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Wimbledon Roger Federer kehrt zurück auf den Thron

 ·  Seine Ära schien bereits zu Ende, doch Roger Federer beweist abermals seine Klasse: Mit einem Vier-Satz-Sieg über Andy Murray holt er seinen siebten Wimbledon-Titel, vereitelt ein britisches Sportmärchen - und erobert die Weltranglisten-Spitze zurück.

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© AFP Einfach der Beste: Roger Federer

Ob es immer noch Zweifler gibt, dass er der größte Tennisspieler ist, den dieses Spiel je gesehen hat? Seine Herrschaft schien ja schon beendet, und es hatte in den vergangenen beiden Jahren deutliche Signale gegeben, dass er es vermutlich nicht mehr an die Spitze der Weltrangliste schaffen könnte. Novak Djokovic und Rafael Nadal schienen zumindest bei den Grand-Slam-Turnieren, bei denen es über drei Gewinnsätze geht, physisch zu stark für den Schweizer, und so schien es eher unwahrscheinlich, dass er die Bestmarke von ohnehin schon unglaublichen 16 Grand-Slam-Titeln noch würde ausbauen können. Aber Federer tat das, was nur wenige können, er erfand sich quasi neu - und als am Sonntag die letzte Vorhand des Schotten Andy Murray nach einer Spielzeit von 3:24 Stunden ins Aus flog, war der Schweizer fürs Erste am Ziel aller Träume. Es war der siebte Wimbledontriumph für ihn - er zieht damit wie auch in der Weltrangliste mit Pete Sampras gleich. Der Amerikaner hatte dort einst insgesamt 286 Wochen an der Spitze verbracht, aber wenn an diesem Montag die neue Weltrangliste veröffentlicht wird, dann beginnt auch die 286. Woche von Roger Federer auf dem Tennis-Thron.

„Ich komme näher“, sagte Andy Murray nach seiner vierten Niederlage in seinem vierten Grand-Slam-Finale, doch so gefasst und mit britischem Humor durchsetzt ging seine Rede auf dem Platz nicht weiter. Mit zittriger und teils tränenerstickter Stimme gratulierte Murray, bedankte sich bei den Fans, die ihn so frenetisch wie vergeblich unterstützt hatten. Murray war der erste Brite seit Bunny Austin 1938 gewesen, der wieder bis in das Endspiel des Wimbledon-Turniers eingezogen war - ein Umstand, der die Phantasien alle britischen Tennisfans extrem angeheizt hatte. Auf dem Schwarzmarkt wurden Tickets, die in der Regel um 120 Pfund kosten, für Preise von bis zu 16000 Pfund gehandelt. Schon am Morgen hatten sich trotz regnerischen Wetters wieder Schlangen von Fans gebildet, die eine Karte für das „Public viewing“ auf der Anlage ergattern wollten. Mehrere tausend Zuschauer verfolgten die Partie auf der großen Leinwand vor Platz eins, dazu war eine zweite Leinwand auf Platz zwei aufgebaut, der noch einmal 4000 Zuschauern Platz bot. Das Interesse war riesig - die BBC als übertragender britischer Fernsehsender rechnete insgesamt mit 20 Millionen Zuschauern im Königreich.

Was sie sahen, war ein ganz anderer Andy Murray. Bei den drei Finalniederlagen zuvor bei den US Open (gegen Federer) und den Australian Open (gegen Federer und Djokovic) hatte der Schotte keinen einzigen Satz gewonnen Diesmal aber präsentierte sich Murray, auf dem so große Erwartungen lasteten, weil die Briten seit dem Triumph von Fred Perry im Jahr 1936 vergeblich auf einen britischen Sieger warten, von Beginn an auf allerhöchstem Niveau. Und besser hätte die Partie für den Schotten auch gar nicht beginnen können - er nahm Federer gleich das erste Aufschlagspiel ab.

War dies etwa der Tag, auf den sie alle gewartet hatten, der Tag, an dem alte Differenzen keine Rolle mehr spielten und alle Briten einem Schotten nur das Beste wünschten? Auf der Tribüne saß schließlich viel Politprominenz, der britische Premierminister David Cameron ebenso wie der schottische Ministerpräsident Alex Salmond und Nick Clegg, der stellvertretende britische Premierminister. Die Herzogin von Cambridge, die Frau des Kronprinzen William, fieberte ebenso mit wie ihre Schwester Pippa Middleton - es war sogar spekuliert worden, dass sich Königin Elizabeth angesichts dieses sporthistorischen Tages die Ehre geben würde. Die Königin aber hatte abgesagt wegen anderer Verpflichtungen, und sie schien einiges zu verpassen. Zwar war Federer schnell das Rebreak gelungen, aber Murray war der bessere Spieler geblieben. Zum besten Zeitpunkt war ihm das nächste Break gelungen, das ihm nämlich die Chance einbrachte, beim Stand von 5:4 mit eigenem Aufschlag den ersten Satz zu gewinnen - er tat es schließlich überzeugend mit einem abschließenden Servicewinner, einem Aufschlag, den Federer nur noch berühren, aber nicht mehr zurückspielen konnte.

Später, als man wusste, wie diese Partie ausgegangen war, durfte ausgiebig über die entscheidenden Szenen des zweiten Durchgangs spekuliert werden. Wie wäre es wohl weitergegangen, wenn Andy Murray diese beiden Möglichkeiten genutzt hätte, die sich zum gleichen Zeitpunkt wie im ersten Satz geboten hatten? Zwei Breakchancen beim Stand von 4:4, und dann möglicherweise wieder zum Satzgewinn selbst aufschlagen zu können - so viele Daumen sind im Königreich für einen einheimischen Tennisspieler ganz sicher noch nie gedrückt worden. Allein - es half nichts. Federer wehrte beide Breakchancen ab, und als sich ihm wenig später selbst die Möglichkeit bot, nutzte er sie mit einem zauberhaften Volleystopp zum 7:5.

Es gab also einiges zum Nachdenken in der unvermeidlichen Pause, die nach vielen Regenunterbrechungen während des Turniers natürlich auch in diesem Finale nicht fehlen durfte. Ein heftiger Schauer ging über Wimbledon nieder, das Dach wurde geschlossen, und erst nach rund 40 Minuten konnte die Partie fortgesetzt werden. Die Chancen von Murray aber hatten sich aus zweierlei Gründen erheblich vermindert. Zum einen war er zwei Sätze lang der bessere Spieler gewesen, hatte am oberen Ende seiner Möglichkeiten gespielt und damit kaum noch Steigerungsmöglichkeiten. Trotzdem aber stand es nur 1:1 nach Sätzen, und die Frage war, ob Murray dieses Niveau würde halten können - noch dazu gegen einen Gegner, der als bester Hallenspieler überhaupt gilt.

Der Kopf spielt eine entscheidende Rolle in jedem Tennisspiel auf diesem Niveau - und wer kennt die besondere mentale Situation in einem Finale schon besser als Roger Federer? Es war das 24.Grand-Slam-Endspiel in seiner Karriere, er führt damit die Rekordliste vor Ivan Lendl an - der Trainer von Andy Murray kam einst auf 19 Finalspiele. Federer kam mit einer anderen Strategie zurück, der Schweizer wusste, dass er sich steigern musste, und er tat, was nötig war. Viel aggressiver ging er fortan zu Werke, er schien zu spüren, dass dieser dritte Satz der Schlüssel zum Sieg sein könnte. Federer fand ihn in einem Aufschlagspiel von Murray, in dem es hin und her gegangen war, in dem Murray zunächst 40:0 führte und sich dann doch verzweifelt gegen den Verlust wehren musste, in dem es neunmal über Einstand gegangen war - und in dem Federer seine sechste Breakchance schließlich zum 4:2 nutzte. Murray war nun quasi in den Krallen gefangen, und Federer ließ ihn nicht mehr raus. Ein Ass beendete den dritten Satz, und das Break im vierten Durchgang zum 3:2 ließ ihn auf die Zielgerade einbiegen.

So lange spielen, bis ihn seine Zwillinge noch bewusst spielen sehen könnten, hatte Federer einst als Ziel ausgegeben. Oben auf der Tribüne winkten nun die bald dreijährigen Töchter dem Papa zu, der schon abgeschrieben war, aber mit 30 Jahren wieder ganz oben steht. „Es ist ein Traum“, sagte Federer, aber einer, der noch weitergeht. Als vor sieben Jahren verkündet wurde, dass die Olympischen Spiele 2012 in London ausgetragen werden, hatte er gesagt, dass er dort um Gold kämpfen wolle. Das schien sehr weit entfernt - in drei Wochen ist es so weit, und so viel kann man sagen: Er scheint in einer guten Verfassung zu sein.

Meiste Einzel-Siege in Wimbledon

Herren:

Roger Federer (Schweiz) 7 (2003-07,09,12)
Pete Sampras (USA) 7 (1993-95,1997-2000)
William Renshaw (Großbritannien) 7 (1881-86,89)
Björn Borg (Schweden) 5 (1976-80)
Lawrence Doherty (Großbritannien) 5 (1902-06)
Reginald Doherty (Großbritannien) 4 (1897-1900)
Rod Laver (Australien) 4 (1961,62,68,69)
Anthony Wilding (Neuseeland) 4 (1910-13)
Wilfred Baddeley (Großbritannien) 3 (1891,92,95)
Boris Becker (Leimen) 3 (1985,86,89)
Arthur Gore (Großbritannien) 3 (1901,08,09)
John McEnroe (USA) 3 (1981,83,84)
John Newcombe (Australien) 3 (1967,70,71)
Fred Perry (Großbritannien) 3 (1934-36)
Bill Tilden (USA) 3 (1920,21,30)
...
Michael Stich (Hamburg) 1 (1991)

Damen:

Martina Navratilova (USA) 9 (1978,79,82-87,90)
Helen Wills Moody (USA) 8 (1927-30,32,33,35,38)
Dorothea Chambers (Großbritannien) 7 (1903,04,06,10,11,13,14)
Steffi Graf (Brühl) 7 (1988,89,91-93,95,96)
Blanche Bingley (Großbritannien) 6 (1886,89,94,97,99,1900)
Billie Jean King (USA) 6 (1966-68,72,73,75)
Suzanne Lenglen (Frankreich) 6 (1919-23,25)
Charlotte Cooper Sterry (Großbr.) 5 (1895,96,98,1901,08)
Lottie Dod (Großbritannien) 5 (1887,88,91-93)
Serena Williams (USA) 5 (2002,03,09,10,12)
Venus Williams (USA) 5 (2000,01,05,07,08)
Louise Brough Clapp (USA) 4 (1948-50,55)
Maureen Connolly Brinker (USA) 3 (1952-54)
Maria Bueno (Brasilien) 3 (1959,60,64)
Chris Evert (USA) 3 (1974,76,81)
Margaret Court (Australien) 3 (1963,65,70)

* seit 1969 offen für Profis

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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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