27.12.2009 · „Das größte Handicap des modernen Menschen ist der zerstreute Geist“, sagt Raffael Irde. Der Darmstädter Yoga-Lehrer im Gespräch über Erleuchtung, Entspannung und Vermarktung.
Der Darmstädter Yoga-Lehrer Raffael Irde im Gespräch über Erleuchtung, Entspannung und Vermarktung.
Was ist Yoga? Und was hat es mit Sport zu tun?
Yoga ist eine Lebenseinstellung, die gesunde Bewegungen beinhaltet. Deshalb gibt es die Asanas, die Körperstellungen. Mit Leistungssport hat das nichts zu tun, Yoga praktiziert man nicht mit einem Ziel. Es ist ganzheitlich, soll alle körperlichen, geistigen und seelischen Systeme anregen. Für einen Yogi hat die Zielsetzung eines Sportlers, dem es um Bestzeiten geht, keinen Sinn. Ihm geht es nicht um eine Erwartung.
Um was geht es ihm?
Um den Zustand von innerer und äußerer Ausgeglichenheit. Um Bewusstheit, Einheit, Balance. Im Yoga ist der Körper ein Werkzeug, um sich seiner selbst bewusst zu werden. Es geht um Gesundheit in jedweder Hinsicht. Yoga bietet Hilfsmittel, um einen Zustand des inneren Friedens zu erfahren.
Drückt sich beim Laufen oder Bergsteigen nicht genau die gleiche Sehnsucht aus?
Absolut. Auch das Laufen ist ein Hilfsmittel. Der Gedankenfluss wird ruhiger, wenn man läuft, und die Erschöpfung hilft dabei, Zerstreuung einzudämmen. Dann sind ganz andere Gedanken möglich. Oder Bergsteigen - das ist Yoga in Aktion. Ein Bergsteiger, der in der Wand hängt, weiß, dass er abstürzt, wenn er einen falschen Handgriff macht. Der lebt im Augenblick, der ist sich seines Tuns vollkommen bewusst, ist völlig er selbst. Das ist Yoga, das ist eine Form der Meditation.
Es geht um Konzentration?
Nein, Konzentration ist das falsche Wort, es hat den Beiklang von Etwas-erreichen-Wollen. Es geht um Aufmerksamkeit, um Zentrierung. Beruhige ich zum Beispiel meine Atmung, verändert sich auch meine Denkweise. Das größte Handicap des modernen Menschen ist der zerstreute Geist. Wir leben fast nie im Augenblick, deshalb fällt es uns schwer, unsere Aufmerksamkeit auf eine einzige Sache zu lenken und im Augenblick ganz wir selbst zu sein.
Wenn man das philosophische System des Astanga Yoga betrachtet, das in acht Stufen zur Erleuchtung führen soll, dann hat dies mit dem aktuellen Yoga-Boom nicht viel zu tun. Was kann ein Yoga-Kurs leisten?
Er bietet einen Einstieg. Es macht Sinn, mit den Körperstellungen zu beginnen, weil wir als Europäer dazu einen Zugang haben. Wir definieren uns ja zu einem großen Teil über das Körperliche. Ich versuche, in meinen Kursen nicht nur die Stellungen zu vermitteln, dazu Atem- und Entspannungstechniken, sondern auch Denkanstöße zu geben: den Augenblick zu spüren, die Geisteshaltung, aufmerksam zu sein. Yoga ist ein einfaches Prinzip: Augen schließen, Atmung beobachten - das ist oft mehr Yoga, als wenn man irgendwelchen Stellungen hinterher hechelt.
Welche Wirkung haben Asanas?
Sie sind ein sehr gutes Bewegungssystem, weil man mit ihnen innerhalb einer Übungsstunde nachweislich gesundheitsfördernde Wirkungen erreichen kann, sowohl körperlich als auch geistig.
Asanas wirken nicht nur auf den Körper?
Nein, sie können auch helfen umzudenken, feinfühliger zu werden. Asanas und auch die Atmung, die im Yoga eine große Rolle spielt, sensibilisieren die Wahrnehmung. Dadurch wird unser Geist ruhiger, und ein ruhiger Geist handelt sinnvoller als ein unruhiger, aufgeregter. Man wird sensibler - auch gegenüber seinen Mitmenschen.
Wie erklären Sie sich den Yoga-Boom?
Es ist ein Trend. Die Leute wollen nicht nur Sport treiben, sie wollen auch sich selbst finden. Sie suchen Halt. Yoga ist eine Modeerscheinung, spricht aber auch ganz elementare Bedürfnisse an. Das führt zu Missverständnissen. Manche Leute glauben, wenn sie neunzig Minuten ihre Matte auslegen und gewisse Serien beherrschen, wären sie ein Yogi. Aber sie betreiben nur den körperlichen Aspekt. Was nicht verkehrt ist. Aber Yoga an sich ist mehr.
Was wollen, was können Sie in Ihren Kursen vermitteln?
Ich möchte die Leute zu einem gesunden Körpergefühl führen. Viele haben Rückenprobleme, viele sind gestresst. Man kann für alle - für Anfänger und für Fortgeschrittene - einen Kurs kreieren, der zum Beispiel die Rumpfmuskulatur stabilisiert, auf die Atmung eingeht und eine Tiefenentspannung beinhaltet. Was ich anbiete, entspricht am ehesten dem Hatha-Yoga. Das sind die bekannten Yogastellungen in einer fließenden Reihe, Atemübungen und Tiefenentspannung beziehungsweise Meditation. Yoga im Fitnessmarkt sollte seine Aufgabe zuallererst darin sehen, die Gesundheit zu fördern. In die Tiefe gehen kann, wer will, in weitergehenden Seminaren. Und man sollte versuchen, den Keim, den Samen so zu setzen, dass die Leute von sich aus damit beginnen, Yoga wirklich zu betreiben. Yoga bedeutet nicht, etwas vorgesetzt zu bekommen, es bedeutet, sich eigenverantwortlich und ganz individuell auf den Weg zu machen.
Worauf sollte man bei der Wahl eines Kurses achten?
Man sollte sich die Schule, das Studio, den Trainer genau anschauen. Welches Wissen ist vorhanden? Welche Zielsetzung? Yoga ist sehr stark vom Lehrer abhängig. Er darf nicht irgendein Programm durchziehen. Ein guter Yogalehrer ist der, der seinen Unterricht an seine Schüler anpasst. Mit 40 noch mal Spagat und deshalb mit 60 die Hüftprothese - das macht keinen Sinn. Aber diese Entwicklung haben wir im Yoga. Die Leuten müssen wissen, dass es unwichtig ist, wie weit man in Yogastellungen hineingehen kann, das spielt keine Rolle, man muss im Yoga nichts erreichen. Yoga passiert im Augenblick, Yoga ist kein Wettkampf.
Aber gibt es nicht sogar Bestrebungen, Yoga ins olympische Programm zu rücken?
Es gibt auch in Indien Yoga-Wettbewerbe und Yoga-Wettkämpfer. Ich habe enormen Respekt vor diesen Akrobaten, und wenn die sich miteinander messen wollen, warum nicht? Nur: Yoga ist das nicht, es nennt sich nur so.
Welche Rolle spielt die Esoterik?
Yoga ist einfach, man sollte es so vermitteln, dass jeder etwas damit anfangen kann. Aber oft ist es so, dass in den Yoga-Kursen ein Ritual, fast ein Gebet, durchgezogen wird, da wird gesungen und gebetet, als wäre es eine Religion. Aber Yoga ist keine Religion. Es gibt allerdings viele Versuche, es dazu zu machen, es gibt viele Möchtegern-Gurus, die daran Interesse haben.
Immerhin winkt die Aussicht auf Erleuchtung.
Es gibt keinen vorgefertigten Weg zur Erleuchtung. Wer das behauptet, vermarktet seine Vorstellung von Erleuchtung. Ihm geht es um Geld, nicht um Hilfestellung und Weiterentwicklung. Die Problematik auf dem Fitnessmarkt ist: Man will die Leute bei Laune halten und wirtschaftlich davon profitieren. Das gilt auch für Yoga. Da wird die passende Matte verkauft, das passende Buch, die passende DVD, die passende Esoterik. Man sollte deshalb genau hinschauen: Geht es um Yoga? Oder geht es um Vermarktung?