09.07.2008 · In einer kleinen Turnhalle in Frankfurt-Sossenheim erwartet man nicht unbedingt Jugendliche, die etablierten Größen des amerikanischen Showgeschäfts nacheifern. Doch „Stingray“, 17, und „Firefly“ träumen davon, Wrestler zu werden - wie die skandalerprobten Profis aus Amerika.
Von Til Huber„Stingray“ kommt jetzt richtig in Fahrt. Der kleine Kämpfer kniet auf dem Holzboden des Rings, die Augen zu drohenden Schlitzen zusammengezogen, und richtet den ausgestreckten Zeigefinger auf einen jungen Mann, der an einem der Gummiseile lehnt. „Du bist mein nächstes Opfer“, soll das wohl heißen. Zögerlich betritt der Auserwählte den Ring und wird sofort mit einem Tritt in den Magen begrüßt.
Dann rennt „Stingray“ rückwärts in die drei gespannten Seile, lässt sich von dort in den Ring katapultieren, springt in die Luft und reißt den jungen Mann, der sich scheinbar noch vor Schmerzen krümmt, mit einem Scherenschlag seiner Beine nieder. Ein lauter Knall tönt durch die Halle, als die beiden auf der Matte aufprallen, die Holzbalken darunter vibrieren. Der Gegner richtet sich mühsam wieder auf - und das nächste Opfer kommt an die Reihe.
Rockmusik, Schreien, Stöhnen
Der spektakuläre Tritt sei ein „Scissors-Kick“, sagt der 17 Jahre alte „Stingray“. Allerdings hat er seinen Gegner nicht tatsächlich mit voller Wucht getroffen, sondern den Tritt nur echt aussehen lassen; mehrere hundert Mal übte er, bis er die Aktion beherrschte. Der Schüler mit den strubbeligen, blondierten Haaren, dessen Kampfname auf deutsch „Stachelrochen“ bedeutet, ist einer von mehr als 20 Wrestling-Kämpfern, die in der Halle der SG Sossenheim trainieren.
Vor etwas mehr als zwei Jahren richtete der Verein für das aus Amerika stammende Show-Prügeln eine eigene Abteilung ein - als einziger in Hessen überhaupt. Neben dem Ring, der in einem Meter Höhe in der Mitte des Raumes steht, liegen blaue Weichböden, auf denen die Wrestler sich gegenseitig mit Schreien und Stöhnen durch die Luft katapultieren. Dazu dröhnt Rockmusik aus Lautsprecherboxen.
Eine Mischung aus Kampfsport und Seifenoper
Hier in der kleinen Sporthalle, in der Sprossenleitern an der Wand und Turnringe von der Decke hängen, können die Jugendlichen ihren Fernseh-Idolen aus Amerika nacheifern. In den Vereinigten Staaten gehen mehrmals in der Woche Männer und Frauen auf groß inszenierten Veranstaltungen mit möglichst spektakulären Sprüngen, Tritten und Griffen aufeinander los - einschließlich meterhoher Salti vom Ringseil -, die Namen wie „Powerbomb“ oder „Flying Body-Press“ haben.
Allerdings werden Tritte und Schläge auch dort lediglich angedeutet, sollen nur für das Publikum echt aussehen. Das Spektakel ist eine Mischung aus Kampfsport, Akrobatik und Seifenoper. Denn nicht nur die Angriffe müssen realistisch wirken, sondern auch Schmerzen, Wut und Empörung. Dabei pflegt jeder Kämpfer mit Verkleidung sein eigenes Image - untermalt durch Schminke, Gesichtsmasken oder bizarre Haarschnitte.
„Stingrays“ bürgerlicher Name bleibt geheim
Vor allem wenn vermeintlich grimmige und fiese Typen gegen sympathische Saubermänner antreten, reißt es das Publikum aus den Sitzen. Die erfolgreichsten Wrestling-Veranstaltungen in Übersee füllen Hallen mit Zehntausenden Plätzen; die Fernsehübertragungen erreichen Millionen von Zuschauern weltweit - ein einträgliches Geschäft für die größten Veranstalter der Branche. Und die bekanntesten Kämpfer sind hochbezahlte Stars, die allerdings nicht unter ihren bürgerlichen Namen auftreten, sondern sich „Undertaker“ (Totengräber), „Triple H“, „Big Show“ oder „Hulk Hogan“ nennen lassen.
Auch der Sossenheimer Wrestling-Nachwuchs möchte nicht mit tatsächlichen Namen in der Zeitung stehen. „Stingray“ erzählt immerhin, dass er nach den Ferien in die zwölfte Klasse gehen wird. Wenn alles nach Plan läuft, macht er im kommenden Jahr sein Fachabitur. Danach wolle er Informatik studieren, sagt der Jugendliche. Vor zwei Jahren hat er mit dem Wrestling angefangen.
Die Mutter Fan von „Hulk Hogan“, der Vater mag den „Undertaker“
Davor hatte er das Kampfspektakel nur im Fernsehen verfolgt und auf dem Computer gespielt. Seine Eltern unterstützten das brutal anmutende Hobby, sagt der Schüler. „Die sehen sich das ja selbst an.“ Seine Mutter sei Fan von „Hulk Hogan“, sein Vater möge den „Undertaker“ besonders. So wie die beiden amerikanischen Stars treten auch die Sossenheimer Wrestler bei Shows auf. Als „New Generation Wrestling“ organisiert die Vereinsabteilung mehrere Veranstaltungen im Jahr, zu denen rund 140 Zuschauer kommen.
„Zwischen Ansehen und Machen ist beim Wrestling ein riesiger Unterschied“, sagt Trainer Sascha Döberin, während neben ihm gerade ein schmächtiger Junge in die Luft gestemmt und zu Boden geschmettert wird. Bevor ein Kämpfer sich im Ring stellen dürfe, müsse er ein spezielles Übungsprogramm durchlaufen. Die Kämpfer lernen zum Beispiel Atemtechniken, um die Stürze auf den Rücken aushalten zu können, außerdem üben sie, wie man richtig fällt.
Mit dem Wrestling kann der Verein „etwas Besonderes“ präsentieren
Zum Training gehört aber auch das Feilen an der Mimik und am Auftreten. Die Wrestler sollen den Charakter, den sie im Ring verkörpern, möglichst authentisch darstellen. Wer bei der SG Sossenheim mit dem Wrestling anfangen möchte, sollte mindestens 14 Jahre alt sein. Jüngere hätten einfach nicht die Kraft, meint der 23 Jahre alte Trainer. Er und sein gleichaltriger Kollege haben früher bei einem Verein in Steinbach trainiert; nachdem dieser sie nicht mehr unterstützt hatte, wendeten sie sich an die SG Sossenheim.
Die Vereinsführung ist froh darüber, importierte extra einen speziellen Wrestling-Ring aus Amerika. „Wir erreichen damit eine ganz neue Klientel“, sagt der Vorsitzende Bernd Flade. Die spektakuläre Show sei etwas Besonderes, mit dem sich der Verein auch mal präsentieren könne - auf Sportfesten oder Tagen der offenen Tür. Eine Verherrlichung von Gewalt, die dem Wrestling oft vorgeworfen wird, sieht er in dem Spektakel nicht. Das müsse man ja sonst auch der Karate-Abteilung des Vereins vorwerfen, sagt Flade. „Die Wrestler sind tolle Sportler, die ganz genau wissen, was sie tun.“
Die Schattenseite im Profizirkus: Exzessiver Schmerzmittel-Konsum
Doch auch wenn die akrobatischen Leistungen den Wrestlern inzwischen eine eingefleischte Fan-Szene weit über Nordamerika hinaus beschert haben, sorgt der Sport auch immer wieder für Affären und Skandale. Medien zwischen New York und Los Angeles berichten immer wieder über den exzessiven Schmerzmittel-Konsum der professionellen Kämpfer - von Sucht ist die Rede. Die ständigen Stürze auf den harten Ringboden sind für manchen Profi auf Dauer ohne Medikamente nicht auszuhalten.
Protagonisten der Branche sterben immer wieder auffällig früh an Herzversagen. Für Schlagzeilen sorgte im vergangenen Jahr auch der Tod des amerikanischen Wrestlers Chris Benoit. Er hatte seine Frau und sein Kind sowie danach sich selbst getötet. Im Nachhinein stellten Ärzte bei dem Mann schwere Hirnschäden fest, die womöglich von Gehirnerschütterungen herrührten, die er sich während seiner Kämpfe zugezogen hatte.
Eines ist klar: Wrestling ist anders als Golf
Diese Schlagzeilen kennen auch die Verantwortlichen bei der SG Sossenheim. Allerdings sei das Problem auf den professionellen Sport begrenzt, meint Sascha Döberin. „Die trainieren jeden Tag, wir trainieren einmal in der Woche“, sagt er. Das sei ein riesiger Unterschied. Ähnliche Gefahren bestünden in anderen Sportarten ganz genauso. Aber eines sei auch klar: „Wrestling ist natürlich etwas anderes, als über den Golfplatz zu laufen.“
Auch „Stingray“ sagt, er kenne die Gefahren des Sports. In der Halle ist Trainingspause, und der Schüler nimmt einen Schluck aus seiner Wasserflasche. Viel länger als zwanzig Jahre könne man das wohl nicht machen. Ob er trotzdem von einer Karriere als professioneller Wrestler träume? „Klar, das tun doch viele hier“, sagt der junge Mann. Fragt sich nur, ob man ihm das wünschen soll.