17.07.2008 · Das Yankee Stadium in New York ist eine Kultstätte des amerikanischen Sports. Trotz aller Nostalgie und Verehrung wird die Heimstätte der legendären Baseball-Mannschaft aus den Bronx im kommenden Winter abgerissen.
Von Jürgen Kalwa, New YorkAn einem Dienstag Anfang Juni steht bereits morgens eine lange Schlange vor dem Eingang. Ein bulliger Wachmann gibt den Besuchern, die einen Blick hinter die Kulissen des riesigen Stadions werfen wollen, letzte Verhaltensmaßregeln mit auf den Weg. Vieles ist verboten. Zum Beispiel Aufnahmen mit einer Videokamera und das Fotografieren in bestimmten Bereichen.
Und noch etwas ist nicht erlaubt: „Bitte betreten Sie nicht den Rasen“, lautet die Anweisung. „Und bitte nehmen Sie kein Gras als Souvenir mit.“ Die Ansage signalisiert: Der Rasen, auf dem im Sommer fast jeden Abend die Baseball-Profis der New York Yankees spielen, ist heilig.
Kein Denkmalschutz für die traditionsreiche Sportstätte
20 Dollar pro Person kostet die einstündige Führung ins Innere des Yankee Stadiums, ins Innere der Kathedrale der amerikanischen Traditionssportart, die 1923 öffnete und in den siebziger Jahren zum letzten Mal umfangreich auf Vordermann gebracht wurde. Doch wer sich für den stattlichen Eintrittspreis die Pressetribüne oben unterm Dach und die Umkleidekabine der berühmtesten Mannschaft des Landes anschauen möchte oder wer ein paar Anekdoten über die Legenden der Sportart erfahren will, muss sich beeilen.
Denn aller Nostalgie und Verehrung zum Trotz: Der Rundbau an der Ecke 161st Street und River Avenue steht nicht unter Denkmalschutz. Das Yankee Stadium wird nach Ablauf der laufenden Saison im kommenden Winter abgerissen.
„Das Haus, das Babe Ruth erbaute“
Wohl auch deshalb ist die Flut der Neugierigen in diesen Tagen größer denn je. Genauso wie die Flut von Artikeln über die Geschichte der Arena. Anlässe dafür gibt es immer wieder. So fand am Dienstag in der Arena, in der in den zwanziger Jahren der sagenhafte Aufstieg von Babe Ruth zur Sportikone begann, einer der Höhepunkte der Baseball-Saison statt: das All-Star-Spiel zwischen den von den Fans gewählten Vertretern der American League und der National League. Zum elften Mal nacheinander setzten sich dabei die Stars der American League durch – mit 4:3.
Babe Ruth hatte am Eröffnungstag, dem 18. April 1923, den Bau standesgemäß mit einem Home Run eingeweiht. Was einer der Gründe dafür war, dass das Stadion schon bald einen griffigen Spitznamen erhielt: „The House that Ruth built“. Aber er war nicht der einzige, der den Mythos der Anlage förderte. Die Yankees waren die dominierende Baseball-Mannschaft der zwanziger und dreißiger Jahre, in einer Zeit, in der Live-Radioübertragungen dem dahinplätschernden Spiel einen neuen Charakter gaben: Die Stimmen der Kommentatoren aus dem Stadion gaben der vergötterten Sportart so etwas wie eine Liturgie. Und sie prägten das Image von Profisportlern wie Ruth, Joe DiMaggio und Lou Gehrig, der am 4. Juli 1939 auf jenem Rasen vor einem Mikrofon stand und eine denkwürdige Rede hielt, die unter dem Titel „Gehrig’s Farewell“ berühmt wurde.
Die Legende Lou Gehrig
Der Sohn deutscher Einwanderer, der eigentlich Ludwig Heinrich hieß, litt an der unheilbaren Muskel- und Nervenkrankheit, die noch heute Lou-Gehrig-Syndrom genannt wird. Er sagte nicht viel. Aber einer jener denkwürdigen Sätze, den die Wochenschau damals einfing, klingt in vielen Besuchern noch nach, wenn sie auf die leeren Ränge und das trichterförmige Spielfeld hinunterschauen.
„Ich betrachte mich als den glücklichsten Menschen auf der Erde“, sagte Gehrig. Zwei Jahre später war er tot. Der Mann, der mehr als 2000 Spiele nacheinander im Yankees-Trikot abgeliefert hatte und unverwüstlich schien, wurde nur 37 Jahre alt.
Auch Football, Päpste und Pelé erwiesen dem Yankee Stadium die Ehre
Doch wenn die Rede auf das Yankee Stadium kommt, werden nicht nur Erinnerungen an Baseballspieler wach. Es ist auch das Stadion, in dem Max Schmeling zweimal gegen Joe Louis boxte und in dem er beim Rückkampf um den WM-Titel 1938 vor 70 000 Zuschauern bereits in der ersten Runde k. o. ging.
Es ist die Arena, in der Pelé in den siebziger Jahren zum ersten Mal für Cosmos New York kickte. In der jahrelang Football-Begegnungen der New York Giants stattfanden und an der im Laufe der Zeit mehrere Päpste auf ihrer Durchreise Messen zelebrierten. Und es ist der Ort, dem der Schriftsteller John Updike mit seinem Gedicht „Tao in the Yankee Stadium Bleachers“ ein poetisches Denkmal setzte.
Neue Arena gleich nebenan
Der Abriss ruft denn auch bei manchen eine gewisse Wehmut hervor. Man sieht nicht gerne ein Denkmal der Architekturgeschichte verschwinden, nur weil es als Nutzbau nach 85 Jahren seine beste Zeit hinter sich hat. Zumal der Ersatz, den die Yankees im kommenden Jahr gleich nebenan beziehen werden, eine 1,3 Milliarden Dollar teure Nachempfindung des kesselförmigen Klotzes, keinerlei Patina aufweist.
Die Ausstrahlung der alten Arena wird sich nicht übertragen lassen. Auch wenn Yankees-Kapitän Derek Jeter jüngst witzelte: „Es sind doch nur 100 Meter. Das ist nicht so weit für die alten Geister, um mit umzuziehen.“
Trikot der Rivalen im Fundament
Doch nicht alle Geister dürfen auch hinein. So scheute das Yankees-Management im Frühjahr keine Kosten und Mühen, um mit Presslufthammern ein Trikot des Erzrivalen Boston Red Sox aus dem frisch gegossenen Fundament des New Yankee Stadium herausbohren zu lassen.
Das Kleidungsstück hatte ein vorwitziger Bauarbeiter in den nassen Beton geworfen, um so etwas wie einen Fluch über die Mannschaft zu bringen, und anschließend Freunden davon erzählt. Für den Klub war die Sache klar: Wer sich vor dem Übersinnlichen ins Unvermeidliche fügt, hat bereits verloren. Das schmuddelige Hemd wurde inzwischen zugunsten eines karitativen Zwecks versteigert.
„Das Yankee Stadium ist monumental“
Ein Teil der Geschichte wird allerdings auf jeden Fall umgetopft. Und zwar ganz ordentlich und nach Plan. Dabei handelt es sich um jene Sammlung von Bronzetafeln, die zurzeit noch in einer Ecke hinter dem Outfield des alten Stadions stehen. Die Galerie heißt Monument Park und ist ein Beispiel dafür, wie man in den Vereinigten Staaten die Sehnsucht nach der Vergangenheit bedient.
Dort werden Babe Ruth, Lou Gehrig, Joe DiMaggio, Mickey Mantle und all die anderen Figuren noch einmal in Erinnerung gerufen, die den Mythos des Stadions begründeten, das der Architektin Janet Marie Smith, die in Boston die älteste noch genutzte Arena restauriert hat, immer viel Respekt abgenötigt hat. „Das Yankee Stadium ist monumental“, sagt sie. „Alles daran ist monumental. Die Fassade, die Größe. Das Stadion beschwört ein donnerndes Image herauf.“
Und weil das so ist, prophezeien Fachleute schon jetzt, dass all die Objekte, die vor dem Abriss unter den Hammer kommen, enorme Preise erzielen werden. Allein das große Plakat mit dem Zitat von Joe DiMaggio im Wandelgang außerhalb der Umkleidekabine – „I’d like to thank the good lord for making me a Yankee“ („Ich möchte mich beim guten Gott bedanken, dass er mich zu einem Yankee gemacht hat“) – dürfte für mehr als 5000 Dollar weggehen.