Gary Lineker hat es einmal so hübsch formuliert, dass es zumindest in Deutschland immer wieder gerne zitiert wird: „Fußball ist ganz einfach. Es ist ein Spiel für 22 Spieler, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ Leider – zumindest aus deutscher Sicht – stimmte das nicht einmal. Aber trotzdem ist Linekers Bonmot eines der meist variierten Zitate im Sport. Demnach ist beispielsweise Tennis ein einfaches Spiel für zwei Spieler, und am Ende gewinnt immer Roger Federer (außer in Paris: Da gewinnt Rafael Nadal).
Ein bisschen eintönig ist die Tenniswelt wegen der Dominanz des Weltranglistenersten schon geworden. Bei seinen letzten acht Teilnahmen an Grand-Slam-Turnieren hat er stets das Finale erreicht, sechs davon hat er gewonnen, außer ebenjene beiden in Paris, als er am spanischen Sandplatzkönig scheiterte. Was also soll nun großartig Besonderes in Wimbledon passieren, wo der Schweizer seine letzten 28 Spiele gewonnen hat? Wie sich eine Niederlage auf Rasen anfühlt, wird Federer kaum noch wissen: 2002 unterlag er in Wimbledon in der ersten Runde gegen den Kroaten Mario Ancic. (Siehe auch: Tennis: Ergebnisse von den ATP-Turnieren).
Undenkbarer Bruch mit der Tradition
Seitdem hat er viermal in Wimbledon und viermal beim ATP-Turnier in Halle triumphiert – macht zusammen 48 Siege auf Rasen nacheinander. Weil es also offenbar keine Gegner gibt, die ihm auf diesem Untergrund gewachsen sind – Federer hat nur fünf von 89 gespielten Sätzen bei seinen vier Wimbledon-Siegen verloren –, muss einer aus der Vergangenheit herhalten. Seit die Tennisspieler Profis wurden, hat nur einer fünfmal in Serie in Wimbledon gewonnen: der Schwede Björn Borg.
Erstmals seit einem Vierteljahrhundert will Borg nun wieder an die Church Road kommen. Angeblich soll er Federer die Trophäe überreichen, falls der Schweizer seine Bestmarke einstellen würde. Das wäre ein im Grunde undenkbarer Bruch mit der Tradition, aber auch in Wimbledon ist vieles nicht mehr so, wie es war.
Gegenleistungen für Fans und Fernsehen
Erstmals erhalten die Damen dieselbe Summe als Preisgeld wie die Herren, und erstmals steht der 1922 erbaute Centre Court ohne sein Dach da, das zumindest die Zuschauer vor Regen schützte. In zwei Jahren soll aber auch in Wimbledon der Hauptplatz dank eines ausziehbaren Daches endgültig dem Wetter trotzen können – was den Fernsehsendern und den geduldig für ein Ticket anstehenden Fans etwas mehr Gegenleistung für ihr Geld garantierte. Denn auch das berühmteste Turnier der Welt muss auf lange Sicht mehr bieten als nur skurrile Tradition.
Wer ein Warnzeichen braucht, muss dieser Tage nur in englische Zeitungen schauen: Der Wechsel des Fußballstars Thierry Henry von Arsenal London zum FC Barcelona nimmt dort zum Teil mehr Raum ein als die Vorberichterstattung über das englische Tennis-Heiligtum. „Shocking“ wird mancher Traditionalist im All England Lawn Tennis and Croquet Club das alles finden – aber keine Bange, noch bleibt ihm ganz sicher Bewährtes: Die Wettervorhersage prophezeit Regen. Und am Ende gewinnt Roger Federer.