19.10.2007 · Die Probleme der Ski-Funktionäre mit ihrem Fernsehvertrag können niemanden kaltlassen. Deutschland ist der wichtigste Markt des Wintersports. Auf Kulanz, Einsicht oder Fairplay darf in diesem Business niemand bauen.
Von Jörg HahnAlles hängt mit allem zusammen. Wenn der Deutsche Skiverband (DSV) Probleme mit seinem Fernsehvertrag hat, kann dies niemanden gleichgültig lassen; nicht die Fernsehzuschauer, nicht den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und die übrigen Sportfachverbände, nicht den Internationalen Skiverband (FIS), nicht deutsche Veranstalter wie Oberstdorf oder Garmisch-Partenkirchen, nicht die werbetreibende Wirtschaft und auch nicht den potentiellen Olympiabewerber München.
Nach bald acht Jahren läuft in Kürze der Fernsehvertrag des DSV mit dem Privatsender RTL aus. Weil RTL sich auf Übertragungen bestimmter herausragender Skispringen kapriziert hatte, wurden alle anderen Veranstaltungen nordischer und alpiner Disziplinen an andere Sender weitergereicht; ARD und ZDF haben in den vergangenen Jahren, zusammen mit Sportarten wie Biathlon, Bob, Rodeln oder Eisschnelllauf, beliebte, quotenstarke Wochenend-Dauersendungen entwickelt. Damit waren alle überaus zufrieden.
Taktische Gründe statt echtes Interesse
Nun wackelt diese Konstruktion, weil der neue Fernsehvertrag des DSV, im Mai mit der Agentur Infront für 2008 bis 2011 geschlossen, noch nicht greifen kann. Offenbar wurde ein Passus falsch eingeschätzt, der dem bisherigen Rechteinhaber RTL einräumt, das beste Angebot eines anderen Senders oder eben einer Agentur wie Infront zu überbieten.
Eher aus taktischen Gründen denn aus echtem Interesse am Wintersport pocht RTL nun auf diesen Passus, den DSV-Präsident Alfons Hörmann als nicht mehr gültig ansieht; durch Überarbeitungen des Vertragstextes während der Laufzeit könne sich RTL nicht mehr auf seine ursprünglich vereinbarten Vorrechte berufen.
Das Klima ist ruppiger geworden
Der DSV hat keine Zeit, seinen Rechtsstandpunkt juristisch überprüfen zu lassen. Denn in Kürze startet die Weltcupsaison. Also muss man sich mit RTL schnell außergerichtlich einigen. Teuer dürfte die Sache auf jeden Fall werden. Ob die Angelegenheit darüber hinaus peinliche Folgen haben wird, entscheiden Verhandlungsgeschick auf der einen und Beharrungsvermögen auf der anderen Seite. Hörmann hofft auf „faire Lösungen“. Das allerdings wirkt naiv, denn der Markt der Sportrechte ist schwer umkämpft - und mit der Rückkehr Leo Kirchs, zunächst nur im Fußball, ist das Klima noch ein bisschen ruppiger geworden.
Dass die Agentur Sport A, ein Gemeinschaftsunternehmen von ARD und ZDF, seine beste Mitarbeiterin an Kirch verloren hat, spürt plötzlich auch der DSV. Auf Kulanz, Einsicht oder eben Fairplay darf er in diesem Business nicht bauen. Es geht knallhart um Vertragsinhalte. Rechtliche Unsicherheiten bedeuten, dass derzeit nicht klar ist, ob oder wo die deutschen Wintersportveranstaltungen, etwa die Vierschanzentournee, zu sehen sein werden.
Stillstand ist beunruhigend
Damit sind auch Veranstalter in der Bredouille, weil Sponsoren ohne garantierte Fernsehzeiten Regress fordern oder gar abspringen werden. Selbst bei einer baldigen Einigung sind Einbußen zu befürchten. Derzeit ruhen einige Verträge und Verhandlungen. Das berührt auch die internationalen Planungen, denn die Rennen sind zeitlich aufeinander abgestimmt. Die FIS ist verstimmt über die deutschen Verhältnisse. Deutschland ist das wichtigste Land im nordischen Skisport.
Wenn dieser Markt nicht funktioniert, gerät das ganze System aus dem Gefüge. Angesichts der komplizierten Logistik des Fernsehens ist der derzeitige Stillstand beunruhigend. Der Verzicht auf Bilder des alpinen Auftakts in Sölden und der nordischen Eröffnung am Düsseldorfer Rheinufer soll übrigens schon länger feststehen und nicht eine Folge der Vertragskrise sein.
Sparmaßnahmen treffen den Nachwuchs
Seit 2000 ist der DSV dank der Fernsehgelder von bis zu 15 Millionen Euro im Jahr wirtschaftlich autark. Staatliche Sportfördermittel hat er nicht mehr beansprucht. Sollte der Skiverband darauf aber wieder angewiesen sein, müsste der DOSB die Gelder unter allen Sportfachverbänden umverteilen. Und DOSB-Präsident Thomas Bach, der sich persönlich in den Konflikt zwischen DSV und RTL eingeschaltet hat, muss noch Schlimmeres befürchten: Sollten Wintersportereignisse in Deutschland unter Ausschluss der Fernsehöffentlichkeit stattfinden müssen, wäre dies schädlich für die Ambitionen, mit München um die Olympischen Winterspiele 2018 zu kämpfen. In diesem Fall sollte sich der DOSB die offizielle Abstimmung über die Bewerbung am 8. Dezember sparen.
Von einer Zahlungsunfähigkeit ist der DSV wohl noch ein Stück entfernt, aber neue Mittel gehen offenbar derzeit nicht ein. Zunächst sind Sparmaßnahmen verfügt worden, die besonders den Nachwuchs treffen. Die Vorbereitung der Weltcup-Mannschaften werde kostenbewusst fortgeführt, die übrigen Kader könnten keine neuen Reisen antreten. Sie müssen sich in der Heimat fit halten, auf Rollski, auf Mattenschanzen, in Sporthallen und in Krafträumen. Schnee ade, vorerst.