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Wimbledon Sabine Lisicki schlägt die Weltranglistenerste

Trotz aller Vorzeichen überwindet die deutsche Tennisspielerin Sabine Lisicki im Achtelfinale von Wimbledon die Titelverteidigerin Serena Williams in drei denkwürdigen Sätzen.

© AP Vergrößern Wahnsinnsmatch: Sabine Liscki schlägt die Weltranglistenerste

An unerwarteten Ergebnissen hatte es bei diesem Wimbledon-Turnier ja wahrlich nicht gemangelt. Doch nun, als man annehmen durfte, jetzt würden die Dinge ihren normalen Lauf nehmen, kam die größte von allen denkbaren Überraschungen, größer als die Niederlagen von Rafael Nadal und Roger Federer zusammen. Auch wenn man mit dem Wort Sensation vorsichtig umgehen muss, so ist es diesmal angebracht, denn wie soll man es sonst nennen?

Peter Penders Folgen:  

Sabine Lisicki hat die Weltranglistenerste und Titelverteidigerin Serena Williams im Achtelfinale 6:2, 1:6 und 6:4 besiegt. Daran hatte schon vorher kaum jemand geglaubt. Noch erstaunlicher ist das Ergebnis mit Blick auf den Spielverlauf: Denn die Amerikanerin, die mit der bislang längsten Erfolgsstrecke ihrer Laufbahn (34 Siege seit Februar) in die Begegnung gegangen war, hatte nach dem verlorenen ersten Durchgang neun Spiele in Folge gewonnen, führte nach dem Satzausgleich schon 3:0 und 4:2 im entscheidenden dritten Satz – und verlor doch eine scheinbar schon gewonnene Partie. Es gab eine Szene, die symptomatisch für diese Begegnung in Erinnerung bleiben wird. Sabine Lisicki hatte den Ball gegen die Laufrichtung der Amerikanerin gespielt und Serena Williams strauchelte, krabbelte kurz über den Boden, konnte sich danach kaum auf den Beinen halten und wirkte in diesem Moment wie ein angeschlagener Boxer. Ein paar Augenblicke später flog ihr Überkopfball ins Aus, das Stadion tobte, das Break zum 5:4 für Sabine Lisicki im dritten Durchgang war perfekt.

25002544 © AFP Vergrößern Berliner Göre: „Warum sollte ich Angst haben?“

Dabei ließ nicht einmal der Beginn des Matches die Williams-Fans zweifeln. Hin und wieder verliert auch eine die Konkurrenz so dominierende Spielerin wie Serena Williams einen Satz. 2:6 hört sich deutlich an. Aber das war es ja nicht. Der Amerikanerin war dieser Durchgang aus den Händen gerutscht, nachdem es bis zum 3:2 eine überaus umkämpfte Auseinandersetzung gewesen war. Das war möglich gewesen, weil die Deutsche keinen Millimeter zurück gewichen war. Die Berlinerin schien verinnerlicht zu haben, dass sie nur eine Chance haben würde, wenn sie sich von dieser Aura, die ihre Gegnerin umweht, nicht einfangen lassen würde. Sie bot ihr also quasi die Stirn, und das haben seit dem vergangenen Sommer, als die Amerikanerin begonnen hatte, so gut wie alles zu gewinnen, nicht mehr viele getan. Zweimal konnte sie der Branchenführerin nach dieser 3:2-Führung den Aufschlag abnehmen, und als sie den ersten von drei Satzbällen nutzte, reagierte das Publikum mit tosendem Applaus.

In Wimbledon lieben sie ihre Champions, aber sie lieben auch die Außenseiter, die ihre Chance wittern und zeigen, dass sie entschlossen sind, sie zu nutzen. Serena Williams aber hatte auf den ersten Satz so reagiert, wie man es erwarten und Sabine Lisicki es befürchten durfte. Sie minimierte ihre Fehlerquote. Sie spürte, was passieren könnte, wenn sie der Deutschen auch im zweiten Satz erlauben würde, auf Augenhöhe mitzuspielen. Nach zwölf unerzwungenen Fehler im ersten Durchgang leistete sie sich gar keinen mehr im zweiten – die Folge war das 6:1 und der Satzausgleich.

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Solche Spiele hat es ja schon oft gegeben, in denen sich der hohe Favorit zunächst schwer tut, dann aber die Verhältnisse zurecht rückt und am Ende doch deutlich gewinnt. Es sind die Partien, von denen in der Erinnerung nicht viel zurück bleibt, und ein verlorener erster Satz ist dann allenfalls eine Fußnote. Nichts weiter passiert, so schien es auch diesmal zu laufen, denn Serena Williams hatte im dritten Durchgang so weiter gemacht, wie sie im zweiten aufgehört hatte. Ihr gelang ein frühes Break, und sie schien auch noch das Glück auf ihrer Seite zu haben, sehr behilflich waren dabei zwei Netzroller. Die Amerikanerin führte 3:0, auf den Aufschlagverlust zum 3:2 hatte sie mit einem Rebreak reagiert, sie schien also hellwach zu sein. Das Publikum war zufrieden, weil es diesmal eine echte Auseinandersetzung gesehen hatte, was in den Spielen mit Beteiligung von Serena Williams seit langem eher eine Ausnahme darstellt. Es war also mehr geboten worden, als man erwarten durfte.

Tennisspiele folgen nicht immer einer Logik, denn würden sie das tun, dann wäre das Folgende vermutlich nicht passiert. Denn Sabine Lisicki schien unverdrossen an ihre Chance zu glauben. Sie holte ein 0:40 bei eigenem Aufschlag auf, holte sich ein Break und plötzlich stand es 4:4. Der Centre Court in Wimbledon bekommt dann immer eine eigenartige Atmosphäre, so als spüre jeder, dass sich nun auf diesem Platz mit den vielen legendären Geschichten gerade eine neue entwickelt.

Auf einmal Favoritin

Es folgte diese Szene mit der strauchelnden Serena Williams, die das Break zum 4:5 hinnehmen musste, es folgte der erste Matchball, den die Amerikanerin abwehrte. Im Laufe ihrer Karriere hat sie sich schon ein paar Mal aus solchen Umklammerungen noch gerettet und schließlich doch gewonnen. Auch das gehört als fester Bestandteil zur Aura von Serena Williams – aber Lisicki zerschlug diesen Schutzschild. Einen Breakball wehrte Sabine Lisicki mit einem Ass ab, der nächste Aufschlagwinner bescherte ihr den zweiten Matchball. Als sie ihn verwandelt hatte, sank sie kopfüber auf den Rasen.

Plötzlich gehört sie zu denen, die in Wimbledon gewinnen können. Damit umgehen zu können, ist mindestens so schwer wie ein Sieg über Serena Williams. Sie trifft nun an diesem Dienstag auf die Estin Kaia Kanepi. Dass nun viel mehr Druck auf ihr lastet, konnte Sabine Lisicki fürs erste nicht beeindrucken: „Ich werde genauso in diese Partie gehen wie gegen Serena. Ich will gewinnen.“

Quelle: FAZ.NET

 
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Veröffentlicht: 01.07.2013, 17:32 Uhr

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