23.12.2011 · Boxen und Gutes tun: Die Stiftung von Wladimir und Witali Klitschko sammelt jede Menge Geld für Kinder und Jugendliche in der Ukraine. Es gibt noch viel zu tun.
Von Hartmut Scherzer, KiewWladimir Klitschko liebt die Kunst. Wenn der Champion des Schwergewichts in New York weilt, boxt er nicht nur im Madison Square Garden, sondern besucht auch das Museum of Modern Art oder das Guggenheim Museum. Gemälde und Skulpturen sind für ihn „Massage für das Auge, für den Geist, für die Seele“. In seiner Heimatstadt Kiew interessiert sich der Faustkämpfer für Ausstellungen ukrainischer Künstler in der Pinchuk Art Gallery.
Der Maler Alexander Krilow hatte die Idee, Klitschko malen zu lassen - mit Boxhandschuhen. In Krilows Atelier beschmierte Klitschko die Fäustlinge mit verschwommenem Blau und grünstichigem Gelb. Er schlug Serien gegen eine Leinwand wie auf einen Sandsack. Fertig war das Erstlingswerk abstrakter Malerei. Weil sich am Abend seines Maldebüts der Mond so romantisch im Wasser des Dnjepr spiegelte, gab der Boxer dem Bild den Namen „Moon“. An eine Mondlandschaft erinnern auch die vermischten Abdrucke der Faustschläge. „Das Bild kannst du verkaufen“, sagte Krilow begeistert. Tatsächlich: Auf der ersten Auktion der „Klitschko Brothers Foundation“ wurde „Moon“ für sage und schreibe 55.000 Euro versteigert. Seitdem frönt Wladimir Klitschko neben der Zauberei einem zweiten künstlerischen Hobby.
Der Preis für „Moon“ war ein vergleichsweise bescheidener Ertrag beim Galadinner in einem Fünfsternehotel der ukrainischen Hauptstadt vor einem Jahr. Das Privileg, beim „Walk-in“ im rotgekleideten Klitschko-Team Wladimir zum Kampf gegen David Haye in den Ring zu begleiten und einen seiner Weltmeistergürtel in die Höhe zu halten, war Marina Surkis 350.000 Euro wert. Wer kann sich das leisten? Die Tochter des Präsidenten von Dynamo Kiew und Managerin der Marketing-Agentur des ukrainischen Fußballverbandes.
„Die Auktion damals hat 880.000 Euro eingebracht“, sagt Anna Starostenko stolz. Sie ist seit sechs Jahren die starke Frau hinter den starken Brüdern. Sie leitet als Geschäftsführerin die Stiftung, hatte zuvor vier Jahre in Frankfurt (Oder) an der Europa-Universität Viadrina Germanistik und Internationale Beziehungen studiert, besitzt den „Master“ in Kulturwissenschaft, spricht fließend Deutsch und Englisch. Mit Menschen dieses Profils umgeben sich die Klitschkos bei ihren Aktivitäten außerhalb des Rings, sei es bei ihren Wohltätigkeiten oder in Witalis Partei Udar. Anna Starostenko, jünger als ihre beiden Chefs, zählt auf, was unter anderem noch versteigert wurde: eine Gitarre der deutschen Rockband Scorpions (für 230.000 Euro), der musikalischen Entertainer des Abends; ein von dem ehemaligen Model Natalie Klitschko, heute Mutter von drei Kindern, entworfenes Kleid; ein Golf-Wochenende mit Wladimir auf Mallorca; ein Tennistag mit Boris Becker.
Die Klitschko-Stiftung, mit Kampfbörsen als Startkapital 2003 gegründet und auch heute noch von den Boxbrüdern mitfinanziert, residiert standesgemäß im „Parus“ (Segel). So heißt das Kiewer Business Center, weil der 156 Meter hohe Glasturm, einen Meter höher als die Frankfurter Türme der Deutschen Bank, in seiner Form einem Schiffssegel ähnelt. Autosalons flankieren den Eingang. Die teuersten Modelle von Rolls-Royce, Lexus und BMW demonstrieren den Status der Mieter. Vor den sechs Fahrstühlen herrscht morgens zu Bürobeginn ein Gedränge wie auf einem U-Bahnhof in Tokio. 34 Etagen wollen mit Managern und Angestellten gefüllt sein.
Die Klitschko-Stiftung im sechsten Stock ist ein Außenseiter unter all den Geschäftemachern des Hauses. Es ist das Anliegen der wohltätigen Institution, jede Menge Geld auszugeben, für Kinder, Jugendliche und Studenten der Ukraine. Nach dem Motto, wie es Wladimir Klitschko formuliert: „Wenn du in deinem Leben das Glück hattest, erfolgreich zu sein, dann tue etwas für andere, helfe den Bedürftigen. Mein Bruder und ich befolgen dieses Prinzip.“
Im Großraumbüro, sieben jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten hier, ist eine Wand kreuz und quer mit schwarzen Strichen und Flecken verziert. Abstrakte Malerei von den Fäusten Wladimir Klitschkos. Anna Starostenko führt durch die Büroetage und erzählt dabei von den Wohltaten. „Für die 880.000 Euro haben wir sechs Sportstätten für Kinder und Jugendliche gebaut oder renoviert.“ Beim Rundgang erinnert kein Foto, kein Plakat, kein Gürtel daran, dass die Regenten des Schwergewichts die Hausherren sind. „Hier werden Sie kaum Sportliches finden.“ Stattdessen symbolisiert ein Bild des Malers Xonvy Bitak den sozialen Geist der Räume: Auf einem stillgelegten Gleis sitzt apathisch ein alter Mann mit einem Stock. Neben ihm steht teilnahmslos eine alte Bäuerin. Armut auf dem Lande.
Im voluminösen Büro der Brüder ist leicht auszumachen, welcher der beiden massiven Schreibtische aus edlem Holz wem gehört. Wladimirs ist leer, Witalis vollgepackt. Wladimir ist Künstler. Witali ist Politiker. Stiftung und Partei hätten zwar die gleiche soziale Mission, aber mit unterschiedlichen Instrumenten, sagt die Chefin. „Den Menschen in der Ukraine soll es besser gehen, vor allem Kinder und Jugendliche sollen eine Perspektive erhalten.“
Witali Klitschko als Vorsitzender der von ihm gegründeten Partei UDAR führt bereits Wahlkampf für die im Oktober 2012 anstehenden Parlamentswahlen. Mit einem Konvoi aus vier schwarzen Limousinen braust der Volksheld schon jetzt durch die Weite der Ukraine bis in die äußersten Winkel des großflächigen Landes, um seine Botschaft von europäischen, demokratischen Werten zu vermitteln. „Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob du als populärer Sportler gefeiert wirst oder ob du als professioneller Politiker die Menschen überzeugen musst“, sagt Witali Klitschko. Zwischendurch boxt er am 18. Februar in München gegen den Engländer Dereck Chisora. „Das Trainingscamp ist reiner Urlaub vom politischen Stress.“
Die Stiftung hat es mit ihren Hilfsprojekten einfacher als die Partei. 99 Kinderspielplätze wurden in der ganzen Ukraine bereits errichtet. „Wir freuen uns auf die Nummer hundert“, sagt Anna Starostenko. Sechs Boxgyms für Schulkinder wurden modernisiert. An über hundert Studenten hat die „Klitschko Brothers Foundation“ Stipendien vergeben. Waisenkinder werden im Sommer in zweiwöchigen Camps auf der Krim unter Anleitung von Fachlehrern betreut, um zu lernen, wie man kommuniziert und selbstbewusst wird. Mit gemalten und geschriebenen Ideen, was sie selbst zum Umweltschutz und für eine gesunde Gesellschaft beitragen können, sollen sich Kinder und Jugendliche um die Zuwendung der Stiftung bewerben. Es gibt viel zu tun.