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Zeitfahr-Weltmeister Der perfekte Tag des Bert Grabsch

25.09.2008 ·  Bert Grabsch sorgt für eine große Überraschung: Der deutsche Rad-Profi hat das Zeitfahren bei der Weltmeisterschaft im italienischen Varese gewonnen. Er ist damit erster deutscher Titelträger nach der Ära Jan Ullrichs.

Von Rainer Seele, Varese
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Er saß einige Zeit auf dem „heißen Stuhl“, das ist der Platz im Radsport, auf dem bei einem Zeitfahren die besten Drei das Ende des Rennens abwarten müssen. Bert Grabsch befand sich in der Mitte, er hatte ja, als er im Ziel angekommen war, die Bestzeit erreicht: 52:01,60 Minuten. So lange hatte er für die 43,7 Kilometer lange Strecke in Varese gebraucht.

Und der Wittenberger durfte am Donnerstag lange ausharren in seiner Position, keiner der Rennfahrer, die nach ihm gestartet waren, konnte ihn überflügeln - und so wurde der 33 Jahre alte Radprofi in Varese tatsächlich Weltmeister.

Zweiter Zeitfahr-Weltmeister nach Ullrich

Das war sicherlich eine Überraschung, obwohl Grabsch im Vorjahr in Stuttgart WM-Vierter im Zeitfahren geworden war. Der Deutsche zählt also zweifelsohne zu den Spezialisten in dieser Disziplin. In Varese gelang ihm ein sehr überzeugender und auch verblüffender Auftritt: Vor dem Zweiten, dem Kanadier Svein Tuft, hatte Grabsch einen Vorsprung von 42,79 Sekunden.

Dritter wurde der Amerikaner David Zabriskie. Grabsch ist der zweite deutsche Weltmeister im Zeitfahren: Jan Ullrich, der nach schweren Dopinganschuldigungen seine Karriere beendete, hatte diesen Titel in den Jahren 1999 und 2001 geholt.

Martin zahlte Lehrgeld

Tony Martin, zehn Jahre jünger als der Champion Grabsch, verpasste in Varese einen Rang mit Auszeichnung deutlich. Der 23 Jahre alte Cottbuser benötigte 53:17,86 Minuten und wurde Siebter. Martin sagte, dass er während des Rennens ziemlich schnell gemerkt habe, diesmal an Grenzen zu stoßen. „Ich bin muskulär am Ende.“ Die Strapazen der Saison forderten offensichtlich ihren Tribut. „Ich musste“, sagte Martin, „über die kleinen Gänge kommen.“ Er will daraus seine Konsequenzen ziehen und sich 2009 anders als diesmal auf die Weltmeisterschaften vorbereiten. „Ich hoffe, dass ich nächstes Jahr angreifen kann.“

Der erfahrene Grabsch hingegen war zum passenden Zeitpunkt in Form. Er hatte bereits vor dem Rennen gesagt, dass er sich wohl fühle. Das belegte der in der Schweiz lebende Wittenberger am Donnerstag nachmittag dann eindrucksvoll. Grabsch sprach später auch gelöst von einem „perfekten Tag“. Ihm gefiel alles in Varese. Der Parcours natürlich vor allem, der keine Steigungen beinhaltete und auf dem Grabsch deshalb sein Rad rollen lassen konnte. Das spätsommerliche Wetter kam ihm ebenfalls entgegen - und so strebte Grabsch, der deutsche Zeitfahrmeister, unaufhaltsam dem größten Triumph seiner Laufbahn entgegen.

Grabsch profitierte von der Absage des Titelverteidigers

Grabsch steht wie Martin beim T-Mobile-Nachfolger Columbia unter Vertrag. Früher hatte er in Diensten des skandalumwitterten Schweizer Rennstalles Phonak gestanden, der nach mehreren Dopingaffären seinen Betrieb einstellte. Zumindest in diesem Sommer war Grabsch vorübergehend unzufrieden beim Team Columbia. Die amerikanische Equipe nämlich hatte ihn nicht in das Aufgebot für die Tour de France aufgenommen. Grabsch musste statt dessen die Österreich-Rundfahrt bestreiten. Darüber, sagte er am Donnerstag, sei er nicht glücklich gewesen. Das Regenbogentrikot von Varese aber dürfte ihn entschädigt haben.
Grabsch profitierte bei dem italienischen Intermezzo gewiß auch davon, dass nicht jeden Profi die Reise nach Varese gereizt hatte. Auch der Schweizer Fabian Cancellara hatte auf die WM-Teilnahme verzichtet. Er war im Vorjahr in Stuttgart Weltmeister im Zeitfahren geworden, er hatte in dieser Disziplin auch die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Peking geholt. Seine Absage für Varese begründete Cancellara damit, dass ihm jetzt der „letzte Biss“ fehle. „Seit Anfang Februar stecke ich im Rennzirkus“, sagte der Schweizer, „und alleine mit Leidenschaft kann man keine Rennen gewinnen.“

Einige Rennfahrer mit bewegter Vergangenheit

Dafür sah man am Donnerstag in Varese einige Rennfahrer, die über eine bewegte Vergangenheit verfügen und doch unverdrossen weiter in die Pedale treten. Dazu gehörte der Ukrainer Sergej Gontschar, der 2007 das T-Mobile-Team hatte verlassen müssen. Bei ihm waren auffällige Blutwerte festgestellt worden. Der Ukrainer fand danach bei einem zweitklassigen italienischen Team eine neue sportliche Heimat.

Die Russen schickten unter anderen Wladimir Gusew ins Rennen, von dem sich das Team Astana in diesem Jahr getrennt hatte. Auch Gusew hatte durch Unregelmäßigkeiten in seinem Blutbild Argwohn erregt. Gusew wurde am Donnerstag Elfter, der fast vierzig Jahre alte Gontschar immerhin noch Fünfzehnter. Für einen gereiften deutschen Radprofi aus Sachsen-Anhalt waren sie in Varese freilich nie eine Gefahr.

Straßen-Weltmeisterschaft in Varese/Italien

Zeitfahren, Männer (43,70 km)

1. Bert Grabsch (Kreuzlingen/Schweiz) 52:01,60 Min.; 2. Svein Tuft (Kanada) + 0:42,79; 3. David Zabriskie (USA) + 0:52,27; 4. Levi Leipheimer (USA) + 1:05,42; 5. Gustav Larsson (Schweden) + 1:05,84; 6. Stijn Devolder (Belgien) + 1:15,41; 7. Tony Martin (Schwalbach) + 1:16,26; 8. Janez Brajkovic (Slowenien) + 1:25,16; 9. David Millar (Großbritannien) + 1:25,26; 10. Sylvain Chavanel (Frankreich) + 1:25,82

Quelle: FAZ.NET mit dpa.
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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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