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Abu Dhabi Kein Sand im Getriebe

29.10.2009 ·  Abu Dhabi nutzt die Grand-Prix-Premiere als Werbekampagne für seinen märchenhaften Aufstieg. Die menschenleere und unbebaute Insel Yas ist innerhalb von zwei Jahren zu einem Zentrum für Freizeit und Vergnügen geworden.

Von Rainer Hermann, Abu Dhabi
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Wie ein Fischernetz, das ins Meer geworfen wird, glitzern die mehr als 4000 Glasscheiben, von denen keine der anderen gleicht. Oder sind es, unter der gleißenden Sonne des Persischen Golfs, funkelnde Diamanten? Die Linien nehmen mit ihrem Schwung Schnelligkeit auf und reichen sie weiter. Das Yas-Hotel steht am Übergang von Land zu Wasser. Auf der einen Seite dröhnen von diesem Freitag an die trainierenden Formel-1-Wagen unter dem Luxushotel durch, auf der anderen Seite haben im Halbrund des neuen Hafens mehr als 100 Jachten angelegt, von denen am Sonntag betuchte Rennsportfans den letzten Grand Prix dieser Saison verfolgen.

Das Luxushotel ist kaum fertig und schon eines der Wahrzeichen von Abu Dhabi. Dabei wollten seine Architekten, Hani Rashid, ein Amerikaner ägyptischer Herkunft, und Lise-Anne Couture, seine kanadische Frau, keine „disneyartige Verrücktheit“ entwerfen, von denen es in der Region genügend gebe, sagt Rashid. Absetzen wollen sie sich von den Hochhäusern Dubais und ihren immergleichen Glasfassaden. Wo bleibe da die Architektur, fragt Rashid. Hochhäuser, meint der Gründer des New Yorker Architektenbüros Asymptote, seien eine Tradition des 20. Jahrhunderts. „Gebäude, die wie das Opernhaus von Sydney zu Kultsymbolen werden, sind keine Türme.“

Yas heißt das neue Luxushotel, Yas heißt auch die Insel

Yas heißt das neue Luxushotel, Yas heißt auch die Insel. Sie war bis vor kurzem eine der vielen flachen und unbewohnten Inseln, die um Abu Dhabi liegen, das selbst eine Insel ist. „Yas setzt sich aus vielen Komponenten zusammen“, zählt Khaldun al Mubarak auf, Jahrgang 1975, einer der jungen Macher von Abu Dhabi und Chef des Projekts Yas. Auf ihre Rechnung kommen die Architekturfans und natürlich die Besitzer von Jachten. Auch den Technikfreaks bietet Yas mit der letzten Technik Neues – von den Solarzellen am Kontrollturm bis zur direkten Kommunikation zwischen Fahrern und Rennleitung. Stolz ist er auch auf das Unterhaltungsprogramm rund um die Rennstrecke, mit Beyoncé sowie den amerikanischen Bands Kings of Leon und Aerosmith. „Solch ein Paket um solch eine aufregende Rennstrecke“, meint Mubarak, „finden Sie an keinem anderen Ort.“

Kein Sand im Getriebe

Ein Spektakel werde das Rennen am Sonntag bei dieser anspruchsvollen Rennstrecke, sagt auch Richard Cregan, der frühere Formel-1-Teammanager von Toyota und heutige Chef von Abu Dhabi Motorsports Management. Die vom Deutschen Hermann Tilke entworfene Strecke sei anspruchsvoll und für jeden Fahrer eine Herausforderung. Dem Zuschauer biete sie große Unterhaltung. Dabei sah der Ort noch vor drei Jahren öde und langweilig aus. Kaum ein Mensch hatte je seinen Fuß auf die Insel gesetzt. Das änderte sich, als im Februar 2007 bekannt wurde, dass Abu Dhabi in der Saison 2009 einen Grand Prix ausrichten werde. Abu Dhabi hatte keine Rennstrecke, kein Datum für das Rennen und keinerlei Geschichte in der Formel 1. Außer dass der Staatsfonds Mubadala, dessen Direktor ebenfalls Mubarak ist, an Ferrari fünf Prozent erworben hatte und damit größter Aktionär wurde, und dass ein anderer Staatsfonds, Aabar, an Daimler neun Prozent hält.

Weshalb auf einer Insel wohnen?

Abu Dhabi hatte nur die menschenleere Insel Yas anzubieten und das Versprechen, es bis zum Ende der Saison 2009 zu richten. Zeitweise arbeiteten 41.000 Arbeiter Tag und Nacht auf den vielen Baustellen. Im Sand und auf den Hügeln, die sie bis zu 18 Meter hoch aufschütteten, legten sie eine Rennstrecke von 5,5 Kilometern an. Neben dem Yas-Hotel bauten sie sieben weitere Hotels und überbauten ein riesiges Areal für den Themenpark zu Ferrari, der 2010 eröffnet wird. Noch in Planung ist der zweite Themenpark für das Kino und Warner Brothers. Angelegt werden schon ein erstklassiger Golfplatz und ein Wasservergnügungspark, eine Stadt für 110.000 Einwohner und ein Einkaufszentrum mit 600 Geschäften.

Weshalb auf einer Insel wohnen, auf der auch zwischen den jährlichen GrandPrix-Großereignissen Motorrennen stattfinden? „Weil die Stadt mit 2500 Hektar ein Viertel so groß ist wie die Hauptinsel Abu Dhabi, aber viel weniger dicht besiedelt“, sagt Falah Ahbabi, der Direktor des Stadtplanungsamtes. In Yas will er die Komponenten der künftigen Stadt testen. Viel zu lange sei Abu Dhabi als Autostadt konzipiert gewesen. Nun werden Fußgängerwege und Radwege auf Yas angelegt, Bäume sollen Schatten spenden, Straßenbeleuchtung die Wege nachts erhellen. „Yas wird urban sein und typisch für das Abu Dhabi der Zukunft.“ Entlang von Küstenabschnitten werden 100.000 Mangrovenbäume gepflanzt.

Der Ehrgeiz von Abu Dhabi endet nicht

Yas wird die Insel für die Freizeit und das Vergnügen, die benachbarte Insel Saadiyat für die Kultur. Auf ihr werden bereits der Louvre und das Guggenheim sowie der Campus der New York University gebaut, geplant sind weitere Museen und ein Opernhaus. Der Ehrgeiz von Abu Dhabi endet damit nicht. Mit Masdar entsteht ein Modell für die umweltfreundliche und kohlendioxidfreie Stadt der Zukunft, der Capital District soll Abu Dhabis Version einer neuen Hauptstadt im Stile Brasilias werden. „Mit solchen Meilensteinen ist Abu Dhabi auf dem Weg, eine arabische und wahrhaft globale Hauptstadt zu werden“, sagt al Mubarak.

Wenn am Sonntag 600 Millionen Zuschauer in 188 Ländern den Grand Prix direkt verfolgen, werden viele von ihnen erstmals etwas von Abu Dhabi erfahren. Erheitert erzählt der amerikanische Wirtschaftsprofessor Victor Matheson, wie seine Studenten reagierten, als er ihnen erklärte, dass er für einige Tage nach Abu Dhabi reise. Ahnungslos hätten sie ihn angeschaut, bis er sagte, Abu Dhabi liege nahe Dubai. Da habe einer der Studenten aufgeatmet: „Ach so, wo Tiger Woods Golf gespielt hat!“ Wegen der großen Aufmerksamkeit für Mega-Sportevents investiert Abu Dhabi in die Formel 1 – und arbeitet weiter daran, sich in den globalen Nexus von Wirtschaft, Kultur und Sport einzufügen.

Die neue Technologie von Yas wird man nun auch andernorts einsetzen. Neue Brücken verbinden zuvor unbewohnte Inseln, vorerst beseitigt ist die Knappheit an 5000 Hotelzimmern. Nie habe er gezweifelt, dass Abu Dhabi den doch sehr ehrgeizigen Zeitplan nicht einhalte könne, sagt al Mubarak, der auch Vorsitzender der Stadtexekutive und des Fußballklubs Manchester City ist. Dass ihm ein Mühlstein vom Halse fällt, den Eindruck hat man aber nicht. Aber lachend sagt er zum Abschied: „Sollte Sie jemand fragen, ob Sie in zweieinhalb Jahren eine Formel-1-Rennstrecke bauen wollen, sieben Hotels, mehrere Themenparks, einen Golfplatz, die Infrastruktur für eine Stadt mit über 100.000 Einwohnern mit Strom, Wasser, Abwasser – sollte Sie jemand das fragen, dann sagen Sie lieber nein.“

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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