Witali Klitschko im Gespräch über sein Box-Comeback, sein Leben im Stadtrat von Kiew und Wahlmanipulation in der Ukraine.
Ihr Trainer Fritz Sdunek hat erzählt, nach dem Training für das Comeback gegen den WBC-Weltmeister Samuel Peter aus Nigeria am 11. Oktober in Berlin würden Sie sich abends um den „politischen Kram“ kümmern. Worum kümmern Sie sich?
Mein Leben ist nicht nur Boxen. Hier sitzt vor Ihnen ein Sportler und Politiker. Ich telefoniere abends manchmal eine Stunde mit Kiew. Ich habe meine eigene kleine Partei, genannt „Klitschko-Block“, den ich im Stadtrat von Kiew vertrete. Viele junge Leute haben sich dieser Partei angeschlossen und wollen etwas verändern. Sie träumen davon, dass die Ukraine ein Teil von Europa wird. Die Ukraine ist eine junge Demokratie und erst auf dem Weg dahin. Diese jungen Leute arbeiten wie ich alle ehrenamtlich. Nach dem Kampf werde ich nach Kiew zurückkehren. Dann habe ich mehr Sensibilität und Zeit, mich den politischen Aufgaben zu widmen. Ab neun Uhr werde ich dann wieder täglich in Kiew in meinem Büro sein. Vorher, ab sieben Uhr, trainiere ich im Gym.
Wohnen Sie mit Ihrer Frau und den drei Kindern in Kiew oder in Hamburg?
Mal hier, mal dort.
Von der kleinen Partei zur großen Politik in Ihrem Heimatland: Nach dem Georgien-Krieg ist von einem drohenden Übergreifen des Konflikts auf die Ukraine die Rede. Im Brennpunkt steht der russische Flottenstützpunkt im Schwarzen Meer, Sewastopol. Die Hafenstadt liegt auf der zur Ukraine gehörenden Halbinsel Krim. Fast drei Viertel der Krim-Bevölkerung sind ethnische Russen mit ukrainischen Pässen.
Was in Georgien passiert ist, wird in der Ukraine nicht passieren. Das ist nicht unser Konflikt. Die populistischen Prophezeiungen einer bestimmten politischen Richtung, Russland werde als Nächstes die Ukraine angreifen, sind abwegig. Die Situation bei uns ist eine ganz andere. Dennoch muss die Ukraine versuchen, ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Danach muss sich unsere Außenpolitik ausrichten. Wir müssen damit leben, dass Russland unser mächtiger, starker Nachbar ist. Wir dürfen keine großen Schritte, weder nach Osten noch nach Westen machen. Wir müssen die Balance zwischen Amerika und Russland halten, neutral bleiben wie eine Schweiz des Ostens. Wenn wir der Nato beitreten, brächte das viele Nachteile für die Ukraine. Denn wir sind durch die russische Energieversorgung und die wirtschaftlichen Beziehungen sehr eng mit Russland verbunden. Umgekehrt gilt das Gleiche. Es gibt bei uns Radikale, Linke und Rechte. Die Ukraine aber muss die goldene Mitte wählen, und nicht eine extreme Seite.
Innenpolitisch ist die prowestliche Koalition zusammengebrochen. Regierungschefin Julija Timoschenko wirft Präsident Viktor Juschtschenko vor, mit seiner antirussischen Politik die Ukraine in eine Krise gestürzt zu haben.
Das ist ein Machtkampf im Orangenen Lager, an dem ich mich nicht beteilige. Ich bin nicht involviert. Ich bin nicht Mitglied der Partei von Juschtschenko oder der von Timoschenko. Bei der Orangenen Revolution 2004 habe ich gegen Autokratie protestiert und mich für Demokratie in der Ukraine engagiert. Deswegen habe ich Juschtschenko damals unterstützt. Leider vergessen heute die Politiker in diesem Machtkampf die Interessen der Bürger und unseres Landes. Sie sind Egoisten und sehen nur sich selbst.
Ist dieser Machtkampf auch der Hintergrund, warum Sie zum zweiten Mal die Wahl zum Bürgermeister von Kiew verloren haben?
Ich möchte nicht als schlechter Verlierer dastehen. Aber ich habe die Bürgermeisterwahl gewonnen. Leider bestand keine Möglichkeit, das offiziell zu beweisen. Ich halte es mit dem schönen Satz: Es spielt keine Rolle, wie man wählt, sondern viel wichtiger ist, wie man zählt. So ist das. Ich möchte keine schmutzige Wäsche waschen. Diesen Fehler mache ich nicht. Ich habe viel gelernt und werde künftig noch genauer hinschauen und meinen politischen Gegnern keine Chance mehr geben, mit Wahlstimmen zu manipulieren.
Die Niederlage auf der politischen Bühne können Sie nun auf der sportlichen mit einem Sieg gegen Samuel Peter kompensieren. Spüren Sie keine Nachwirkungen all der vielen und schweren Verletzungen, die Sie vor zwei Jahren zum Rücktritt veranlassten? Ein Bandscheibenvorfall hat vor einem Jahr Ihr Comeback platzen lassen, wenige Tage vor dem Aufbaukampf gegen Jameel McCline.
Über die Verletzungen rede ich nicht mehr. Nur so viel: Ich bin im Training viel geschwommen und weniger gelaufen. Ich habe sogar Schattenboxen im Wasser gemacht und vorbeugende gymnastische Übungen bewusster und intensiver als früher durchgezogen. Ich schaue optimistisch nach vorn und will zum dritten Mal Weltmeister werden. Erst Herbie Hide, dann Corrie Sanders und nun Samuel Peter. Aller guten Dinge sind drei. Ich fühle mich wohl, bin selbstbewusst, sehr zufrieden und sehe keine Schwierigkeiten für den Kampf, der sicherlich interessant wird. Peter ist jung und aggressiv. Der Kampf gegen Peter war einer der schwierigsten in der Karriere meines Bruders Wladimir. Er war dreimal am Boden, davon zweimal nach regelwidrigen Schlägen, hat aber dennoch deutlich nach Punkten gewonnen. Erkenntnisse daraus sind eine große Hilfe.
Sie sind bereits 37 Jahre alt. Hinter Ihnen liegt eine lange Kampfpause von fast vier Jahren. Sind diese Jahre kein Nachteil?
Auch Lance Armstrong kehrt jetzt mit 37 Jahren zurück. Die Statistik beweist: Im Schwergewicht bringt ein Boxer seine beste Leistung, wenn er über dreißig ist. Entscheidend ist die Erfahrung. Ich habe dazu noch genügend unverbrauchtes, trockenes Pulver. Aber auf keinen Fall werde ich den Altersrekord brechen. Vor dem Comeback Henry Maskes nach zehn Jahren gegen Virgil Hill habe ich gesagt: „Wer weiß, was besser ist: zehn Jahre durchboxen oder zehn Jahre Pause machen.“ Ich habe vier Jahre eine Auszeit gehabt. Ich bin überzeugt, dass mir die Pause gutgetan hat. Aber was zählt, ist nur das Ergebnis des Kampfes.
Wieso dürfen Sie sofort wieder um die Weltmeisterschaft kämpfen?
Es ist ein Kampf zweier Champions, denn ich habe meinen Titel nicht im Ring verloren, sondern verletzungsbedingt freiwillig zurückgegeben. Ich bin der „Champion emeritus“, der Champion im Ruhestand, der nun zurückkehrt und gegen den aktuellen Weltmeister kämpft. Ich bin bereit für zwölf Runden. Aber wenn Peter einen Fehler macht und ich ein Loch in der Verteidigung sehe, werde ich den Kampf so schnell wie möglich beenden. Peter hat Schwächen. Die werden wir nutzen. Dafür haben wir eine Strategie entwickelt. Über seine Schwächen sprechen wir nicht. Die werden sich am 11. Oktober zeigen.
Wie steht Ihre Frau Natalie zu Ihrer Rückkehr in den Ring?
Ich bin kein Macho. Wir haben über mein Comeback diskutiert. Sie macht sich Sorgen. Sie hat Angst vor neuen Verletzungen. Aber das Schlusswort habe ich. Ich entscheide über meine Karriere.
Würden Sie Ihren neunjährigen Sohn Egor-Daniel boxen lassen?
Der Kleine macht Taekwondo. Ich würde ihm Boxen nicht verbieten, denn Boxen entwickelt viele Fähigkeiten für den Geist, den Charakter und den Körper.
Ihr Bruder verteidigt seine IBF/WBO/IBO-Titel am 13. Dezember gegen den offiziellen Herausforderer, den Russen Alexander Powetkin. Ihre Promoterfirma K2 hat den Kampf für mehr als 13 Millionen Dollar ersteigert: damit angesichts der politischen Spannungen Wladimir nicht in Moskau antreten muss, sondern in Kiew boxen kann?
Das ist Sport. Und der Sport stößt an Grenzen. Natürlich würden Rechtsradikale diese Weltmeisterschaft als einen Kampf Ukraine gegen Russland verkaufen. Aber das ist kein politischer Kampf zwischen zwei Nationalitäten. Das ist einfach ein Boxkampf zwischen zwei Sportlern. Ich sage immer wieder: Der Sport muss einen. Egal, wo mein Bruder und ich auch kämpfen, wir sehen mit Freude deutsche Fahnen, russische Fahnen, ukrainische Fahnen. Unsere Fans kommen aus der ganzen Welt. Aber es gibt Leute in der Ukraine, die versuchen, das Land zu spalten. Für sie ist ein Kampf eines Ukrainers gegen einen Russen wie einst in Amerika der Kampf eines Weißen gegen einen Schwarzen. Das ist ein Grund, warum der Kampf Wladimirs gegen Powetkin nicht in Kiew stattfinden wird. Wir wollen die Rechten nicht provozieren.
Es gibt ein anderes sportpolitisches Problem: die Bedenken, ob die Ukraine die Auflagen der Uefa für die Europameisterschaft 2012 zusammen mit Polen erfüllen kann.
Die Euro 2012 wird in der Ukraine stattfinden. Da bin ich mir sicher. Der Verband und jetzt auch die Regierung werden alles dafür tun. Ich habe mich während des Trainingslagers beim Stanglwirt mit Franz Beckenbauer getroffen und mit ihm über Hilfsmöglichkeiten gesprochen. Der DFB sei bereit, uns mit seinem Know-how zu unterstützen.
Wenn Sie gewinnen, erfüllt sich endlich der Traum der Klitschkos: beide gleichzeitig Weltmeister. Die alten Fragen nach dem Bruderkampf und wer ihn gewinnen würde, werden dann wieder gestellt werden.
Von Einstein stammt die Erkenntnis: Phantasie ist besser als Wissen, das begrenzt ist. Also: Wladimir ist zu stark. Ich möchte nicht von ihm verprügelt werden.
Ehrliche Aussagen eines Boxathleten
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 06.10.2008, 16:07 Uhr