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Windsurfen Zwischen Haien und Hollywood

25.06.2007 ·  Der Windsurfer Florian Jung belebt in Deutschland die „Mutter aller Funsportarten“. Spektakuläre Sprünge und Wellenritte in meterhoher Brandung sind seine Spezialität. Acht Monate ihm Jahr reist er um die Welt, immer auf der Suche nach der besten Welle.

Von Alexander Westhoff, Norderney
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Bevor Flo Jung am Check-In mit Unschuldsmiene "ein bisschen Übergepäck" ankündigt, hat er die Dame vom Bodenpersonal ausgiebig bezirzt. Er hat sein gewinnendes Lächeln gelächelt, bei dem die weißen Zähne in seinem tiefbraunen Gesicht so gut zur Geltung kommen. Es geht schließlich um viel Geld. Etwa 150 Kilo wiegen seine riesenhaften, "Boardbags" genannten Taschen, in denen er fünf Surfbretter, eine Handvoll Masten und zehn Segel verstaut, wenn er auf Reisen geht. Und Flo Jung ist fast immer auf Reisen. 600 Euro, erzählt er, habe er einmal für seine Ausrüstung extra zahlen müssen. Für einen Vielflieger wie ihn führten die Gebührenordnungen der Fluggesellschaften auf Dauer zum Ruin, könnte er keine Ausnahmen herbeilächeln.

Er ist einer der wenigen deutschen Windsurf-Profis. Seine Sponsoren ermöglichen ihm, das ganze Jahr über um die Welt zu jetten und die besten Reviere abzuklappern. Er liefert im Gegenzug spektakuläre Fotos und Videos von sich und seinem Sport vor traumhaften Kulissen von allen fünf Kontinenten.

Vom Glück geküsst

Flo Jung sieht aus wie der Prototyp eines Surfers: Blond, braungebrannt, ausgeprägte Muskeln wölben sich unter seinem T-Shirt - wie für Hollywood geschaffen. Die dicke Schicht Hornhaut an seinen Händen sieht man nicht, sie ist nur bei der Begrüßung zu spüren. "Das kommt davon, wenn man manchmal bis zu sieben Stunden am Gabelbaum hängt", sagt er entschuldigend.

Windsurfen: Zwischen Haien und Hollywood

Der Saarländer gilt in der deutschen Szene als vom Glück geküsst. Die insgesamt 760 deutschen Regattafahrer hetzen in der Regel von Event zu Event, in der vagen Hoffnung, auf ihre Kosten zu kommen. Die meisten zahlen drauf, weil nur niedrige Preisgelder und geringe Rabatte beim Kauf von Brett, Segel und Gabelbaum herausspringen. Flo Jungs Welt ist das nie gewesen: Er fand Geldgeber, die an sein Talent glaubten. Nicht, dass Flo Jung einsame Klasse auf dem Brett darstellte. Er gehört zur Gruppe der fünf besten deutschen Windsurfer und versucht, sich international der Spitze Stück für Stück zu nähern. Aber er verkörpert nun einmal durch sein Aussehen und seine Ausstrahlung am besten den werbewirksamen Typ des coolen Surfers.

Faszination für Laien und Experten

Sein Hauptsponsor ist das Fiat Freestyle Team, das versucht, Funsport und trendige Musik miteinander zu verbinden und sowohl Athleten (je einen Surfer, Skateboarder, Snowboarder und Freeskier) als auch Breakdancer und HipHoper unter Vertrag hat. Jungs Geldgeber machen ihn zwar unabhängig vom Preisgeld aus Regatten, aber sie erwarten schon, dass er sich bei den großen Events regelmäßig mit den Besten misst.

Meterhohe Wellen, Sprünge bis zu 20 Metern hoch, Loopings: "Es ist doch das Spektakuläre, das Extravagante, das die Faszination des Windsurfens ausmacht und in Magazinen abgebildet wird, nicht die Speed- oder Slalomrennen um Bojen herum", beschreibt er seine Geschäftsgrundlage und kramt einen zerschundenen Laptop aus seinem Rucksack hervor. Sandkörner von Stränden aus allen Erdteilen haben am Bildschirm gekratzt, die Tasten geschliffen und sich zwischen ihnen festgesetzt, so dass jedes Drücken von einem sanften Knirschen begleitet wird, wenn er ein neues Digitalfoto oder einen von harten Gitarrenriffs unterlegten Videotrailer abruft. Die Aufnahmen, auch auf Hunderten einschlägiger Internetseiten zu bewundern, faszinieren die Laien wie die Experten.

„Bauchplatscher vom Zehnmeterbrett“

Zur Zeit versucht Flo Jung, sein Repertoire um eine spektakuläre Sprungkombination zu erweitern, mit der Weltmeister Kauli Seadi die Szene verblüffte. Dem Brasilianer gelang kürzlich ein schier unglaublicher Sprung - Anfahrt in die Welle, Sprung, Rückwärtssalto, Stillstand in der Luft für einen Bruchteil einer Sekunde, Vorwärtssalto, gestandene Landung. "Jetzt sind im Moment alle dran, den auch hinzukriegen", sagt Jung. Und das tut weh. Schmerzen - das ist eine Währung, mit der man als Windsurf-Freestyler regelmäßig bezahlt. Besonders in der Erprobungsphase neuer Sprünge und Manöver geschehen regelrechte Abstürze aus luftiger Höhe. "Das kann sich anfühlen wie ein Bauchplatscher vom Zehnmeterbrett", verdeutlicht Jung das Risiko. Die Gefahr, dass der Surfer auf dem Material oder das Material auf dem Surfer landet, kommt noch hinzu. Ein guter Kumpel, Klaas Voget, hat sich kürzlich mit dem Knie die Nase zertrümmert.

Einmal sei Flo Jung auf Hawaii gegen acht Meter hohe Wellentürme angesurft - da besteht Lebensgefahr, wenn solche Brecher wie eine Fliegenklatsche auf den Surfer niedersausen. "Meine Eltern müssen ja auch nicht alles wissen", sagt er im Rückblick und lächelt sein strahlendes Flo-Jung-Lächeln. Zum Jahreswechsel, den er traditionell zum Trainieren in Südafrika verbringt, hat es ihn in diesem Jahr erwischt: Bei einem "fetten Waschgang", wie er es formuliert, habe er den Fuß nicht schnell genug aus der Schlaufe bekommen - Bänderanriss.

Klein machen, Kopf schützen

Bis heute ist die Verletzung nicht vollends auskuriert, weil er mit dem Training bislang nicht aussetzte. "Waschgang" nennt man die langen Sekunden, in denen der von Adrenalin durchspülte Surferkörper von den sich überschlagenden Wassermassen unkontrolliert umhergewirbelt wird. "Ich versuche immer, ganz entspannt bis zehn zu zählen", sagt er, "aber oft musste ich schon bis zwanzig, oder länger zählen, bis ich wiederaufgetaucht bin." Schnell vom Material trennen, klein machen, Kopf schützen, lautet die Devise, wenn der Schleudergang nicht mehr zu vermeiden ist. "Das ist ein Gefühl, als ob dir die ganze Zeit einer in den Magen haut", beschreibt Jung das hundertfach erlebte Prozedere.

Gerade am Kap der Guten Hoffnung, einem der besten Reviere überhaupt, beeilen sich die Surfer nach dem Waschgang, zu ihrem Brett zurückzukommen, wissen sie doch die weltweit größte Population von Weißen Haien unter sich. "Da hat man schon ein mulmiges Gefühl", gesteht Jung, der sich aber mit einem mathematischen Kniff zu helfen weiß. In Südafrika versuche er, sich immer in mindestens zwei Surfer großen Gruppen zu bewegen - dann läge die Gefahr, bei einem Haiangriff zu Schaden zu kommen, höchstens noch bei 50 Prozent.

„Ich genieße jeden einzelnen Tag“

Flo Jung? Der gehe seinen eigenen Weg, heißt es in der deutschen Szene, wenn man nach dem Saarländer fragt. "Er ist einer der ganz wenigen", sagt Ingo Meyer vom Fachmagazin "Surfers", "der so experimentell arbeiten kann. Er bereichert die Szene durch seinen innovativen Fahrstil." Jung hat im Gegensatz zur nationalen Konkurrenz die Gelegenheit, ohne großen Leistungsdruck neue Tricks und Manöver zu proben und zu kreieren.

Eine seiner Spezialitäten: Mit am Board, Mast und Segel befestigten Kameras produziert Jung detaillierte Bilder von seinen wilden Ritten durch Gischt und meterhohe Brecher. Er nimmt den Zuschauer mit auf die Fahrt durch die aufgewühlten Weltmeere, lässt sie quasi das Salz auf der Haut spüren. Und das in Zeiten, in denen die Sportart Windsurfen in Deutschland schon über Jahre aus der Mode geraten ist. "Windsurfen war in den siebziger und achtziger Jahren die ,Mutter aller Funsportarten in Deutschland'", sagt der Präsident der Deutschen Windsurfing-Vereinigung, Rick de Veer. Das Aufkommen immer neuer Extrem- und Trendsportarten habe das deutsche Windsurfing aber weit zurückgeworfen, deutsche Starter gerieten international weit ins Hintertreffen.

Acht Monate um die Welt

"Ich habe das, was ich tun darf, nie als selbstverständlich betrachtet. Ich genieße jeden einzelnen Tag", sagt Jung, der irgendwann von der Surfgemeinde den Spitznamen "Flow" verpasst bekam. Auch wenn sein Herz bei einem tropischen Sonnenuntergang am Strand nach einem perfekten Surftag keine Luftsprünge mehr mache. Man könne sich schließlich an alles gewöhnen. "Ich kann aber sehr wohl einschätzen, dass ich derzeit auf der Sonnenseite des Lebens stehe."

Im vergangenen Jahr tourte er auf eigene Faust acht Monate um die Welt. Seine Ziele: Hawaii, Südafrika, Australien, Neuseeland, Chile, Venezuela - die besten Windsurf-Reviere der Welt. An diesen Spots trifft er stets Gleichgesinnte, man tauscht sich aus. "Wenn einer zu mir sagt, hör mal, bei mir in Uruguay bricht eine gute Welle, dann fahre ich da hin", sagt Jung. Auch wenn manch empfohlener Spot in entlegenem Gebiet schon mal böse Überraschungen parat haben kann: militärisches Sperrgebiet, scharfe Riffe knapp unter der Wasseroberfläche, gefährliche Strömungen.

Trockentraining auf dem Skateboard

In diesem Jahr war er in der Summe noch keine vier Wochen im heimischen Saarbrücken. "Nach zwei Wochen zu Hause habe ich das Gefühl, wieder weg zu müssen", sagt Jung über die Stadt, in der er mit 15 Jahren im Keller seines Onkels ein angestaubtes Surfbrett fand und von da an "immer einen Deppen finden" musste, der ihn zum kleinen Bostalsee im nördlichen Saarland fuhr. Für das Trockentraining rüstete er ein Skateboard mit einem Segel aus und bretterte über Baumarktparkplätze oder dort, wo Platz war.

Mit 17 Jahren verbrachte er ein halbes Jahr in einer Surf-Akademie auf Hawaii, doch Eltern und Sponsoren überzeugten ihn letztlich, sich erst nach dem Abitur in das Leben als Surfprofi zu stürzen. Bis 35 könne er noch aktiv surfen, glaubt Jung. Zwar fließt derzeit für seine Dienst auf dem Board ein mittlerer fünfstelliger Betrag auf sein Konto, doch Rücklagen kann er damit nicht anhäufen. Mit diesem Budget bereist er eigenverantwortlich die Surferparadiese. Was danach kommt? Mit seinen zig Kontakten zu Sponsoren, Szene und Ausrüstern ließe sich bestimmt etwas anstellen, glaubt Jung. "Es sollte auf jeden Fall etwas mit Extremsport zu tun haben."

Quelle: F.A.Z., 23.06.2007, Nr. 143 / Seite 32
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