Home
http://www.faz.net/-gub-10o2m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Witali Klitschko ist wieder Weltmeister „Brüderchen, wir haben Geschichte geschrieben“

12.10.2008 ·  Don King fühlte sich gleich an Ali erinnert, so beeindruckend war das Comeback des Witali Klitschko gegen Samuel Peter. Jetzt will er weiter träumen - weil er gegen Bruder Wladimir nie kämpfen wird, kann der nächste Gegner nur Nikolai Walujew heißen.

Von Hartmut Scherzer, Berlin
Artikel Bilder (10) Lesermeinungen (2)

Welcher Mensch hat nicht schon einmal davon geträumt, die Zeit um Jahre zurückzudrehen, aber das Wissen, die Erfahrung und die Reife von heute mit in die Vergangenheit zu nehmen? Witali Klitschko hat diese Wunschvorstellung verwirklicht.

Vier Jahre nach seinem Rücktritt, geplagt von schweren Verletzungen, Kreuzbandrissen wie Bandscheibenvorfälle, ist der 2,02 Meter große Hüne aus der Ukraine mit 37 Jahren in den Ring zurückgekehrt, als wäre die Zeit stehen geblieben. Den aktuellen Weltmeister im Schwergewicht der Organisation World Boxing Council (WBC), den neun Jahre jüngeren Nigerianer Samuel Peter, verprügelte, zermürbte, deklassierte und demoralisierte der vor Selbstbewusstsein strotzende Rückkehrer mit seinem unorthodoxen Kampfstil derart, dass der Afrikaner, der sich „The Nigerian Nightmare“, nennt, der nigerianische Albtraum, zur neunten Runde nicht mehr antrat.

Gottvertrauen kapituliert vor urwüchsiger Kraft

Sein Trainer Stacy McKinley und sein Manager Ivaylo Gotzew wollten ihrem hoffnungslos unterlegenen und völlig chancenlosen Boxer weitere, gesundheitsschädigende Schläge ersparen. Eine anerkennenswert verantwortungsvolle Entscheidung, auch wenn sie Witali Klitschko um das Spektaktel des klassischen K.o. brachte, der in den beiden folgenden Runden wohl unvermeidlich gewesen wäre.

Mit zweimal 72:80 und einmal 73:79 Punkten lag der Titelverteidiger nach der achten Runde unaufholbar im Hintertreffen. Und einen „lucky punch“ war dem windelweich geprügelten Samuel Peter gegen diesen nach Belieben treffenden Dominator des Rings wahrlich nicht zuzutrauen. Das Gottvertrauen, das Samuel Peter auf seinem weißen Bademantel in den Ring getragen hatte, „The joy of the Lord is my strength. Halleluja“, kapitulierte vor der urwüchsigen irdischen Kraft des älteren Klitschko. (siehe auch: Peter gegen Klitschko: Schlagfertig im Feindesland)

Es fehlt noch der Gürtel mit dem Kürzel der WBA

Nun hat sich zwölf Jahre nach ihrem gemeinsamen Übertritt zu den Berufsboxern der sehnliche Familientraum endlich erfüllt. Wladimir (32) und Witali (37) sind gleichzeitig Weltmeister, was die Vielzahl der Drei-Buchstaben-Titel heutzutage ermöglicht, obwohl es nach traditionellem Verständnis eigentlich nur einen Champion geben kann.

Nur ein Bruderkampf, den es niemals geben wird, könnte die Frage nach dem einzig wahren Weltmeister klären. Auf der Pressekonferenz weit nach Mitternacht im neuen Berliner Prunkpalast „O2-World“ legte Witali liebevoll den Arm um Wladimir: „Brüderchen, wir haben Geschichte geschrieben.“ (siehe auch: Witali Klitschko: „Ich möchte nicht von Wladimir verprügelt werden“) Dabei sah er aus, als käme er vom Golf und nicht aus dem Ring. Vor ihnen waren auf dem Tisch die bombastischen Gürtel aufgereiht mit den Insignien IBF, WBO und - als unbedeutendes Anhängsel - IBO aus Wladimirs Sammlung und als neues Stück Witalis WBC-Schmuckstück. Fehlte nur noch der Gürtel mit den Buchstaben WBA des aktuellen Weltmeisters dieses Verbandes, Nikolai Walujew.

Kämpft der ukrainische Hüne nun gegen den russischen Riesen?

Womit der Kampf in den Fokus rückt, denn alle Welt nun sehen möchte: Der russische Riese (2,13 Meter) gegen den ukrainischen Hünen (2,02 Meter). Das andere ukrainisch-russische Duell steht bereits fest. Am 13. Dezember muss Wladimir Klitschko seine Titel gegen Alexander Powetkin verteidigen, gegen den unbesiegten Olympiasieger von Athen.

„Zwei Brüder, ein Traum, Geschichte schreiben.“ Mit diesem Motto war Klitschko unter dem Jubel der 15.000 Zuschauer zum Comeback angetreten. Der bullige Peter war zwar 18 Zentimeter kleiner, aber mit 115 Kilo drei schwerer als der „champion emeritus“, ein Status des Ruheständlers, weil er den Titel nicht im Ring verloren, sondern freiwillig zurückgegeben hatte.

„In dieser Nacht war Witali Ali“

Anders als früher, baumelten nun beide Fäuste Klitschkos über den Oberschenkel. Er verzichtete auf jegliche Deckung, sondern vertraute auf seine Reflexe gegen den schwerfälligen Gegner mit den zu kurzen Armen. „Ich bin lockerer als früher, nicht mehr so angespannt“, nannte er den Unterschied. Jeden Versuch des Angriffs bestrafte Witali Klitschke von der ersten Runde an mit peitschenden linken Haken wie Backpfeifen und Geraden, die er vom Knie ins breite Gesicht Peters katapultierte.

Provozierend streckte Klitschko das Kinn nach vorne und frustrierte seinen Gegner von Runde zu Runde immer mehr. Klitschko hatte keine Deckung und war dennoch nicht zu treffen. „In dieser Nacht war Witali Ali, er war Aliiii“, begeisterte sich der Welt mächtigste Impresario, der Herr der Ringe Don King, obwohl Peter sein Mann war, der derart gepeinigt wurde. „Nie und nimmer habe ich geglaubt, dass Witali derart zurückkommen würde. Es war nicht so, dass Peter so schlecht, sondern dass Witali so großartig war. Er hat einen wunderbaren Job gemacht und die Geschichte neu geschrieben.“

Die „Eisenfaust“ hatte nicht mehr die Wirkung von einst

Als Muhammad Ali in den siebziger Jahren mit 38 nach zwei Jahren Pause in den Ring zurückkehrte, erlitt der „Größte“ eine erschütternde Niederlage gegen seinen einstigen Sparringspartner Larry Holmes. Witali Klitschko hat Samuel Peter bereits in der ersten Runden derart verprügelt, dass er ihm sofort den Schneid abkaufte. Nach der vierten Runde machte der die Aufsicht führende WBC mit seinem mexikanischen Präsidenten Jose Suleiman den überlegenen Zwischenstand der drei Punktrichter öffentlich. Dreimal 40:36. „Was für ein Unsinn“, erregte sich Henry Maske über diese neue Methode.

Kaum waren nach der achten Runde abermals die Zwischenwertungen bekannt gegeben worden, signalisierte Peters Sekundanten die Aufgabe. „Witali war boxerisch besser als vor vier Jahren. Er hat gezeigt, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Die Leistung und Taktik waren einmalig“, stellte sein Trainer Fritz Sdunek fest. Strahlte Witali Klitschko bei seinem 36 Sieg (bei zwei Niederlagen wegen Verletzung), dem 35. vorzeitig durch Abbruch, Aufgabe oder K.o., eine so nicht gekannte Souveränität aus, so hatte seine rechte „Eisenfaust“ nicht mehr die vernichtende Wirkung von einst. „Die Schlaghand war nicht so optimal, wie ich mir das vorgestellt habe“, sagte Sdunek.

Traumgestalt Walujew

Sonst hätte Peter diese rechten Treffer kaum weggesteckt. „Er konnte viel nehmen. Meine Hände sind geschwollen“, rühmte Witali Klitschko die Widerstandskraft Samuel Peters, der es vorzog, sein verbeultes Gesicht nicht auf der Pressekonferenz zur Schau zu stellen. „In der nächsten oder übernächsten Runde wäre Peter k.o.-gegangen“, verkündete Witali Klitschko durchaus glaubhaft und sprach davon, „weiter zu träumen, denn ohne Träume ist das Leben langweilig.“ Die Traumgestalt kann nur Nikolai Walujew sein, damit das Schwergewicht künftig nicht mehr Königs-, sondern nur noch Klitschko-Klasse heißt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Improvisieren unter Zeitdruck

Von Michael Ashelm

Die Nationalelf setzt darauf, dass die frustrierten Münchner ihr neuen Anschub geben. Über genug Turniererfahrung und Reife verfügen die Leistungsträger. Zudem ist es ja nicht so, als hätten die Gegner keine Sorgen. Mehr 1