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Wimbledon Sabine Lisicki macht’s noch einmal

Sabine Lisicki hat es tatsächlich geschafft: Als erste Deutsche seit Steffi Graf vor 14 Jahren zog die Berlinerin in Wimbledon ins Endspiel ein. 

© dpa Vergrößern Sabine Lisicki hat sich in die Herzen der Wimbledon-Fans gespielt

Sie sah aus wie die sichere Siegerin und verlor den Faden, sie war beinahe schon besiegt und kam wieder zurück, sie hatte schon fast gewonnen und konnte das Spiel dann doch nicht beenden, sie musste zweimal gegen die drohende Niederlage ihren Aufschlag durchbringen. Schließlich gewann sie dieses Halbfinale gegen Agnieszka Radwanska und wohl auch endgültig die Herzen deutscher und britischer Tennisfans: Sabine Lisicki ist nach einer weiteren Achterbahnfahrt der Gefühle, die ganz stark an ihren Achtelfinalerfolg gegen Serena Williams erinnerte, mit einem 6:4-, 2:6- und 9:7-Erfolg in das Finale von Wimbledon (am Samstag live bei Sky und im F.A.Z.-Liveticker)  eingezogen.

Bislang letzte Deutsche im Finale war Steffi Graf 1999 gewesen. Sie hatte das Turnier 1996 zuletzt gewonnen. Im Endspiel trifft Sabine Lisicki auf die Französin Marion Bartoli, die sich im ersten Halbfinale in nur 62 Minuten 6:1 und 6:2 gegen die Belgierin Kirsten Flipkens durchgesetzt hatte.

Stattdessen begann das Drama

Es gibt einen Satz, den Sabine Lisicki immer und immer wieder sagt, man kann auf ihn warten und wird nie enttäuscht: „Ich bin eine Kämpferin“, sagt sie dann und meistens folgt: „Ich denke nur von Punkt zu Punkt.“ Beides war nie so berechtigt wie an diesem Tag, wie in diesem Halbfinale gegen Agnieszka Radwanska. Alles war zunächst wie nach Plan verlaufen, die Deutsche war fern ab von aller Nervosität gestartet, sie bestimmte die Partie mit ihren kraftvollen Aufschlägen und ihren präzisen Grundschlägen, und sie drängte die Polin immer mehr in die Defensive.

Dieses Spiel ist die Weltranglistenvierte allerdings gewohnt, es kommt ihr sogar entgegen, weil sie das Konterspiel liebt und in dieser Disziplin aufgrund ihrer Schnelligkeit vermutlich eine die beste Spielerinnen der Welt ist. Keine bringt schließlich so viele Bälle, die gegen andere Gegnerin sichere Punktgewinne sind, doch noch zurück. Doch all das hatte Agnieszka Radwanska im ersten Satz nichts genutzt, die Wucht der wesentlich aktiveren Sabine Lisicki schien sie zu erdrücken. Die Deutsche gewann den ersten Durchgang mit 6:4, und es schien gleich so weiter zu gehen, denn den zweiten Satz begann sie gleich wieder mit einem Break. 6:4, 1:0, Aufschlag Lisicki -- das Feld schien bereitet für ein weiteres Halbfinale mit einem deutlichen Ausgang. Stattdessen aber begann das Drama.

Sabine Lisicki of Germany celebrates after defeating Agnieszka Radwanska of Poland in their women's semi-final tennis match at the Wimbledon Tennis Championships, in London Glücklich am Boden: Sabine Lisicki freut sich über ihren Sieg © REUTERS Bilderstrecke 

Einfach dürfte es für ihre Eltern, für Vater Richard, der ihr das Tennis spielen beigebracht hat, und für Mutter Elisabeth, nicht gewesen sein, der Tochter an diesem großen Tag von der Spielerbox aus zuzusehen. Dass dies ihr Lieblingsturnier ist, hatte sie ja schon oft betont, dass sie nirgendwo so gut spielt wie in Wimbledon, ist bekannt, aber nun, da alles für sie sprach, glitt ihr die Partie aus den Händen. Das war ihr im Achtelfinale auch passiert, aber da hatte ihr auf der anderen Seite Serena Williams, die beste Spielerin der Welt gegenüber gestanden, die ebenfalls mit großer Wucht auf den Ball einschlagen kann. Diese Fähigkeit hat Agnieszka Radwanska nicht, und sie spielt fast fehlerfrei.

Die Polin erhöhte leicht das Risiko, ohne ihre Fehlerquote dabei zu strapazieren, sie schien zu spüren, dass auf der anderen Seite die Nerven ins Spiel gekommen waren. Sabine Lisicki verlor neun der folgenden zehn Spiele, und plötzlich lag sie 0:3 im dritten Satz zurück. Vielleicht soll man an etwas Schönes denken in solchen Momenten. Sabine Lisicki fiel die Partie gegen Serena Williams ein. Auch da war ihr Spiel im zweiten Satz zusammen gebrochen, auch da hatte sie 0:3 im dritten Durchgang zurückgelegen und doch gewonnen. „Du hast es da geschafft, also mach’ es noch einmal“, das sei ihr durch den Kopf gegangen. Die Erinnerung half. Sie glich unter dem Jubel der Zuschauer tatsächlich zum 3:3 aus, und was ein paar Minuten vorher undenkbar schien, trat dann ein: Beim Stande von 5:4 schlug die Deutsche zum Einzug ins das Finale auf. Geschafft? Von wegen.

Favoritin der Herzen

Ihre Gegnerin wehrte sich. Der Polin gelang das Break zum 5:5, und weil sie danach ihren Aufschlag zunächst hielt, musste Sabine Lisicki nun immer gegen die Niederlage aufschlagen. Jeder Breakpunkt wäre dann auch ein Matchball für Agnieszka Radwanska gewesen. Die Deutsche hielt dieser Nervenprobe stand. Sie vergab selbst zwei Breakpunkte beim Stand von 6:6, sie verpasste eine Riesenchance bei einem weiteren Breakpunkt beim Stand von 7:7, verzweifelte aber nicht, sondern erspielte sich gleich den nächsten - den entscheidenden.

Ein Spiel mit eigenem Aufschlag zu beenden, gilt als besonders schwer, und einmal war ihr das ja schon nicht gelungen. Beim zweiten Versuch ging nichts mehr schief, das Publikum hatte sie mit Ovationen angefeuert, sie ging 40:0 in Führung, Agniezka Radwanska wehrte einen Matchball ab, aber der zweite flog unerreichbar an ihr vorbei ins Feld. Dieser letzte Satz hatte sieben Minuten länger gedauert als das komplette erste Halbfinale, und eine Favoritin der Herzen für die britischen Zuschauer hervorgebracht. „Ich bin so unendlich glücklich, ich habe mit allem gekämpft, was ich hatte“, sagte sie. Da war er wieder, dieser Satz, der alles erklärt.

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Quelle: F.A.Z.

 
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