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Windsurfer Robby Naish „Ein Fehler heißt schon mal Knochenbruch“

24.09.2007 ·  Windsurf-Legende und Unternehmer Robby Naish im Interview über 20 Meter hohe Monsterwellen, kalkuliertes Risiko, die harte Arbeit am Lebenstraum und Übernachtungen im frisierten Leichenwagen.

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Windsurf-Legende Robby Naish im Interview über Monsterwellen, kalkuliertes Risiko und Übernachtungen im Leichenwagen.

Im Oktober beginnt für Windsurfer und Wellenreiter auf Hawaii die Saison der Riesenwellen. Sind Sie schon unruhig?

Es ist jedes Mal eine unglaubliche Vorfreude - ein phantastisches Gefühl.

Warum geht man mit 44 Jahren noch dieses Risiko ein in diesen turmhohen Wasserwänden?

Es ist ein kalkuliertes Risiko. Ich rase ja nicht in eine 15 oder 20 Meter hohe Welle und schaue, was passiert. Man baut sich über Jahre auf, bereitet sich penibel vor, auch mit dem Material. Es schaut natürlich mörderisch aus - und zugegeben: Wenn du das Falsche machst, kann es das auch sein. Trotzdem habe ich keine Angst. Wenn dich von hinten so ein Monster anschiebt, dann kribbelt es im Magen. Ein Glücksgefühl, das man nicht oft im Leben woanders erfährt. Mir tut das gut.

Einige Ihrer Kollegen haben den Ritt schon mit dem Leben bezahlt.

Ich bin auch schon in schlechte Wellen hereingefahren. O mein Gott, habe ich mir da gedacht. Das war knapp.

Was heißt knapp?

Knapp heißt knapp. Wissen Sie, ich hänge am Leben. Den Tag vergesse ich nie - er liegt zwei Winter zurück. Das Biest hat mich ungünstig von hinten erwischt, mich mit Brett und Segel unter Wasser gedrückt. Zum ersten Mal berührte ich nach einem Sturz den Boden. Mit dem Hintern, was besser war als mit dem Kopf, trotzdem machte ich mir ziemlich viel Sorgen.

Was geht einem in diesem Moment durch den Kopf?

Entspannen.

Sie scherzen.

Nein, weder Panik noch Kampf helfen einem in der Waschmaschine weiter. Man würde zu viel Sauerstoff verbrauchen. Du musst ruhig bleiben, die Orientierung in den Wassermassen finden und zwischendurch mal nach Luft schnappen, bevor dich die nächste Welle schluckt.

Und wenn Sie wieder wohlbehalten an Land gelandet sind, steigen Sie in Ihren umgebauten Leichenwagen und fahren glücklich zurück nach Hause. Ziemlich makaber.

Stimmt. Ein cooler Wagen, Cadillac, Baujahr 1963, so alt wie ich. Ganz schwarz mit frisiertem Rennmotor. Aber Sie haben recht: Es gibt einige meiner Freunde, die würden nie mitfahren, die fürchten aus Aberglauben einen Leichenwagen.

Brauchen Sie das Spektakel?

Nein, überhaupt nicht. Ich nehme, was kommt. Das ist doch Marketing-Getöse - ich will der Coolste oder der Schnellste sein und am höchsten über die Welle springen. Ich will keiner von denen sein, die sich auf diese Weise verkaufen.

Ist man als Ikone des Trend- und Extremsports nicht auch immer ein bisschen Marktschreier?

Ich bin ein sehr konservativer Mensch. Ich setze auf Langfristigkeit und peile nicht den einen, schrillen Moment an. Ich glaube, mit dieser Philosophie fahre ich bislang sehr gut. Ich hätte in meiner Karriere vielleicht noch mehr herausholen können für mich, wenn ich greller oder glamouröser gewesen wäre. Aber das ist nicht mein Stil. Ich bin nicht gierig.

Sonne, Strand, schöne Menschen - und dann noch Erfolg. Als bester Windsurfer aller Zeiten verkörpern Sie in unserer Lifestyle-Gesellschaft einen Lebenstraum. Ist Ihr eigenes Leben denn ein Traum?

Es ist ein Traum. Und ich weiß, wie glücklich ich sein kann. Aber ich arbeite hart daran, diesen Traum zu erhalten. Nur weil ich ein netter Kerl bin und gerne am Strand lebe, dafür gibt mir keiner Geld. Ich muss permanent trainieren und auch geschäftlich immer an den Erhalt meiner Naish-Marke denken. Hinter mir steht kein großer Konzern.

Was verkaufen Sie denn - philosophisch gesehen?

Ich verkaufe den Menschen einen Traum. Ich finde, das ist eine ehrenvolle Sache. Mein Traum ist gesund, sehr positiv und gut für Geist und Körper. Er bringt die Menschen mit der Natur zusammen, ob auf dem Windsurfbrett und beim Kitesurfen.

Werden Sie nicht manchmal depressiv, nach außen immer nur den schönen Lifestyle-Traum vorleben zu müssen?

Ich muss mich nicht verleugnen. Und ich poliere auch nichts glänzender, als es ist. Ich sage den Leuten, was sie erwartet. Zum Beispiel beim Kitesurfen: Das ist kein Sport für jedermann, er ist gefährlich, auch wenn wir das Material ständig verbessern. Man kommt nicht um, aber du kannst dir ziemlich weh tun.

Mit Ihnen als braungebrannter Windsurf-Junge aus Hawaii begann vor 30 Jahren die Trendsportwelle. Heute gibt es alle möglichen extremen Bestätigungsarten, die um Aufmerksamkeit kämpfen - vom Snowboard- oder Mountainbikefahren bis zum Gleitschirmfliegen oder Kitesurfen. Was bedeutet das für die Athleten als Werbebotschafter?

Sie sind extrem gefordert. Karrieren starten schnell und gehen schnell wieder zu Ende. Wenn du heute auffallen willst, dann musst du volles Risiko gehen und Verletzungen einkalkulieren. Ein Fehler heißt dann schon mal Knochenbruch. Das Leistungsniveau der Extremsportler ist extrem hoch. Und die Sponsoren geben den Talenten heute keine Zeit mehr. Wer keinen schnellen Erfolg hat, ist raus. Und wer nicht 100 Prozent gibt, weiß, dass hinter ihm zwanzig andere Kerle bereitstehen.

Wie war das damals bei Ihnen in den Siebzigern?

Ich konnte mich ohne großen Druck langsam entwickeln. Ich war auf Hawaii der einzige Junge mit einem Windsurfbrett. Die anderen dachten nur ans Wellenreiten.

Ihre Karriere gründete sich ja vor allem auf den Erfolg in Europa.

In Europa bin ich sehr jung zu einem Star geworden. Die Fans erdrückten mich fast bei den Regatten. Verrückt: Wenn ich nach Hause kam in mein kleines Dorf auf Hawaii, kannte mich niemand mehr. Keiner scherte sich ums Windsurfen. Das war eine gute Balance, die wohl half, dass ich kein arroganter Idiot wurde.

Wie groß ist die Gefahr des Abhebens als Sport-Millionär?

Ich finde, Demut ist wichtig im Leben. Alles geboten zu bekommen, macht keinen Spaß. Zum Beispiel schlafe ich lieber in meinem Wagen, wenn ich irgendwo privat beim Surfen unterwegs bin. Dann lege ich mich auf den Rücksitz und spare mir die 200 Dollar für das Hotel. Ich bin doch Surfer. Meine Frau sieht das aber anders.

Sie kennen die schönsten Strände dieser Welt. Verraten Sie uns doch mal Ihren Lieblingsplatz.

Einen speziellen Strand? Ich kann sagen, dass Maui ein Traum ist. Nicht nur, weil es mein Zuhause ist. Hawaii insgesamt bietet viele Vorteile: Die Inseln sind weit weg vom Festland und deshalb weniger bevölkert. Es weht zwölf Monate ein guter Wind, es gibt tolle Wellen, eine multikulturelle Gesellschaft, es ist exotisch, aber mit Erste-Welt-Standard. Es kriechen im Gebüsch keine giftigen Schlangen herum, und du musst dich auch nicht vor Spinnen, Tigern oder Löwen fürchten.

Würden Sie eigentlich an der Beschaffenheit des Sandes erkennen, wo Sie gerade sind auf der Welt?

Hier und da vielleicht. Zum Beispiel: In Sankt Peter-Ording hast du diesen unverwechselbaren Puderzuckersand. Auf Hawaii ist er grobkörniger.

Welchen bevorzugen Sie für Ihre Füße?

Bei grobkörnigem Sand ist es einfacher, sauber zu bleiben. Der feine setzt sich in Augen, Ohren und in alle Fugen des Surfmaterials. Aber egal: Sand ist immer eine coole Sache.

Das Gespräch führte Michael Ashelm.

Unwiederbringlich ist der Name Robby Naish mit der Entwicklung des Windsurfens verbunden. Als Dreizehnjähriger gewann der gebürtige Kalifornier seinen ersten Weltmeistertitel, es folgten 23 weitere und eine der erfolgreichsten Sportkarrieren überhaupt. Heute gehört der 44 Jahre alte Amerikaner aus Hawaii zu den Ikonen des modernen Trendsports. Er ist ein erfolgreicher Unternehmer, Teambesitzer und sorgte als Pionier für den Durchbruch der jungen Disziplin Kitesurfen - ein Brett kombiniert mit Lenkdrachen. Seit 30 Jahren ist er Repräsentant der Surf- und Modefirma Quiksilver. Naish wird den Windsurf-Weltcup auf Sylt (21. bis 30. September) besuchen und sicher demonstrieren, was er noch auf dem Wasser kann. ash.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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