg übrig. Der in Wiesbaden geborene Europäer genießt großes Vertrauen in Woking wie Stuttgart. Er dürfte auch mutig genug sein, den Schritt zu wagen. Doch Teamchef Frank Williams pocht seit Wochen auf den auch 2008 noch gültigen Vertrag. Nur Pokerspiel von Sir Frank, also eine Preisfrage? „Williams ist jedenfalls nicht bekannt dafür“, sagte ein Insider am Freitag, „einem jungen Fahrer eine solch einmalige Chance zu verbauen.“
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Michael Fichtner (ebaristo)
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