18.02.2012 · Witali Klitschko ist für viele Ukrainer ein Volksheld - 2015 könnte er ihr nächster Staatspräsident werden. Der WM-Kampf an diesem Samstagabend gegen Dereck Chisora ist für ihn Wellness während des Wahlkampfs.
Von Hartmut ScherzerWitali Klitschko vergleicht sich mit Muhammad Ali - nicht mit dessen boxtechnischen Fähigkeiten, sondern mit dessen politischer Mission. „Ich kämpfe wie Ali auf der gleichen Plattform für Veränderungen“, sagt er. Ali benutzte einst seine Ausnahmestellung im Boxring für die Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten.
Witali Klitschko stellt seine Popularität in den Dienst der ukrainischen Opposition. Wenn nicht er, wer sonst könnte in dem zweitgrößten europäischen Land mit seinen 45 Millionen Einwohnern politische und gesellschaftliche Reformen herbeiführen? So sieht er sich und seine Aufgabe.
Witali Klitschko pendelt zwischen Weltmeisterschaftskämpfen und Wahlkampf hin und her, zwischen seinem Büro im modernsten Business Center Kiews, „Parus“ (Segel), und dem idyllischen Trainingscamp in Tirol.
Witali Klitschko ist nicht nur ein außergewöhnlicher Boxer, sondern auch ambitionierter Politiker. Der zwei Meter große Athlet ist nicht nur WBC-Weltmeister im Schwergewicht, sondern auch Vorsitzender der von ihm gegründeten Partei UDAR (Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen).
Für den Wahlkämpfer wird eine Weltmeisterschaft zur Wellness. Fünf Wochen Training am Wilden Kaiser, dem Tiroler Skigebiet, wie jetzt vor der Titelverteidigung (WBC-Version) am Samstag in der Münchner Olympiahalle gegen den Briten Dereck Chisora, der ihm am Vortag eine Ohrfeige gab und dafür eine Geldstrafe erhalten soll, seien für ihn „reiner Urlaub“. Hartes Boxtraining als Erholung vom politischen Stress.
Deshalb hat er seinen ursprünglichen Gedanken wieder verworfen, am Jahresende seine sportliche Karriere zu beenden. Weil die Abwechslung ihm guttut, plant der Vierzigjährige seine weitere Boxlaufbahn „von Kampf zu Kampf“. „Im Training kann ich völlig abschalten vom politischen Geschäft“, sagt der Hüne.
Ihn treibt eine klare Vorstellung: „Ich möchte nicht im zwanzigsten Jahr der Unabhängigkeit in der Ukraine gleiche Zustände wie in Weißrussland erleben.“ Ihn entrüstet, dass seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks der Abstand der Entwicklung zwischen der Ukraine und Polen, Nachbar und Mitgastgeber der Fußball-Europameisterschaft 2012, „riesengroß“ ist.
2015 wählt die Ukraine ihren Präsidenten. Seine Kandidatur hat Klitschko zwar noch nicht offiziell bekanntgegeben. „Jetzt darüber zu sprechen, wäre viel zu früh. Erst muss unsere Partei die Unterstützung des Volkes haben“, sagt er. Aber für seine höchsten Ambitionen gibt es Indizien. So hat er den autoritären Staatschef Viktor Janukowitsch bereits deutlich herausgefordert. Das geschah im August 2011, als die Oppositionspolitikerin und ehemalige Ministerpräsidentin Julija Timoschenko verhaftet wurde.
Witali Klitschko unterbrach seine Vorbereitung in Tirol auf die Titelverteidigung gegen den Polen Tomasz Adamek am 10. September in Breslau, flog mit Trainer Fritz Sdunek nach Kiew und bot an, bei einer Freilassung für diese „zarte Frau“, die Ikone der „Revolution in Orange“ von 2004, zu bürgen. Doch sein dramatischer Appell an Janukowitsch bewirkte nichts: Frau Timoschenko wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt.
Witali Klitschko aber ist, wie ihm zugetragen wurde, von der Regierung als „gefährlich“ eingestuft worden. Mit dem Vorwurf, die Politik in der Ukraine werde von Oligarchen bestimmt, hat er die trotz Finanzkrise immer reicher werdenden Wirtschaftsbosse gegen sich aufgebracht. Klitschko räumt daher ein: „Auch ich könnte als Oppositionspolitiker verhaftet werden. Aber ich glaube, das traut sich das Regime dann doch nicht.“
Seit er im April 2010 als Nachfolgerin des „Witali Klitschko Blocks“ die UDAR gegründet hat, ist der Parteivorsitzende ständig unterwegs, um politische Erfahrung zu sammeln. Er hat Jean-Claude Juncker, den luxemburgischen Premierminister und Vorsitzenden der Eurogruppe, getroffen und „über unser Ziel, aus der Ukraine ein modernes Land zu machen“, gesprochen.
Der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton hat ihm den Leitfaden für die politische Rede erklärt: „Du musst die Message klar und einfach zu den Menschen bringen. Sehr viele Politiker sprechen so kompliziert, dass ein normaler Mensch sie nicht mehr versteht.“
Auf dem CDU-Parteitag am 24. November 2011 in Leipzig traf er als „special guest“ Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die UDAR ist Schwesterpartei der CDU und wird von der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt.
Beim Kongress der europäischen konservativen Volksparteien am 7. Dezember 2011 in Marseille mit den Regierungschefs Angela Merkel und Nicolas Sarkozy hörte der westlich orientierte Politneuling aus der Ukraine aufmerksam zu und knüpfte Kontakte.
Zwischen seinen internationalen Treffen braust Witali Klitschko mit einem Konvoi von drei, vier schwarzen, nicht gepanzerten Limousinen auf Wahlkampftournee durch die Weite der Ukraine, bis in die entferntesten Winkel. Im Oktober 2012 sind Parlamentswahlen. Frühzeitig will Klitschko den Ukrainern Botschaft und Programm vermitteln: Europa und Demokratie, Schritthalten mit den Entwicklungen der modernen Welt, soziale und gesellschaftliche Reformen.
Mehr als 10.000 meist junge Mitglieder, davon fast 2000 aktive Mitarbeiter im ganzen Land, zählt die UDAR bereits. Wladimir Klitschko gehört (noch) nicht dazu, weil er sich der strengen Prozedur des Aufnahmeverfahrens bisher verweigert hat. Die Partei des großen Bruders ist nach den Kommunalwahlen im Oktober 2010 in 15 der 24 Regionalparlamente mit mehr als 400 Abgeordneten vertreten. In vier Städten stellt die Klitschko-Partei den Bürgermeister.
Witali Klitschko ist in der Ukraine ein Volksheld. Die Leser der Zeitung „Tochka“ wählten ihn in einer Umfrage zur Nummer eins unter den hundert populärsten und einflussreichsten Persönlichkeiten Kiews.
Die Menschen strömen in Massen, wenn er auftritt - weniger, um seine Wahlreden zu hören, sondern um ihn zu sehen, sein Autogramm oder ein Foto mit ihm zu bekommen. Da werden Wahlveranstaltungen schnell zu Autogrammstunden und Fotoshootings. Es ist ein langer Prozess, bis der populäre Sportler auch als ein anerkannter Politiker vor die Menschen tritt.