13.05.2010 · Vor sechzig Jahren, am 13. Mai 1950, startete in Silverstone der erste Formel-1-Grand-Prix. Der Frankfurter Fotograf Rainer W. Schlegelmilch und die Formel 1 gehören seit bald fünfzig Jahren zusammen. Eine Spurensuche in seinem Archiv, das Entwicklung und Widersprüche der PS-Branche aufzeigt.
Von Jörg HahnDie isländische Vulkanasche hat auch den Frankfurter Rainer Schlegelmilch Zeit gekostet. Sein Rückweg vom chinesischen Formel-1-Grand-Prix in Schanghai im Apirl führte über Dubai, Syrien, Zypern und die Schweiz. Die Wartezeit unterwegs nutzte er, um an seinem Online-Auftritt zu arbeiten. Mit zwei Tagen Verspätung kam er wieder zu Hause an. Zu Hause, das ist in einem Frankfurter Villengebiet, wo er unter einem Dach lebt und arbeitet. Schon im Flur begegnet man auf großformatigen Fotos seinem Lebensthema: Autos, Motorsport, Formel 1. Das Fotoatelier im Garten hat sogar eine Zufahrt für Autos, die er dort in Szene setzt. Sein erstes Autorennen waren die 1000 Kilometer auf dem Nürburgring 1962, wo er die Rennfahrer für das Abschlussexamen an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie in München porträtierte. 18 Monate später eröffnete er sein Studio für Fotodesign in Frankfurt. Die Werbe- und Industriefotografie war einträglich, packender aber wurde und blieb der Rennsport: Bei den Grand Prix der Formel 1, in Le Mans, bei der Targa Florio und bei vielen anderen Veranstaltungen wurde er Stammgast. Deshalb ist Schlegelmilch einer der herausragenden Chronisten des Motorsports.
Obwohl technikbegeistert bis in Cockpitdetails, verliert er nie die Hauptakteure aus dem Sucher: Seine Porträts, seine teils fast intim wirkenden Aufnahmen von Fahrern (und auch von Begleiterinnen) verraten viel über die jeweilige Zeit, über den Wandel der Piloten von Draufgängern zu kühl kalkulierenden Chauffeuren, die eher mit Ingenieurwissen denn mit reiner Intuition einen Rennwagen auf Höchstgeschwindigkeit und Ideallinie bringen. Schlegelmilch dokumentiert aber auch die Veränderungen der Rennen selbst; undenkbar, dass heute - wie in den sechziger Jahren - die Zuschauer eine Armlänge vom Streckenrand entfernt stehen, zwischen ihnen und den rasenden Wagen nur ein paar Strohballen.
Heute sind Formel-1-Rennen Hochsicherheitsveranstaltungen; die Boxen der Teams, einst in schmuddeligen Garagen improvisiert untergebracht, wirken klinisch rein wie Labore; die Kommandostände erinnern an das Weltraumzentrum in Houston. In den sechziger und siebziger Jahren stoppten Freundinnen oder Frauen der Fahrer noch die Rundenzeiten. Von glitzernden Motorhomes und VIP-Clubs war die Szene meilenweit entfernt, für einen Imbiss hockte man sich an einen Klapptisch, und Interviews wurden möglich gemacht, indem man sich mit dem gefragten Fahrer auf einen Reifenstapel neben das zerlegte Rennauto setzte.
Immer stärker konzentrierte sich Schlegelmilch in seiner Laufbahn auf die Weltmeisterschaftsläufe der Formel 1; er besitzt mit rund 350 000 Farbaufnahmen und 15 000 Schwarzweißbildern eines der größten Archive in der Grand-Prix-Szene. Über eine halbe Million Originaldias gehört insgesamt zu seinem Bestand. Das Online-Archiv wächst rasant. Seit fünf Jahren fotografiert der Frankfurter digital. Seine Kunden kommen aus den Medien wie aus der Industrie. Für Motorsport-Aficionados hat er wertvolle Bücher aufgelegt. Die Edition „The Great Challenge“ - gegliedert in fünf Bände und betitelt nach der jeweiligen Ära der Fahrer Clark, Stewart, Lauda, Senna und Schumacher - fasst seine Erfahrungen zusammen. Aus manchen Fahrern und Fahrzeugen macht er mit seinen Bildern geradezu Ikonen. Seine Vorlieben verschweigt er dabei nicht. Aktuell hat es ihm Nico Rosberg besonders angetan. Selbst ist Schlegelmilch seit der Jugend Porsche-Fahrer.
Machotum ist passé
Er ist stolz auf sein „Familienunternehmen“, in dem auch der Sohn mitarbeitet. Die Formel 1 fasst der Fotograf ebenfalls ein bisschen als seine Familie auf, er genießt die Kontakte zu den Machern wie Bernie Ecclestone. Weil er so lange in der Motorsportszene dabei ist, öffnet sich ihm manche Tür, die anderen verschlossen bleibt. Das weckt mitunter auch Neid und Argwohn.
Kaum einer kann solch ein Archiv vorweisen, das ein immenses Kapital darstellt. „Meine Altersvorsorge“, sagt Schlegelmilch, der auf die siebzig zugeht, aber weitaus jünger wirkt - vor allem, wenn er bei seinem Lieblingsitaliener „La Scuderia“ sitzt, wo - ganz stilecht - Schwarzweißfotos von ihm die Räume zieren. Dort, bei einer Portion Pasta, gerät er ins Erzählen und Schwärmen. Ganz deutlich wird dabei, dass die alte Rennfahrerromantik längst ersetzt worden ist durch strategisches Managementdenken aller Akteure. Die wilden, verrückten PS-Fetischisten gibt es nur noch auf den alten Fotos. Das Machotum ist passé, das Marketing beherrscht alles.