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Wladimir Klitschko im Gespräch „Ich war in der größten Tiefe des Boxsports“

07.07.2007 ·  Vor drei Jahren musste Wladimir Klitschko gegen Lamon Brewster seine bitterste Niederlage hinnehmen. An diesem Samstag treffen sich beide zur Revanche. Zuvor spricht Klitschko über seinen Kollaps in Las Vegas und den mühsamen Weg zurück an die Spitze.

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Vor drei Jahren musste Wladimir Klitschko gegen Lamon Brewster seine bitterste Niederlage im Boxring hinnehmen. An diesem Samstag stehen sich beide in Köln zur Revanche gegenüber. Zuvor spricht Klitschko über seinen damaligen Kollaps in Las Vegas, den mühsamen Weg zurück an die Spitze und die Aussichten für den Rückkampf gegen Brewster.

Gegen Lamon Brewster haben Sie vor drei Jahren Ihre bitterste Niederlage erlitten. Mit welchen Gefühlen gehen Sie da am Samstag in der Kölnarena in die Revanche?

Mit klarem Kopf und kaltem Herz. Ich freue mich, dass Brewster mein Angebot akzeptiert hat. Aber es gibt keine Emotionen. Ich werde die Vergangenheit nicht in meinem Kopf haben. Die Tür zu diesem Zimmer ist abgeschlossen. Ich möchte nicht mehr in dieses Zimmer gehen. Die Vergangenheit ist Vergangenheit. Sie ist nur für die Medien und die Zuschauer noch interessant und spannend. Für mich geht es nur um einen Boxkampf, um die Umsetzung meiner Vorbereitung. Wenn ich das schaffe, bin ich zufrieden. Die Vergangenheit spielt keine Rolle.

Dennoch kommen Sie nicht darum herum, Ihren merkwürdigen Kollaps vor drei Jahren zu erklären. Von Verschwörung war damals die Rede.

Das möchte ich nicht kommentieren. Der Kommentar würde in eine Sackgasse führen. Ich habe nichts in den Händen, um etwas zu belegen. Ich hatte schon nach der zweiten Runde Mühe, vom Stuhl aufzustehen. Als wäre ich festgeklebt. Nach dem Kampf habe ich mir wirklich Sorgen um meine Gesundheit gemacht. Ich dachte, ich hätte Zucker. Gott sei Dank war das nicht der Fall. Ich bin kerngesund. Das war das Wichtigste für mich.

Ihre Karriere schien zu Ende.

Die Niederlage hat mich in die größte Tiefe des Boxsports geworfen. Dort habe ich mich total unwohl gefühlt. Das ist nicht mein Bereich. Ich weiß, dass ich besser bin. Der Weg zurück stand für mich außer Frage. Trotz der bitteren Niederlage. Mein sportliches Image hat darunter gelitten und leidet immer noch. Man denkt, ich bin „dead man walking“, habe ein Glaskinn, keinen Mut, kein Herz. Diese Vorstellung haben auch meine Gegner von mir. Das ist ganz gut. Im Ring merken sie dann, dass ich ganz anders bin.

Ihre Gegner hatten also fortan keinen Respekt mehr vor Ihnen?

Vor dem Brewster-Kampf habe ich gespürt, wie sie zittern und sich nur um ihre Verteidigung bemüht haben. Sie waren sehr nervös. Nach dem Brewster-Kampf habe ich gemerkt, wie sie mich auf die leichte Schulter nehmen. Vor dem Kampf gegen Samuel Peters kamen die Jungs ins Trainingslager in den Pocano Mountains und haben getönt: Jetzt wirst du ordentlich vermöbelt. Samuel Peter hat ohne jeglichen Respekt vor mir gestanden und dann verloren. Seitdem spüre ich: Die alten Zeiten kommen zurück. Die Gegner werden wieder vorsichtiger. Das gefällt mir eigentlich nicht. Das erschwert meine Aufgabe. Es ist viel besser und macht es leichter, wenn du unterschätzt wirst. Nun ist es viel schwerer, einen Gegner auszuknocken, wenn er nur defensiv boxt, als wenn er ohne Angst nur offensiv nach vorne marschiert.

Was von Brewster wohl zu erwarten ist.

Das macht seine Verteidigung anfällig. Er ist leichter zu treffen als ein Chris Byrd oder Calvin Brock, die mischen konnten zwischen Defensive und Offensive. Brewster boxt komplett offensiv. Er achtet wenig auf die Deckung. Ich bezweifle daher, dass der Kampf über die volle Distanz gehen wird. Ich habe eine klare Vision, dass der Kampf früher enden wird. Das ist mein Gefühl. Und meistens stimmt mein Gefühl dann mit dem Ergebnis überein.

Das klingt fast wie Unterschätzung Ihres Gegners, der ein Jahr lang wegen einer schweren Augenverletzung, der Ablösung der Netzhaut, nicht gekämpft hat.

Er hat vom Arzt ein klares Okay bekommen. Die Sache ist geklärt. Sie spielt für mich keine Rolle. Er ist gesund. Ich respektiere meinen Gegner. Ich werde Brewster auf keinen Fall unterschätzen. Im Gegenteil: Ich bin ganz auf ihn fokussiert und schlafe mit dem Gedanken an ihn ein. Ich weiß, dass er ein großes Herz hat, einen riesigen Willen und wie wichtig dieser Kampf auch für ihn ist. Er wird in einer Superform sein. Er kann angeschlagen sein und kommt immer wieder zurück. Ich weiß, dass ich gegen ihn hundert Prozent geben muss, nicht 110, denn dann wäre ich übertrainiert, nicht 90, dann wäre es nicht genug. Es müssen genau 100 Prozent sein.

Man hat im Sparring gesehen, wie Sie immer wieder die rechte Faust zur rechten Gesichtshälfte hochziehen. Die Schutzmaßnahme gegen Brewsters so gefährlichen linken Haken?

Es überrascht mich, dass so etwas aufgefallen ist. Die Defensive ist schon wichtig. Doch das Beste ist die eigene Attacke. Es heißt doch: Angriff ist die beste Verteidigung. Jeder Boxer hat schwache Seiten. Wenn man sich ihre Kämpfe auf Videos anschaut, entdeckt man die Schwachpunkte. Die versuchen wir zu nutzen. Brewster hat genug schwache Stellen. Die sind uns bekannt. Darauf haben wir hingearbeitet. Das Training schreibt die Noten, und dann spielt man die Musik im Kampf. Es macht mir wahnsinnigen Spaß, das umzusetzen. Das ist wie ein Puzzle, dafür die richtigen Stücke zu finden. Das ist Kreativität.

Liefen deswegen während Ihres Trainings auf vier Monitoren unentwegt Videos von Brewster-Kämpfen?

Das gehört zu Emanuel Stewards Trainingsmethode. Ich finde es gut, wenn man sich diese Kämpfe nicht nur im Zimmer anschaut. Da stehe ich nach einer Stunde auf und schalte Brewster ab. In der Trainingshalle habe ich ihn ständig, von morgens bis abends, vor Augen. Ich sehe seine Kämpfe hundertmal und entdecke immer wieder neue Dinge, die ich vorher nicht gesehen habe. Wir machten nicht nur Videoanalysen von ihm. Jedes Sparring von mir wurde aufgezeichnet. Danach machten wir eine Analyse über meine eigenen Bewegungen, was ich falsch gemacht habe, verglichen es mit dem Vortag. Dann sieht man genau, wo man sich umstellen und was man anders machen muss. Wenn Emanuel mir die Bandagen wickelte, wenn ich Schatten boxte und Gymnastik machte, habe ich immer Blicke auf einen Bildschirm geworfen. Beim Schattenboxen stellte ich mir Brewster vor. Ich kenne jeden seiner Bewegungsabläufe. Ein Brewster wird niemals mit dem Stil eines Chris Byrd boxen. Brewster hat Limits. Seine Gefährlichkeit kann man gut abblocken. Videos spielen daher eine sehr wichtige Rolle.

Hatten Sie Ihr Training für diesen speziellen Kampf umgestellt?

Es ist immer das Gleiche. Wir haben das Programm durchgezogen. Es gab keine großen Veränderungen. Es waren immer nur kleine Verbesserungen. Wir haben schon viel verbessert, und es wird dann immer schwieriger, was man noch besser machen kann. Die Zeit der Vorbereitung beim Stanglwirt in dieser wunderbaren Natur am Wilden Kaiser ist schnell vergangen. Die Natur kann viel Kraft geben. Es war Spaß und keine Quälerei. Training ist für mich kreative Kunstarbeit geworden. Kleinigkeiten können eine entscheidende Rolle in einem Kampf spielen. Im Sparring geht es nicht darum, den Partner auseinanderzunehmen, sondern darum, an einem Tag ein, zwei Dinge auszuprobieren. Am nächsten Tag wurde dann etwas anderes gemacht. Es kam immer noch etwas Neues hinzu. Deswegen gefällt mir diese Sparringsphase. Da bin ich nicht gelangweilt wie vorher bei den kilometerlangen Läufen und dem harten Konditionstraining.

Gehört auch die Badehose neuerdings zur Trainingskluft?

Schwimmen ist ein guter Ausgleich. Ich mag Wasser. Surfen mehr als Schwimmen. Aber Schwimmen ist Teil des Trainings geworden. Am Wilden Kaiser bin ich in den Badesee gesprungen, das kalte Wasser hat mich sofort viel jünger gemacht. Schwimmen ist Entlastung nach dem Boxen. Seit zwei Jahren, mittwochs und samstags, mache ich zwischendurch etwas anderes als nur Boxtraining. Ich bin auch auf den Wilden Kaiser gewandert. Das war Supertraining. Auch beim Gehen geht der Puls hoch. Ich habe die Ruhe in den Bergen genossen und abgeschaltet vom boxerischen Fokus. Ich spürte den Touch zur Natur.

Sie gelten als der Beste der vier Champions der großen Organisationen.

Das interessiert mich nicht. Ich fühle, dass ich meine beste Zeit noch vor mir habe. Ich bin noch nicht auf der Spitze. Ich sehe mich noch nicht dort, wo ich sein will. Obwohl ich schon seit elf Jahren Berufsboxer bin und über fünfzig Kämpfe bestritten habe, bin ich immer noch jung. Ich bin keine 41, sondern 31. In diesem Alter fängt die beste Zeit im Schwergewicht erst an. Boxen hat aber auch viel mit Erfahrung zu tun. Die habe ich. Die kann man nicht im Geschäft kaufen.

Die Erfahrung einer Revanche aber haben Sie noch nicht.

Daran denke ich nicht. Ich habe nur eine Sache im Kopf: diesen Kampf zu gewinnen. Es gilt, eine Aufgabe zu erledigen. Und das macht mir Spaß.

Aufgezeichnet von Hartmut Scherzer.

Quelle: F.A.Z., 07.07.2007, Nr. 155 / Seite 38
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