20.06.2011 · Alles ist anders als sonst im gesamten Tennisjahr, wenn auf dem Rasen von Wimbledon gespielt wird. Der erste Turniertag verläuft jedoch wie gewohnt: Nadal gewinnt souverän. Rainer Schüttler kommt als einziger Deutscher weiter.
Von Peter Penders, WimbledonDieses Turnier ist tatsächlich der Höhepunkt des Tennisjahres, und was immer sie bei den Australian Open in Melbourne, den French Open in Paris oder der US Open in New York auch unternehmen – Wimbledon scheint ihnen immer ein kleines Stück voraus zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass sie dort im Londoner Südwesten immer noch auf Rasen spielen, jenem Untergrund, auf dem einst auch in Australien und in den Vereinigten Staaten gespielt wurde. Vielleicht liegt es einfach auch nur an der langen Tradition des Turnieres und seinen Eigenarten. Alles ist anders als sonst im gesamten Tennisjahr, sogar die Vorbereitung der Tennisprofis auf die wichtigsten zwei Wochen des Jahres. Denn viel Zeit bleibt nach den French Open nicht für die Umstellung von Sand auf Rasen, vom langsamsten auf den vermeintlich schnellsten Untergrund, und ein Patentrezept für die beste Vorbereitung gibt es offenbar nicht. Manche spielen Turniere, manche trainieren nur und manche machen gar nichts und ruhen sich nach einer anstrengenden Sandplatzsaison erst einmal aus.
Rafael Nadal etwa, der Titelverteidiger bei den Herren, flog zwar gleich nach seinem Titelgewinn in Paris weiter zum Turnier im Queen‘s Club in London, aber sein Ausscheiden im Viertelfinale gegen den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga verbuchte der Spanier unter der Rubrik „hoch willkommener Betriebsunfall“. Statt in London zu bleiben, düste er für eine Woche auf seine Heimatinsel Mallorca und betrieb eine Rasenvorbereitung besonderer Art. „Ich habe die beste Runde Golf meines Lebens gespielt“, sagte der Weltranglistenerste, immerhin ausgestattet mit Handicap sieben beim Spiel mit dem kleinen Ball. Ein bisschen Partyleben mit den alten Freunden, ein bisschen Golf, einfach nur abschalten und neu auftanken: „Ich war seit Anfang März nicht mehr zu Hause gewesen, ich habe das gebraucht“, sagt Nadal, der sich seit Mittwoch vergangener Woche dann wieder in London dem Tennis widmete. Ein wenig holprig war sein Start auf dem Center Court dann zunächst dennoch, aber beim 6:4, 6:2 und 6:2 gegen den Amerikaner Mike Russell letztlich gewohnt souverän.
Zwei seiner schärfsten Konkurrenten hielten sich vor Wimbledon noch mehr zurück: Roger Federer, der in Halle absagte, und Novak Djokovic, der im Queen‘s Club nicht antrat, legten nach den French Open erst einmal die Füße hoch und pflegten den malträtierten Körper. „Ich habe eine Pause gebraucht, auch um Verletzungen zu vermeiden“, sagt Federer. Auch Djokovic war froh, für eine kurze Zeit einmal den Tennisschläger aus der Hand legen zu können. 41 Spiele hatte er 2011 bis zum Halbfinale in Paris nacheinander gewonnen, und seine erste Niederlage in diesem Jahr wird keinen Schaden an seinem Selbstbewusstsein angerichtet haben.
Ein Sieg bei einem Vorbereitungsturnier ist schön und gut
„Sie kommen hier mit einer 0:1-Niederlagenserie nach Wimbledon. Was machen Sie, um da wieder raus zu kommen?“ Die Frau, die Djokovic bei seiner Auftaktpressekonferenz diese Frage stellte, war keine Journalistin, sondern eine Kollegin. Caroline Wozniacki ist immerhin die Weltranglistenerste, und seit ihr Anfang des Jahres während der Australian Open jemand steckte, ihre Antworten seien immer so langweilig, hat sie die witzige Seite des Lebens entdeckt. In Melbourne erfand sie prompt die Geschichte eines vermeintlichen Känguruh-Bisses, die dank Internet so schnell in der Welt war, dass selbst die rasche Auflösung des misslungenen Witzes zu spät kam. Der Dänin, als Nummer eins der Setzliste in Wimbledon trotzdem nur ein Außenseitertipp, blieb nichts anderes übrig, als vor dem Ausflug auf den Londoner Rasen eine ganz ungewöhnliche Vorbereitung zu wählen. Sie trat bei einem Hartplatzturnier in der Kopenhagener Heimat an. Immerhin machte sie das Beste daraus und siegte, genau wie Andy Murray, der im Queen‘s Club als britischer Hoffnungsträger für Wimbledon natürlich nicht fehlen durfte.
Ein Sieg bei so einem Vorbereitungsturnier ist zwar schön und gut, allerdings sagt er nicht besonders viel aus. Der Augsburger Philipp Kohlschreiber gewann zuletzt das deutsche Rasenturnier in Halle und wähnte damit das Ende seiner Krise erreicht. Selbst in den englischen Zeitungen gehörte er daraufhin zu denen, die es in Wimbledon zu beachten galt, was seinen Gegner Denis Istomin allerdings offenbar überhaupt nicht interessierte. Der Usbeke siegte 4:6, 6:3, 6:3, 6:3.
Gerne mit viel mehr Matchpraxis wäre Tommy Haas in den Londoner Südwesten gereist, aber nach 15-monatiger Pause wegen einer Hüftoperation muss der Deutsche mit Wohnsitz in Florida erst einmal akzeptieren, dass bislang alle Gegner stets ein Quentchen zu stark waren. Wie bei seinem Comeback in Paris und bei seiner nächsten Station in Halle war nun auch in Wimbledon nach der ersten Runde Schluss. Haas verlor 6:7, 6:7, 6:3, 3:6 gegen den Luxemburger Gilles Muller und hätte der Partie vor allem in den ersten beiden Sätzen leicht eine andere Richtung geben können. „Ich brauche Matchpraxis und noch einmal Matchpraxis“, sagt Haas. Was die einen also manchmal zuviel haben, fehlt anderen total.
Wie Haas und Kohlschreiber muste auch Matthias Bachinger seine Schläger wieder einpacken. Der 24 Jahre alte Tennisprofi aus Dachau verlor am Montag gegen den an Nummer neun gesetzten Franzosen Gael
Monfils erwartungsgemäß mit 4:6, 6:7 (3:7), 3:6. So hat nur Rainer Schüttler als bislang einziger Deutscher die zweite Runde erreicht. Der 35 Jahre alte Korbacher setzte sich am Montag in seiner Auftaktpartie gegen den Brasilianer Thomaz Bellucci mit 7:6, (7:3), 6:4, 6:2 durch. In der nächsten Runde des Rasenspektakels in London bekommt es Schüttler mit Feliciano Lopez zu tun. Der Spanier bezwang auf Court 4 den Stuttgarter Michael Berrer mit 6:4, 7:5, 6:3.